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Sumpfschildkröte

Die diskreten Sumpfbewohner

Schildkröten faszinieren viele Menschen, doch würde man sie nicht in der heimischen Natur vermuten. Nur vereinzelt gibt es passende Lebensräume in tieferen Lagen der Schweiz, wo die Europäische Sumpfschildkröte natürlicherweise leben kann.

    Gelegentlich kommt es vor, dass aufmerksame Naturfreunde hierzulande eine dunkle Schildkröte mit flachem Panzer sehen, die sich auf einem aus dem Wasser ragenden Ast sonnt. Leider ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich dabei um einen Gefangenschaftsflüchtling handelt, um ein ausgesetztes Tier aus einem Terrarium oder um eines, das aus einem ungenügend gesicherten Gartenteich ausgebüxt ist.
      Das bereitet Biologen und Tierschützern Sorge, denn die exotischen Schildkröten können Krankheitskeime in die natürlichen Gewässer einbringen und das Gefüge der einheimischen Arten beeinträchtigen. Manchmal überleben die zähen Tiere jahre- oder jahrzehntelang in der Natur, obwohl die Umgebungsbedingungen für sie nicht ideal sind. Vor allem in dicht besiedelten Gebieten werden häufig solche „Gartenteichflüchtlinge“ beobachtet, berichten Biologen. In den meisten Fällen handelt es sich um exotische Schmuckschildkröten, die ursprünglich aus Nordamerika stammen, wo sie in mehreren Arten vorkommen.

 

Im Mittelalter hier verbreitet

    Die konkurrenzstarken Exoten könnten zur Gefahr für die Europäische Sumpfschildkröte werden, welche natürlicherweise in Europa lebt. Aber ist letztere in der Schweiz überhaupt heimisch? Wurde sie einst hier ausgerottet? Handelt es sich bei ihren heutigen Vorkommen ebenfalls um ausgesetzte Tiere, oder haben ein paar aus ursprünglich anwesenden Populationen überlebt?
    Ohne Zweifel kam die Europäische Sumpfschildkröte schon vor Jahrhunderten in der Schweiz vor. Im Mittelalter war sie wohlbekannt, denn sie galt wie der Biber und andere Wassertiere als Fastenspeise und wurde deshalb intensiv als Nahrungsquelle genutzt. Sie wurde gehandelt und über weite Strecken herumtransportiert. Auch liessen die Klöster künstliche Fischteiche bauen und förderten damit das Wasserleben. „Es gab damals schon so viele Eingriffe, dass die Situation schwer zu rekonstuieren ist“, erklärt der Naturwissenschaftler Andreas Meyer von der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz der Schweiz (KARCH).
    Heute wird die Europäische Sumpfschildkröte als gefährdete Art eingestuft, denn sie ist durch den Verlust ihrer Lebensräume vielerorts selten geworden oder gar verschwunden. Auch in der Schweiz sollen lokal angepasste Populationen der Sumpfschildkröte in für sie geeigneten Lebensräumen wieder gefördert werden. Vor allem in der Romandie und im Tessin gibt es Feuchtgebiete, die dazu geeignet wären, wie wissenschaftliche Vorabklärungen ergeben haben. Es sind nicht sehr viele, denn die Lebensraumansprüche der Europäischen Sumpfschildkröte liegen für weite Teile der Schweiz gesehen im Grenzbereich: Die Tiere benötigen eher warme, sonnige Gewässer unterhalb von 500 Metern über Meer, wobei auch die Umgebung im Uferbereich für sie stimmen muss.
      Wichtig sind in der Nähe des Gewässers gelegene trockene, sandige, sonnenexponierte Lebensräume wie etwa Trockenwiesen, wo die Weibchen ihre Eigelege vergraben können. Auf der Suche nach einem Eiablageplatz wandern die Sumpfschildkrötenweibchen manchmal weit umher, doch suchen sie meistens jedes Jahr wieder denselben Platz auf. Die frisch geschlüpften Jungtiere wiederum brauchen genügend Deckung vor Beutegreifern wie Füchsen, Mardern, Krähen oder Katzen, bevor sie ins Wasser gelangen.
      Ausgewachsene Sumpfschildkröten haben kaum mehr Beutegreifer zu fürchten. Im Wasser bewegen sie sich mit ihrem flachen Panzer, dem langen Schwanz und den Schwimmhäuten an den Füssen geschickt fort und erbeuten ihrerseits kleinere Wassertiere. Neben Fischlaich, Kaulquappen, verschiedenen wirbellose Tieren wie Schnecken, Insekten oder deren Larven verzehren sie auch Aas oder pflanzliche Nahrung wie Wasserlinsen und Seerosen. Beobachten lassen sich Sumpfschildkröten meistens beim Sonnenbad, etwa auf einem aus dem Wasser ragenden Baumstück oder Ast. Sie sind an ihrem dunklen Panzer, der mit gelben Tupfen und Stricheln gezeichnet ist, meist gut zu erkennen. Auch der Körper weist häufig gelbe Punkte oder Flecken auf.


Genetische Anpassungen

    Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Genotypen der Europäischen Sumpfschildkröte, die mit ihren genetischen Eigenschaften jeweils an die Lebensbedingungen ihres Ursprungsortes angepasst sind. Dies geht offenbar darauf zurück, dass Sumpfschildkröten durch die Eiszeit in verschiedene Rückzugsgebiete zurückgedrängt wurden, worauf sich ihre Populationen getrennt voneinander weiterentwickelten. Auf Sizilien hatte sich in der Abgeschiedenheit gar eine eigenständige Art entwickelt, die sich deutlich von anderen Europäischen Sumpfschildkröten unterscheidet. Das Verbreitungsgebiet der Europäischen Sumpfschildkröte ist riesig und erstreckt sich von Nordafrika über die Iberische Halbinsel, Frankreich, Italien, die Balkanhalbinsel, Anatolien und Südosteuropa bis zum Aralsee und in den nördlichen Iran. Im östlichen Europa kommt sie durchaus weit nach Norden bis Litauen vor.
      Für Wiederansiedlungsprojekte ist es wichtig, dass nicht nur der Lebensraum stimmt, sondern allenfalls auszuwildernde Tiere aus möglichst nahen Gebieten der gleichen Klimazone stammen. Das wird bei heutigen Auswilderungsprojekten, welche unter Beachtung der natürlichen Gegebenheiten und unter strengen Richtlinien durchgeführt werden, berücksichtigt. Früher hatte man jedoch oft Sumpfschildkröten ausgesetzt, deren genaue Herkunft unbekannt war.
      In Frankreich existieren gebietsweise noch angepasste, lebensfähige Bestände der Sumpfschildkröte, die sich in ihren Lebensräumen gut fortpflanzen. Auch im Kanton Genf wurden grössere Vorkommen der Europäischen Sumpfschildkröte gefunden, die laut Andreas Meyer „funktionieren“, die also eine gesunde Altersstruktur haben und sich in der Natur fortpflanzen. Wie genetische Untersuchungen gezeigt haben, handelt es sich dabei aber zum grössten Teil um standortfremde Tiere. Nur sehr wenige könnten einheimischen Ursprungs sein. Offenbar sind die speziellen Lebensbedingungen an diesem Standort so passend, dass auch die südländischen Sumpfschildkröten gut dort leben können.
      Letztlich, so Andreas Meyer, handelt es sich um eine Grundsatzfrage: Die Tiere gelten als einheimische Art wie der Biber und der Luchs, welche beide einst in der Schweiz ausgerottet waren. Auch ihre heutigen Vorkommen gehen streng genommen auf Tiere aus dem Ausland zurück.
     
     
Schildkrötenbeobachtungen: Meldungen erwünscht
Haben Sie eine Sumpfschildkröte gesehen? Die Koordinationstelle für Amphibien und Reptilien der Schweiz ist interessiert an Meldungen, am besten mit Foto des Tieres: KARCH, Passage Maximilien-de-Meuron 6, 2000 Neuchâtel; www.karch.ch
Aussetzungen von Haustieren sind illegal und schädlich, bitte unbedingt darauf verzichten! Es existieren Auffangstationen, die unerwünschte Schildkröten aufnehmen: Infos bei Schildkröten-Interessengemeinschaft Schweiz; www.sigs.ch 

Publiziert in: Zeitlupe Nr. 7/8, 2012

© E. Wullschleger Schättin

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