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Ameisenhirten mit Läuseherde

Im Regenwald Malaysias machten Forscher eine verblüffende Entdeckung: Ameisen, die Läuse aufheben und wegtragen. Sie entpuppten sich als tierische Wanderhirten, die ihre Läuseherde bei Bedarf von Pflanze zu Pflanze zügeln.

Es gibt erstaunliche Zweckgemeinschaften in der Tierwelt, von denen manche verblüffend an die menschliche Landwirtschaft erinnern. Tropische Blattscheiderameisen zum Beispiel tragen kleine Blattstücke in ihr Nest, um damit eine Pilzkultur zu betreiben, von der sie sich ernähren. Ein Riffbarsch (Stegastes nigricans) fördert seine bevorzugte Algennahrung im Korallenriff, indem er konkurrierende Arten von Algen aus dem Bestand „jätet“ und die Felder gegenüber Eindringlingen verteidigt. Und nun sind auch die Hirten im Tierreich vertreten: Forscher entdeckten eine Reihe tropischer Wanderhirtenameisen, die in mobilen Camps leben und mit speziellen Arten von Schmierläusen von einer Weidestelle zur nächsten ziehen.

Vor gut 20 Jahren stiess der Frankfurter Zoologe Ulrich Maschwitz mit einem Forschungsteam im malayischen Regenwald auf eine Ansammlung von Drüsenameisen der Art Dolichoderus cuspidatus, die sich bei einer Gruppe saugender Schmierläuse auf einer Pflanze aufhielt. Daran fand sich noch nichts Ungewöhnliches, denn bei Gelegenheit melken viele Ameisen den Honigtau von Pflanzenläusen und verteidigen diese im Falle einer Störung auf der Pflanze.

Die tropischen Drüsenameisen gingen aber einen Schritt weiter, wie die erstaunten Forscher feststellten: Anstatt den Schauplatz einer Störung wie europäische Ameisen einfach zu verlassen, packten einige der aufgeschreckten Arbeiterinnen Läuse und trugen sie umher. Zudem begannen die Läuse herumzulaufen und mit den Ameisen Kontakt aufzunehmen. Sie wehrten sich nicht, wenn sie ergriffen wurden, sondern legten im Gegenteil ihre Beine und Fühler am Körper an, was den Arbeiterinnen das Tragen erleichterte. 
 

Zieht die Kolonie weiter, wandern Königin, Kind und Laus mit

Als Maschwitz nach einiger Mühe das Nest der Ameisen ausfindig machen konnte, zeigte sich weiter Überraschendes. Es handelte sich um ein mobiles Biwaknest, wie man es von räuberisch lebenden Treiberameisen kennt, die auf der Suche nach Nahrung im Regenwald umherziehen. Auf den Strassen der Drüsenameisen waren immer wieder Arbeiterinnen mit Läusen unterwegs, manche zum Nest hin und manche davon weg. Im Nest selber waren ebenfalls Läuse aller Altersstadien zu sehen. Offenbar trugen die Ameisen vor allem trächtige Lausweibchen ins Nest, wo diese geschützt ihre Jungen zur Welt bringen konnten.

Doch der Hauptzweck des Laustragens war ein anderer, wie die Zoologen feststellten, als sie das Futterplatzsystem einer Ameisenkolonie über längere Zeit beobachteten. Dieses kann aus bis zu einem Dutzend Futterplätzen bestehen, wo die Schmierläuse Pflanzensaft saugen. So bemerkten die Forscher, dass es gelegentlich zu plötzlichen Umzügen der Läuse kam. Sämtliche Saugplätze auf einer bestimmten Pflanze wurden innert Kürze aufgegeben und die Läuse von den Ameisen wie in einem Alpabzug weggetragen. Sie landeten zunächst in einem Zwischenlager auf dem Boden, gut bewacht durch die Arbeiterinnen des Ameisenvolkes, bevor sie zu neuen Weidegründen gebracht wurden.

Dabei wurden Pflanzen aus verschiedendsten Verwandtschaftsgruppen gewählt. An Bäumen, Sträuchern, krautigen Pflanzen, ja sogar an Bambus und Farnen wurden die Läuse mit ihren Ameisen entdeckt. Lagen ideale Weidepflanzen zu weit weg, so zog die gesamte Ameisenkolonie mit Königin, „Kind und Laus“ um, wie die Forscher berichteten. In grösseren Kolonien bewegten sich bis mehrere zehntausend Ameisen höchst geordnet und effektiv zum neuen Standort, sodass der Umzug in wenigen Stunden vollzogen war.


Auf Regenwald angewiesen

Bei genauerer Betrachtung zeigte sich, weshalb die Läuseweiden stets gewechselt werden. Alle genutzten Pflanzen oder Pflanzenteile waren sehr jung und die Läuse fanden deshalb in ihrem Saft mehr Aminosäuren und andere wertvolle Aufbaustoffe vor. Dadurch produzierten sie selber einen besonders gehaltvollen Honigtau, der ihren Ameisenpartnern als vollwertige Nahrung genügt. So können diese ausschliesslich vom Honigtau der Läuse leben, ohne einen Nährstoffmangel zu erleiden. Der Preis dafür: Die Pflanzen sind jeweils nur vorübergehend in einem Stadium, wo sie von den Läusen genutzt werden können.

In jahrelangen Studien entdeckten Maschwitz und seine Mitarbeiter bislang 15 Arten von Wanderhirtenameisen mit jeweils „eigener“ Laus-Art, die alle in Südostasien leben. Ihre aussergewöhnliche Lebensgemeinschaft kann nur in artenreichen tropischen Regenwäldern bestehen, wo das ganze Jahr hindurch immer irgendwo Pflanzen in der Wachstumsphase zu finden sind. In Plantagen und Monokulturen ist dies nicht der Fall. Die rasante Zerstörung der Regenwälder ist deshalb auch eine Bedrohung für dieses einzigartige Symbiosegespann mit seiner nie zuvor bei Tieren gesehenen Lebensweise.

 

Publiziert in Tierwelt Nr. 31, 2010

© E. Wullschleger Schättin

 

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