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Marienkäfer

Glücksbringer mit weitläufiger Verwandtschaft

Der Siebenpunkt-Marienkäfer wird in Deutschland als Insekt des Jahres 2006 geehrt. Er gilt seit Jahrtausenden als heilig und ist mit seinem hübschen Erscheinungsbild zum wohl beliebtesten Glückssymbol geworden. Seine Rolle als Läusejäger hat man früh erkannt.

Marienkäfer.JPGSie sind leuchtend rot, bunt gemustert und mit einer hübschen halbkugeligen Form versehen. Unter allen Krabbeltieren haben es Marienkäfer am ehesten geschafft, menschliche Sympathie zu erwecken. Als Glückssymbol sind sie allbekannt, als Motiv für Kinderbücher und Geburtstagskarten immer wieder gefragt. Aus der weitläufigen Verwandtschaft der Marienkäfer kennen die meisten Menschen vor allem den Siebenpunkt, der mit roter Grundfarbe und der mythisch bedeutungsvollen Zahl von sieben schwarzen Punkten auf den Flügeldecken versehen ist. Dieses auffallende Tier kommt wohl seit jeher relativ häufig in Menschennähe vor.

Weltweit gibt es etwa 5500 Arten von Marienkäfern, wovon rund 230 in Europa heimisch sind. Darunter finden sich neben den roten auch gelbe, schwarze und braune Exemplare, solche mit vielen kleinen Tupfen oder andere mit grossen und ineinander zerfliessenden Mustern. Nicht immer lässt sich anhand des Farbmusters auf die Art schliessen, denn etliche Spezies sind äusserst vielgestaltig in ihrer Färbung. Die Punkte auf den Flügeldecken der hübschen Käfer zeigen auch nicht das Alter an, wie gelegentlich behauptet wird (sie sind genetisch festgelegt). Frisch geschlüpfte Siebenpunkte lassen sich aber durch ihr helleres Rot von älteren Tieren unterscheiden, denn bis zur völligen Ausfärbung dauert es meist mehrere Tage.


Buntes Warnkleid

Das auffallende Erscheinungsbild des Siebenpunkt-Marienkäfers und einiger seiner Verwandten fungiert offenbar als Warnkleid: Die mit ihrem leuchtenden Rot von weitem sichtbaren Käfer signalisieren damit Fressfeinden, dass sie ungeniessbar sind. Tatsächlich enthalten Siebenpunkte und andere Marienkäfer bitter wirkende Stoffe.

Werden Marienkäfer dennoch angegriffen, so stellen sie sich tot und scheiden an ihren Beingelenken eine gelbliche, bittere Flüssigkeit aus. Auch ihre Larven und Puppen sowie einige andere Insekten können bei Belästigung unangenehme Sekrete abgeben. Extrem ungeniessbar scheinen Marienkäfer aber nicht zu sein, denn sie werden durchaus von einigen Vögeln, manchmal auch von Spitzmäusen, Eidechsen oder Fröschen gefressen.


Läuse auf dem Speiseplan

Der Siebenpunkt-Marienkäfer vertilgt in seinem etwa einjährigen Leben beträchtliche Mengen von Blattläusen. Dabei tut er gut daran, nicht allzu viele Holunderblattläuse aufzunehmen, denn diese enthalten einen vom Holunder aufgenommenen Giftstoff, der sich negativ auf die Schlüpfrate der Siebenpunkt-Käferlarven auswirkt. Neben den räuberischen gibt es auch Marienkäfer, die Mehltaupilze und Pollen verzehren. Der Zaunrüben-Marienkäfer wiederum ernährt sich als Pflanzenfresser speziell von der Zaunrübe.

Die Räuber-Beute-Beziehung zwischen Marienkäfern und den gefürchteten Pflanzenläusen ist seit langem bekannt. Der schwedische Naturwissenschaftler Carl von Linné hat bereits 1752 darauf hingewiesen, dass die Käfer zur Bekämpfung von Pflanzenläusen eingesetzt werden könnten. Tatsächlich umgesetzt wurde die gezielte biologische Schädlingsbekämpfung jedoch erst 1889, als der aus Australien stammende Marienkäfer Rodolia cardinalis in Kalifornien angesiedelt wurde.

Dort sollte er eine ebenfalls aus Australien eingeschleppte Schildlaus dezimieren, welche in Orangenhainen beträchtliche Schäden anrichtete und die kalifornische Zitrusindustrie beinahe zum Erliegen brachte. Schon wenige Jahre nach den ersten Aussetzungen war die Schildlaus praktisch verschwunden. Wegen dieses überwältigenden Erfolges wurde der Rodolia-Marienkäfer in etlichen weiteren Ländern angesiedelt.


Helfer gegen Pflanzenschädlinge
      
Die weit wenigsten Einbürgerungen standortfremder Käfer waren jedoch so erfolgsbringend wie jene des Rodolia-Marienkäfers in Kalifornien. Jede Aussetzung ist im Prinzip ein ökologisches Experiment – mit ungewissen Folgen auf die heimische Natur. Vor wenigen Jahren sorgte in Europa der Asiatische Marienkäfer Harmonia axyridis für negative Schlagzeilen, der sich massiv ausgebreitet hat und heimische Arten in Bedrängnis bringt. Fatal ist dabei, dass dieser Exot ein breites Nahrungsspektrum hat und unter anderem auch Schmetterlingseier verzehrt.

Für den Einsatz in Gewächshäusern wird heute häufig der braun-schwarz gefärbte australische Marienkäfer Cryptolaemus montrouzieri verkauft, welcher Woll- und Schmierläuse dezimiert. Da exotische Marienkäfer wie dieser Australier auf jeden Fall am Entweichen gehindert werden müssen, kann ihr Einsatz problematisch sein. Auch der europäische Siebenpunkt wurde zwecks biologischer Läusebekämpfung gezüchtet, und nach Nordamerika eingeführt, wo er natürlicherweise nicht vorkommt.

Weitere Probleme der biologischen Bekämpfung mit Marienkäfern sind das Auftreten von Kannibalismus bei der Aufzucht und die Neigung der Käfer, bei schwindendem Nahrungsangebot abzuwandern. Es ist deshalb auch nicht das Ziel, die schadbringenden Läuse ganz zum Verschwinden zu bringen. Das hätte zur Folge, dass die Käfer ebenfalls verschwinden, worauf innert Kürze neue Läuse zuwandern und sich kräftig vermehren könnten. Die Läuse sollen lediglich auf ein für die Pflanzen tragbares Niveau dezimiert werden.

Im Garten ist es natürlich sinnvoll, heimische Marienkäfer zu fördern und durch Verzicht auf Gifteinsatz zu schonen. Der Siebenpunkt lebt vor allem von verschiedenen Blattläusen in der Krautschicht und profitiert wie andere Marienkäfer von einer naturnahen Landschaft mit Unterschlupfmöglichkeiten. Besonders die auf Feldern und offenen Flächen lebenden Marienkäferarten sind auf Gehölze, Waldränder oder Hecken angewiesen, wohin sie sich zur Ueberwinterung zurückziehen. Marienkäfer überwintern als ausgewachsene Käfer und finden sich dabei zu kleineren oder grösseren Gruppen zusammen. Im Extremfall können sich Millionen von Käfern versammeln!


Insekt mit Heiligenstatus

Die Verbindung der roten Farbe mit der heiligen, magischen Zahl sieben hat dem Siebenpunkt-Marienkäfer schon früh menschliche Verehrung beschert. Bereits im alten Indien seien Marienkäfer heilig gewesen. In Europa werden sie seit mindestens 20'000 Jahren verehrt, wie sich aus dem Fund einer Marienkäferplastik aus Mammut-Elfenbein in der Dordogne schliessen lässt.

Die weit wenigsten Insekten wurden wie der Marienkäfer in den Rang eines göttlichen Tieres erhoben, im Gegenteil wurden die meisten eher als Ungeziefer verteufelt. Die göttliche Herkunft lässt sich an zahlreichen volkstümlichen Namen erkennen: Mancherorts heisst der Marienkäfer noch „Maria Mutter Herrgotts Chäferli“, Herrgottskäfer, Muttergotteswürmchen, Liebfrauenkäfer, oder Bête à bon Dieu im Französischen. In der englischen Sprache ist der Ausdruck Lady Bug geläufig. Unklar bleibt, was den Marienkäfer einst mit der Heiligen Mutter Maria in Verbindung gebracht hat. Mit der Wahl zum Insekt des Jahres 2006 steht der beliebte Glückskäfer nun erneut im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

 

Publiziert (leicht verändert) in: Zeitlupe, Nr. 7/8 2006

© E. Wullschleger Schättin

 

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