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Vielfältige Welt der Schnecken

Die einheimische Schneckenfauna beschränkt sich keineswegs auf die in Gärten gefürchteten roten Nacktschnecken, die Bänderschnecken mit ihren bunten Gehäusen und die grossen Weinbergschnecken. In der Schweiz lebt eine erstaunliche Vielfalt von Weichtieren, welche die unterschiedlichsten Lebensräume besiedeln.


Es gibt kaum einen natürlichen Lebensraum in der Schweiz, der nicht von irgendeiner Schnecke besiedelt wird. Wälder, Hecken, Sümpfe und Feuchtwiesen, Tümpel und Seen, alpine Landschaften und Trockenwiesen beherbergen je eine charakteristische Fauna einheimischer Schneckenarten. Darunter gibt es von Auge kaum sichtbare und dezimeterlange Schnecken, längliche bis runde Gehäuseformen, die bei gewissen Arten mit feinen Haaren versehen sind, oder seltsam anmutende Halbnacktschnecken, die nur noch den Rest einer Schale auf dem Rücken tragen. Zu letzteren zählt etwa die Ohrförmige Glasschnecke, welche besonders nach Regenfällen in feuchtem Laub anzutreffen ist.

Die kleinste aller europäischen Schnecken, mit dem treffenden Namen Punktschnecke versehen, lebt in der Bodenstreu von Laubwäldern und erreicht dabei oft Dichten von über hundert Individuen pro Quadratmeter. Ihr Gehäusedurchmesser beträgt beim Schlupf aus dem Ei einen knappen halben Millimeter, im Erwachsenenalter immerhin etwa einen Millimeter. Zu sehen sind diese Tiere also nur, wenn man sich die Mühe macht, altes Laub unter einer guten Lupe zu betrachten! Dagegen ist die Weinbergschnecke mit ihrem gut fünf Zentimeter grossen Haus eine bekannte Erscheinung. Sie überwintert an geeigneten Standorten im Boden und erreicht mit etwas Glück ein Alter von über 30 Jahren.


Brunnenschnecken

Winzig klein sind auch die Brunnen- und Quellschnecken, die zur Familie der Zwergdeckelschnecken zählen. Diese leben in den wohl unzugänglichsten aller Lebensräume, nämlich in Quellen und Höhlengewässern, wobei einige Arten bis ins Grundwasser vorstossen. Dort ernähren sich die millimeterkleinen Wasserschnecken von Algen, Pilzen und anderen Ablagerungen auf den umspülten Felspartien, und hinterlassen dabei deutliche Spuren in der dünnen Sedimentschicht. Es gibt eine Reihe verschiedener Arten, doch ihre Erforschung ist wegen der Unzugänglichkeit des Lebensraumes schwierig.

So erstaunt es kaum, dass vor wenigen Jahren gleich zwei neue Arten von Zwergdeckelschnecken entdeckt wurden. Die 1,8 Millimeter kleine Belgrandia gfrast fanden Basler Forscher praktisch vor ihrer Haustür – rund fünf Kilometer von Basel entfernt in einer Quelle im Schutzgebiet der Petite Camargue. Ihr Vorkommen scheint auf eine einzige Quelle beschränkt, die dank des Landschaftsschutzes glücklicherweise intakt geblieben ist, ohne dass man von ihren speziellen Bewohnern wusste. Eine weitere Neuentdeckung gelang den Basler Forschern im Tessin, wo sie die eineinhalb Millimeter kleine Graziana quadrifoglio in zwei Quellen bei Riva San Vitale fanden.

Brunnenschnecken und Quellschnecken sind wegen der Zerstörung natürlicher Quellen gefährdet. Sie sind auf kühles, reines Quellwasser angewiesen, und gelten als Indiz für eine gute Wasserqualität, wenn sie in Quellen oder Brunnen gefunden werden.


Nidwaldner Haarschnecke

Ein weiterer brisanter Fund wurde letztes Jahr aus der Zentralschweiz gemeldet, nachdem Generationen von Feldforschern fast 90 Jahre lang vergeblich danach gesucht hatten: Die Nidwaldner Haarschnecke, deren Vorkommen bislang auf einen einzigen Standort am Chaiserstuel im Kanton Nidwalden beschränkt schien, zeigte sich an zwei weiteren Stellen in den Kantonen Uri und Obwalden. Aufgestöbert hat sie der Innerschweizer Biologe Markus Baggenstos, nachdem er den Lebensraum dieser äusserst seltenen Schnecke eingehend studiert hatte.

Die Nidwaldner Haarschnecke trägt ein abgeflachtes Gehäuse, mit welchem sie sich in engen Nischen unter losen Steinplatten bewegen kann. Die Steine scheinen gleichermassen als Wärmespeicher und als Schutz vor Austrocknung zu dienen. Als hoch spezialisierter Gebirgsbewohner lebt diese Haarschnecke nur in einem ganz bestimmten, von Extremen geprägten Lebensraumtyp auf über 2000 Metern Höhe über Meer. Sie könnte ein Opfer des Klimawandels werden, sollte sich ihr Lebensraum aufgrund der Erwärmung stark verändern.


Lebenskünstler in Fels und Wiese

Auch in tieferen Lagen werden felsige und steinige Standorte von spezialisierten Schnecken besiedelt. Auf zerklüfteten Kalkfelsen leben zum Beispiel verschiedene Schliessmundschnecken. Ihr langgezogenes Gehäuse erlaubt es ihnen, sich in Spalten und Nischen zurückzuziehen. Bei Regen und Nässe werden sie aktiv, und man sieht die Schliessmundschnecken dann häufig wie kleine Spindeln auf Gesteinsflächen sitzen, wo sie Nahrung abweiden. Ihr Gehäuse ist zwecks Verdunstungsschutz mit einem komplizierten Verschlussapparat versehen, was den Schnecken ihren deutschen Namen gab.

Schnecken in Trockenwiesen haben eine andere Strategie entwickelt, um Hitze und Trockenheit zu entgehen. Wenn am Boden tödliche 50 bis 60 Grad herrschen, ruhen beispielsweise Weisse Vielfrassschnecken in erhöhter Lage an Pflanzenstängeln, wo der Luftzug für Kühlung sorgt. Ein feines Häutchen verschliesst den Gehäuseeingang und sorgt so für zusätzliche Isolation. Zudem ist das Gehäuse der Vielfrassschnecke sehr hell, was der Erwärmung durch die Sonne vorbeugt.

Obwohl Schnecken allgemein feuchtwarme Bedingungen vorziehen, können auch trockene Wiesen sehr artenreich an Weichtieren sein, wie die Molluskenspezialistin Dr. Margret Gosteli vom Naturhistorischen Museum Bern erklärt. In intakten Halbtrockenwiesen ist durchaus mit 20 Schneckenarten zu rechnen. Eine Bedrohung stellt jedoch die Beweidung dar, denn die Schnecken werden durch das Vieh zertreten.

In der Schweiz leben insgesamt rund 280 Schneckenarten, wobei ein Drittel davon auf der Roten Liste der bedrohten Arten steht. Weltweit sind über 55’000 Arten dieser Weichtiere bekannt, und bestimmt sind etliche bis heute noch unbekannt. Schnecken sind vor allem wegen der Zerstörung ihrer Lebensräume bedroht.


Museumssammlungen

Sehr viele Schneckenarten wurden zur Zeit der grossen Entdeckungsreisen im vorletzten Jahrhundert erstmals von Zoologen untersucht und bestimmt. Damals trugen Naturforscher umfangreiche Sammlungen von Schneckenschalen aus aller Welt zusammen. Auch der Zürcher Physikprofessor Albert Mousson (1805-1890) sammelte Zehntausende von Schalen, die später der Universität Zürich überantwortet wurden. Darunter sind rund 700 Fundstücke, anhand welcher die jeweilige Art erstmals beschrieben wurde und die deshalb von besonderem wissenschaftlichem Wert sind.

Im Rahmen eines Projektes werden diese und weitere historisch bedeutsame Schneckenschalen, die in Museen und Universitäten lagern, nun für die Präsentation im Internet fotografiert. Die detaillierten Fotos sollen Forschern die Arbeit erleichtern und auch Privatpersonen zugänglich sein. Voraussichtlich werden sie in einer Biodiversitäts-Datenbank im Internet zu sehen sein, und Interessierten einen kleinen Einblick in die unermessliche Vielfalt der Schneckengehäuse erlauben (GBIF Schweiz).


Text publiziert (leicht verändert) in: Zeitlupe, Nr. 5/2006

© E. Wullschleger Schättin

 

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