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Ein winterfester Schmetterling

Wenn der Winter naht, kommt das emsige Treiben der fliegenden Insekten langsam zur Ruhe. Die meisten Schmetterlinge sterben schon vorher, doch der Zitronenfalter überdauert die kalte Jahreszeit im dichten Pflanzengestrüpp.

    Schmetterlinge sind wie andere Insekten meist recht kurzlebige Wesen. Manche Falter werden kaum älter als ein paar Wochen, und viele Arten leben in mehreren Generationen pro Jahr. Umso erstaunlicher ist es, dass der Zitronenfalter fast ein Jahr lang überdauert. Seine zartgebauten Schmetterlingflügel nehmen auch bei Frost und Winterkälte keinen Schaden, wenn sich das Tier zum Überwintern an kaum geschützte Stellen im Pflanzengewirr zurückzieht.
      Während andere Insekten in kleinen Höhlen oder Nischen, Pflanzenstängeln oder Mauerritzen überwintern, genügt es dem robusten Zitronenfalter offenbar, die Winterruhe frei in der Vegetation, etwa im Brombeergestrüpp, zu verbringen. Manche Exemplare überwintern schlicht an einem Pflanzenstängel oder unter einem Stechpalmenblatt. Sie ziehen sich zur Winterruhe möglichst in Bodennähe zurück, sodass sie bei Schneefällen unter die schützende Schneedecke zu liegen kommen. Dadurch sind die Falter besser isoliert und vor den ärgsten Frösten geschützt. Ihre Winterhärte verdanken die Zitronenfalter einer Art körpereigenem Frostschutzmittel. Durch die eingelagerte Substanz gefriert ihre Körperflüssigkeit nicht so leicht. Zudem geben die Falter vor ihrer Winterruhe alles entbehrliche Wasser ab. So können sie Temperaturen bis minus 20 Grad Celsius überstehen.
     

Im Februar fliegt er wieder
 
    In den ersten warmen Februartagen erwacht der Zitronenfalter oft schon aus seiner Starre. Er ist einer der ersten Schmetterlinge, die zur Verblüffung vieler Naturfreunde so früh wieder umhergaukeln. Das Tagpfauenauge und der Kleine Fuchs können ebenfalls als ausgewachsene Falter überwintern und nutzen somit den gleichen Startvorteil. Sie überdauern die eisige Winterkälte aber an besser geschützten Stellen, etwa in Baum- oder Felshöhlen oder in Gebäuden. Zu den frühen Blütenbesuchern im Jahr zählt zudem das Taubenschwänzchen, ein auffallend behaarter Nachtfalter, der zu einer tagaktiven Lebensweise übergegangen ist und wie ein Kolibri im Schwirrflug Nektar aus den Blüten trinkt. Auch es überwintert teilweise in gut geschützten Nischen wie Mauerspalten, sofern es als Wanderfalter nicht in das südliche Europa ausweicht. Andere Schmetterlinge wiederum überdauern den Winter je nach Art als Raupe, Puppe oder im Ei. Es dauert dann seine Zeit, bis sich in der nächsten Saison die Falter daraus entwickelt haben.
      Manchmal erwacht der Zitronenfalter schon früher im Winter, wenn es sehr lange warm ist. In der Regel erscheint er aber doch erst dann, wenn bereits erste Blüten wie die Weidenkätzchen aufgegangen sind. Auf den Blütennektar, seine Nahrung, ist er im aktiven Zustand schliesslich angewiesen. Beim Nektarsuchen bevorzugt der Zitronenfalter offenbar violette Blüten wie Veilchen, Lerchensporn, Lungenkraut oder Seidelbast. Er verhält sich im Frühjahr aber eher wenig wählerisch und trinkt auch vom Löwenzahn. Wie andere Tagfalter, die von Blütennektar leben, haben Zitronenfalter ein hervorragendes Farbensehen und werden durch die Blütenfarben zu ihren Nahrungsquellen gelockt.
      Im Frühjahr findet die Paarung der Zitronenfalter statt. Wenn eines der leuchtend gelben Männchen ein Weibchen entdeckt hat, verfolgt es dieses energisch in einem tanzenden Balzflug. Lässt sich das Weibchen irgendwo nieder, kann die Paarung erfolgen. Das Männchen ist mit seinen zitronengelben Flügeln mit jeweils orangem Punkt unverwechselbar. Es zeigt sich aber von Natur aus praktisch nie mit aufgeklappten Flügeln, sondern stellt diese nach der Landung immer sofort hoch. Auch wenn sich Zitronenfalter im Frühjahr ausgiebig sonnen, um Wärme zu tanken, tun sie dies seitlich mit zusammengeklappten Flügeln. Das Weibchen ist deutlich blasser gefärbt, eher grünlich-weiss, wobei vereinzelt auch gelbe, dem Männchen ähnliche Weibchen gefunden wurden. Es kann von unkundigen Beobachtern leicht mit anderen weissen Schmetterlingen wie den Kohlweisslingen verwechselt werden.
      Ein paar Tage nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier einzeln auf Zweigen, Knospen oder jungen Blättern von Faulbaum oder Kreuzdorn ab, wahrscheinlich auch auf anderen Kreuzdorngewächsen. Die frisch gelegten Eier sind zunächst hellgelb und verfärben sich später rötlich. Daraus schlüpfen unauffällig grüne Räupchen, die sich zunächst vor allem auf den Blattunterseiten aufhalten. Später ruhen sie, durch ihre Färbung bestens getarnt, auf der Mittelrippe der Blattoberseite. Die Puppe ist ebenfalls grün und zwischen den Pflanzenblättern leicht zu übersehen.
      Die jungen Zitronenfalter schlüpfen nach zweiwöchiger Puppenruhe im Juli und sind dann oft an rotviolett blühenden Pflanzen wie Kratzdisteln oder dem Blutweiderich trinkend zu sehen. Schon nach kaum zwei Wochen fallen sie in eine Art Sommerschlaf, der bis in den frühen Herbst hinein dauert. Vor ihrer anstehenden Winterruhe werden sie nochmals munter, jedoch nur für kurze Zeit. Fortpflanzen werden sie sich erst im kommenden Frühjahr. Ihre ungewöhnliche Langlebigkeit haben die Zitronenfalter zweifellos den beiden Ruhephasen, der Sommer- und der Winterruhe, zu verdanken. Während diesen bleibt ihr Stoffwechsel auf ein überlebenswichtiges Minimum beschränkt.


Verwandter im Süden

    Im Gegensatz zu etlichen anderen Schmetterlingsarten, die aufgrund des Verlustes ihrer Lebensräume teilweise stark gefährdet sind, kommen Zitronenfalter noch relativ häufig vor. Sie zählen zu den bekanntesten Schmetterlingen und sind gelegentlich in Gärten zu sehen, wo sie nach Blüten suchen. Ansonsten fliegen Zitronenfalter vor allem in lichten Wäldern mit Gebüschsäumen, an naturnahen Waldrändern oder bei Hecken. Sie bleiben zur Fortpflanzung an Vorkommen von Faulbaum und Kreuzdorn gebunden, also an diejenigen Sträucher, von welchen sich ihre Raupen ernähren. Oft wandern die Weibchen weit umher, um einen dieser Sträucher zur Eiablage zu finden. Schon ein einzelner Faulbaumstrauch bietet auch im Garten gute Eiablageplätze für diesen schönen Schmetterling. Und ein reiches Angebot einheimischer Blumen hilft nebst ihm etlichen weiteren Schmetterlingen, in der intensiv genutzten Landschaft zu überleben.
      Trotz ihrer gelben Flügelfarbe gehören Zitronenfalter zur Familie der Weisslinge und damit in die Verwandtschaft des Kleinen Kohlweisslings, dessen Raupen oft in Kohlpflanzen heranwachsen. Im südlichen Europa lebt eine nah mit dem Zitronenfalter verwandte Art, der Kleopatrafalter. Dieser hübsche und ebenso zitronengelbe Falter, dessen Vorderflügel beim Männchen einen grossen orangen Fleck aufweisen, kommt im Mittelmeerraum bis hinauf ins Tessin vor.

Publiziert in: Zeitlupe Nr. 12, 2011

© E. Wullschleger Schättin

 

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