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Mistel und Stechpalme

Winterliche Beerenpracht

Sie sind immergrün, winterfruchtend und gehören zu den traditionellen Pflanzen der Weihnachtszeit: die halbparasitische Mistel und die Stechpalme. Beide werden offenbar durch die Klimaerwärmung begünstigt.

    Vom Herbst an, wenn das Laub allmählich fällt, zeigen sich die Misteln besonders gut. Manche alten Obstbäume sind über und über mit Laubholzmisteln (Viscum album) bestückt und scheinen unter der Last buchstäblich zu ächzen. Auch in den Pappeln und Weiden zeigen sich die kugeligen Halbschmarotzer, die noch im Winter ihre schmalen und derben grünen Blätter tragen, nach dem Laubfall besonders deutlich. Ältere Exemplare der Mistel können dabei bis einen Meter Durchmesser errreichen. Dann sind sie schon etliche Jahrzehnte alt, vielleicht bis 70 Jahre, denn die Misteln wachsen sehr langsam.
      Als Halbschmarotzer entziehen Misteln ihrem Wirtsbaum Wasser mit den darin gelösten Mineralstoffen, die dieser aus der Erde gezogen hat. Sie weisen aber selbst grüne Blätter mit Chlorophyll auf und betreiben den Stoffwechselprozess der Fotosynthese selber. Mit einer Art Haftscheibe wachsen sie auf einem Ast oder auch am Stamm des Wirtes fest. Dabei bildet das Gewebe einen Senker aus, der durch die Rinde in die Wirtspflanze einzuwachsen versucht und schliesslich das Leitgewebe des Wirtes anzapfen. Nur sehr vitale Bäume schaffen es manchmal, diesen Senker mit ihrem Dickenwachstum zu überwallen und so die Mistel abzuhalten.
      Etwa im Februar bis Anfang April erscheinen die unscheinbaren, durch Insekten bestäubten Blüten. Daraus entwickeln sich die weissen Beeren etliche Monate später, passend zur Adventszeit sind sie herangereift. Es sind botanisch korrekt ausgedrückt Scheinbeeren, die jeweils einen bis zwei Samen enthalten. Beeren tragen nur die weiblichen Pflanzen der zweihäusigen Mistel. Die männlichen Mistelpflanzen weisen mehr gelblich-grüne Blätter auf als die weiblichen.

 

Wertvolle Vogelnahrung

      Die Beeren werden von Vögeln wie besonders der Misteldrosseln, Wacholderdrosseln und Mönchsgrasmücken verzehrt. Auch der Seidenschwanz, der bei uns als Durchzügler und Wintergast erscheint, nimmt die Beeren gerne als Winternahrung. Die Samen der Mistel sind von einer klebrigen Masse umgeben. Die Vögel verzehren das Fruchtfleisch der Beeren und streifen die klebrigen Samen mit dem Schnabel an einem Ast ab, oder sie verzehren die Beeren als Ganzes. Im letzteren Fall werden die Samen mit dem Kot auf einem anderen Ast – idealerweise auf einem anderen Baum – ausgeschieden, wo sie ebenfalls keimen können. So findet die Mistel eine Möglichkeit, sich auf weitere Standorte in luftiger Höhe zu verbreiten.
      Weltweit sind die Misteln überraschend artenreich vertreten mit rund 1600 Arten aus 88 Gattungen. In der Schweiz kommen drei Unterarten der Weissbeerigen Mistel vor, neben der Nominatform der Laubholzmistel auch die auf Tannen spezialisierte Tannenmistel (V. a. abietis) und die vor allem auf Kiefern wachsende Föhrenmistel (V. a. austriacum). Die Unterarten haben sich also auf verschiedene Wirtspflanzen spezialisiert, doch kann beispielsweise die Föhrenmistel in seltenen Fällen auch auf Fichten wachsen.


Profiteure der Klimaerwärmung

    Die Weissbeerige Mistel ist eine Pflanze mit hohem Licht- und Wärmebedarf. Während der globalen Warmphase von vor 8500 bis 4000 Jahren auf der Nordhalbkugel hatte sie ein wesentlich grösseres Verbreitungsgebiet als heute. Durch die Klimaerwärmung wird sie begünstigt, was beispielsweise die Kiefern in inneralpinen Trockentälern, etwa im Wallis, stark belastet. Berichten aus Deutschland zufolge ist die Laubholzmistel deutschlandweit in Obstanlagen auf dem Vormarsch, wohl teilweise ebenfalls begünstigt durch klimatische Veränderungen.
      Wie die Mistel profitiert auch die immergrüne Stechpalme (Ilex aquifolium) von der Klimaerwärmung. Seit etwa der 1950er Jahre hat sie ihr Verbreitungsgebiet von Westeuropa zunehmend nach Norden und Osten ausgebreitet, und sogar Bereiche Südschwedens erreicht, wo sie zuvor nie nachgewiesen wurde. Wärmere Winter kommen der Stechpalme entgegen, da sie als immergrüne Pflanze auch dann verstärkt Fotosynthese betreiben kann, wenn andere Arten ihr Laub abgeworfen haben.

 

Die Palme, die keine ist

      Der deutsche Name der Stechpalme geht darauf zurück, dass unsere Vorfahren die Pflanze am Palmsonntag als Ersatz für die in Mitteleuropa fehlenden Palmen nutzten. Verwandtschaftlich gehört die Stechpalme aber zu den Stechpalmengewächsen, wie beispielsweise auch der Mate-Strauch (Ilex paraguayensis) aus Südamerika, dessen getrocknete Blätter für Mate-Tee genutzt werden. Die Europäische Stechpalme wächst als Strauch oder in Baumform, wobei die oberen Blätter – ausser Reichweite hungriger Pflanzenfresser – weniger bis gar nicht bestachelt sind. Sie ist als einzige Art hierzulande beheimatet, doch in der subtropischen Vegetation Europas im ausgehenden Tertiärzeitalter war die Gattung der Stechpalmen noch sehr verbreitet.
      Die leuchtend roten, für den Menschen giftigen Beeren sind ebenfalls eine wertvolle Winternahrung für zahlreiche Vögel. Sie sind erst nach einigen Frösten weich und für die Vögel nutzbar, können aber ohne zu verderben den ganzen Winter am Baum verbleiben. Da nicht sonderlich beliebt, werden sie von den Wildvögeln oft erst genutzt, wenn die Früchte anderer Pflanzen abgeerntet sind. Nur weibliche Pflanzen tragen die roten Früchte, denn die Stechpalme ist wie die Mistel zweihäusig.
      Vor allem in England und in Skandinavien sind Zweige mit den robusten Stechpalmenblättern und attraktiven roten Beeren als Weihnachtsdekoration seit jeher sehr beliebt. Aber auch die Mistel gehört bekanntlich zu den traditionellen Weihnachtspflanzen. Misteln, die die weissen Beeren tragen, werden nach altem Brauch in der Weihnachtszeit über der Haustür aufgehängt.

 

Publiziert in Natura Helvetica Dez./Jan. 2018

© E. Wullschleger Schättin

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