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Pflanzen als Insektenjäger

Insektenfänger im Moor

Das Leben auf nährstoffarmen Böden ist hart. Schnelles Wachstum ist kaum möglich und Pflanzen, die dort wurzeln, sind der Not gehorchend "einfallsreich". Manche haben sich darauf verlegt, Nährstoffe aus kleinen Tieren zu gewinnen, die ihnen zu nahe kommen. Auch in der Schweiz sind einige dieser eigenartigen "fleischfressenden" Pflanzenarten anzutreffen. 

    In Mooren findet man besonders oft fleischfressende Pflanzen. Hier lohnt es sich, den dringend zum Wachstum benötigten Stickstoff aus Insektenmahlzeiten zu besorgen, denn der kaum vorhandene Sauerstoff in diesen nassen Böden lässt es nur schwerlich zu, dass Mikroorganismen tote Biomasse zersetzen und das organische Material wieder in für Pflanzen nutzbare Mineralsalze umwandeln. Moore sind daher sehr nährstoffarm, und die dort wachsenden Pflanzen sind grundsätzlich klein. So schafft es auch der Rundblättrige Sonnentau (Drosera rotundifolia), zwischen den Torfmoosen und Kleinkräutern zu bestehen. Seine runden Blätter liegen meist nur wenig über dem Erdboden. Sie sind auf der Oberseite mit roten Drüsenhaaren besetzt, die einen klebrigen Sekrettropfen an ihrer Spitze absondern. Diese Tentakel sind beweglich, und wenn sich ein kleines Insekt daran verfängt, neigen sich auch benachbarte Tentakeln dem Opfer zu, um es einzudecken. Das Insekt wird aufgelöst, und so erhält der Sonnentau zusätzliche Nährstoffe.

 

Vielfalt der Karnivoren, und ihrer Fangstrategien

    Die aus Nordamerika stammende, verschiedenenorts verwilderte Rote Schlauchpflanze (Sarracenia purpurea) bildet recht grosse, köcherartige «Kannen». Feine Härchen in deren Inneren weisen in Richtung einer Fallgrube, sodass kleine Insekten bevorzugt in diese Richtung laufen. Sie geraten dann zu einer Gleitzone, die sie ausrutschen und in den Verdauungssaft der Pflanze stürzen lässt. Beim Wasserschlauch (Utricularia sp.) hingegen, einer Wasserpflanze, wird die Beute blitzschnell in kleine, unter Unterdruck stehende Fangblasen eingesaugt. Sobald ein Wasserfloh die hervorstehenden Borsten einer Fangblase berührt, öffnet sich die Klappe und das Tier wird rasend schnell in die Blase gespült.
    Die dickfleischigen Fangblätter des Gemeinen Fettkrautes (Pinguicula vulgaris) wiederum, welches etwa auf moosigen Tuffhängen, Flach- oder Hangmooren wächst, weisen auf ihrer Oberseite gestielte Drüsen auf. Diese sondern einen klebrigen Schleim ab. Daran bleiben kleine Insekten haften, aber auch angewehte Pollen, die von der Pflanze ebenso verdaut werden. Sitzende Drüsen auf der Blattoberfläche geben dann, wenn das gefangene Tier mit ihnen in Berührung kommt, einen enzymhaltigen Verdauungssaft ab.
      Verschiedendste Verwandtschaftslinien der Pflanzen haben unabhängig voneinander fleischfressende Vertreter hervorgebracht. Das Prinzip, bei Nährstoffmangel tierische Nahrung zu nutzen, wurde dabei durch ganz unterschiedliche Methoden verwirklicht. Grubenfallen, Klebfallen und Saugfallen kommen bei unseren heimischen Karnivoren zum Einsatz, während die zu den Sonnentaugewächsen gehörende Venusfliegenfalle (Dionaea muscipula) aus den USA eine bemerkenswerte Klappfalle entwickelt hat. Ihr Fangblatt schnappt rasend schnell zu, sobald die Pflanze ein Opfer darin verspürt. Leider ist diese  aussergewöhnliche Pflanze, die auch sehr oft kultiviert wird, in der Natur inzwischen gefährdet.
      Sogar bei einem Moos wurde die «Verwertung» von tierischer Nahrung nachgewiesen. Das im ostafrikanischen Hochland vorkommende epiphytische Lebermoos Colura zoophaga bildet winzige fallenartige Höhlungen auf seinen Blättern aus. Einzellige Wimpertierchen, die auf der Oberfläche der Pflanze nach Bakterien weiden, geraten gelegentlich da hinein und werden darin festgehalten und aufgelöst. Bisher sind weltweit mehr als 800 Arten fleischfressender Pflanzen festgestellt worden, und gewiss gibt es noch viele weitere zu entdecken! 

Publiziert in Natura Helvetica April/Mai 2017

© E. Wullschleger Schättin

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