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Eidechsen

Tierische Zaungäste

Wo die Landschaft noch viel Nahrung, Sonnenplätze und Verstecke bietet, finden Eidechsen einen Lebensraum. Die flinke Mauereidechse besiedelt auch Bahnböschungen, sogar mitten in der Stadt Zürich.

    Vielseitige Naturgärten mit „wilden Ecken“, Nischen und Kleinstrukturen ziehen immer wieder besondere Gäste aus der heimischen Tierwelt an.  So sonnt sich eines Tages im frühen Mai eine grosse, prächtige Eidechse auf dem Treppenabsatz. Ihre hellgrünen Körperseiten setzen sich deutlich von der graubräunlichen Oberseite ab. Sie zeigen, dass es sich um ein Männchen der Zauneidechse handelt. Nach der Winterruhe ist es frisch gehäutet und präsentiert sich nun zur Paarungszeit im glänzenden Hochzeitskleid. Seine grüne Farbe ist besonders intensiv und wirkt fast leuchtend.
    In früherer Zeit waren solche „Zaungäste“ nicht selten im Mittelland anzutreffen. Ihr Name rührt wohl daher, dass Zäune als grenzbildende, vielleicht von Krautsäumen umgebene Landschaftselemente auch jeweils geeignete Nischen und Strukturen für sie boten und daher gerne aufgesucht wurden. Die bis 22 Zentimeter langen, kräftig gebauten Zauneidechsen mit ihrer stumpfen Schnauze zeigen eine recht variable Färbung, wobei den bräunlichen Weibchen die grüne Farbe an Körperseiten und Kopf fehlt. Wenn die Paarungszeit vorüber ist verschwindet auch die grüne Färbung der Männchen, und diese sind dann nur noch schwer von den Weibchen zu unterscheiden.
      Beide Geschlechter tragen an den Körperseiten mehr oder weniger ausgeprägte dunkle Augenflecken. Der Schwanz der Zauneidechsen wird nicht viel mehr als körperlang, wodurch sie gut von den wesentlich zierlicheren und kleineren Wald- und Mauereidechsen zu unterscheiden sind, die im selben Gebiet vorkommen können.


Der Lebensraum wird enger
      
    Die Zauneidechse ist in besonderem Mass von der Intensivierung der Landwirtschaft und der fortschreitenden Zersiedelung betroffen. In der Schweiz hat sie ihren Verbreitungsschwerpunkt gerade im dicht besiedelten, stark genutzten Mittelland nördlich des Alpenbogens. In der intensiv genutzten Landschaft sind strukturreiche Lebensräume, die den wärmebedürftigen Reptilien Sonnenplätze und Verstecke vor Beutegreifern bieten, jedoch selten geworden. Um auf ihre Gefährdung aufmerksam zu machen hatte die Naturschutzorganisation im Jahr 2005 die Zauneidechse zum „Tier des Jahres“ auserkoren.  
    Zauneidechsen schätzen eine hohe, aber lückige Vegetation mit offenen Stellen zum Sonnen und möglichst in der Nähe liegenden Versteckmöglichkeiten wie Gestrüpp, wohin sie sich bei Gefahr schnell zurückziehen können. Kleinstrukturen wie Asthaufen kommen ihnen ebenso entgegen wie Kraut- und Altgrassäume und möglichst lange nicht gemähte Wiesenbereiche. Zudem müssen geeignete Eiablageplätze, vorzugsweise auf sandigem Boden, in erreichbarer Nähe sein, damit eine Population von Zauneidechsen längerfristig überleben kann.
      Wie alle Reptilien sind die Zauneidechsen wechselwarm und müssen an der Sonne Wärme „tanken“, um Bewegungsenergie zu gewinnen. Dabei nutzen sie gerne erhöhte Warten, von wo aus Raub- wie Beutetiere schnell zu entdecken sind. Lieber als auf Steinen sonnen sie sich auf einem Stück Holz, das sich wesentlich schneller erwärmt. Die standorttreuen Tiere kennen ihren Lebensraum gut und schätzen Warten, von welchen aus sie möglichst schnell in einen Unterschlupf verschwinden können. Trotzdem bilden Hauskatzen, wo sie allzu zahlreich durch das Siedlungsgebiet pirschen, eine wesentliche Gefahr für die nicht besonders flinken Zauneidechsen und halten manche ihrer Bestände klein.
      Als letzte Notmassnahme können Zauneidechsen, wie andere Eidechsen auch, ihren Schwanz an einer Sollbruchstelle abbrechen lassen, wenn sie vom Angreifer daran gepackt werden. Das abgetrennte Schwanzstück bleibt dabei nicht einfach ruhig zurück, sondern bewegt sich noch minutenlang zuckend und windend umher. So zieht es die Aufmerksamkeit des Angreifers auf sich, während die Eidechse mit etwas Glück entwischt. Ihr Schwanz wird später ein Stück weit nachwachsen, bleibt aber dann kürzer.


Leben an der Bahn

    Dem Unterhaltspersonal von Bahnböschungen sind Eidechsen an manchen Bahnlinien der nordöstlichen Schweiz ein geläufiger Anblick. Flink verziehen sich die zierlichen Mauereidechsen jeweils im Schotter oder in die Schlitze des Kabelkanals, wenn die orange gekleideten Arbeiter näher treten. Die Tiere sind überaus wachsam. Doch der vorbeidonnernde Zug scheint ihnen nichts auszumachen.
      Bahnböschungen sind offenbar zu einem wichtigen Ersatzlebensraum für die Mauereidechse geworden, die ebenfalls offene und gut besonnte Stellen benötigt. Sie ist bezüglich ihrer Lebensräume wesentlich anpassungsfähiger als die Zauneidechse und wagt sich auch in kahlere Gebiete mit weniger Deckung bietenden Strukturen vor. Früher waren natürliche Pionierstandorte, die nach Ereignissen wie Überflutungen oder Steinschlägen erst allmählich wieder bewachsen wurden, wichtige Lebensräume für die Reptilien.
      Dabei war die Mauereidechse in der Nordostschweiz gar nicht heimisch. Allem Anschein nach reiste sie als blinder Passagier in Güterzügen von der Alpensüdseite in Richtung Norden, und konnte sich dann im Lauf der Zeit auf Bahnhofsarealen und entlang der Geleise etablieren. Damit ist die Mauereidechse ist die einzige Reptilienart der Schweiz, die ihr Verbreitungsgebiet in jüngerer Zeit sogar noch deutlich ausweiten konnte.
      Ausgerechnet auf dem Gleisareal des Zürcher Hauptbahnhofs hat sich eine stattliche Population von Mauereidechsen angesiedelt. Es ist zweifellos eines ihrer grössten Vorkommen im schweizerischen Mittelland. Auf den Lager- und Kiesplätzen zwischen den Gleisanlagen finden die Eidechsen ideale Lebensbedingungen vor: Plätze zum Sonnen, Insekten zum Jagen und reichlich Unterschlupfe. Der reichlich trostlos wirkende Abschnitt zwischen dem Hauptbahnhof Zürich und Altstetten ist überhaupt zu einem wichtigen Lebensraum für seltene Pflanzen und Tiere geworden, die sich auf karge, trockene und sonnenexponierte Standorte spezialisiert haben. Stellenweise werden wertvolle Kleinstrukturen für die Wildtiere angeboten, etwa mit Steinen gefüllte Drahtgitterkörbe, die den Mauereidechsen ebenfalls zugute kommen.
      Die zart gebauten, flinken Mauereidechsen werden selten über 20 Zentimeter lang. Ihr Schwanz erreicht dabei ungefähr das Doppelte ihrer Körperlänge. Die langen, mit feinen Krallen versehenen Zehen ermöglichen es dem Tier, noch auf senkrechten Mauern hochzuklettern. Im Tessin leben die Mauereidechsen denn auch sehr häufig an Gebäuden, Ruinen und dergleichen, und werden von der Bevölkerung als Insektenjäger geschätzt.
    Die grösste und farbenprächtigste unserer heimischen Eidechsen ist die im Süden der Schweiz vorkommende Smaragdeidechse. Sie lebt im Wallis, Tessin, in der Genfersee-Region und in den Bündner Südtälern. Das Männchen der bis über 30 Zentimeter grossen Smaragdeidechse entwickelt während der Paarungszeit eine wahre Farbenpracht. Seine smaragdgrün und schwarz gesprenkelte Körperfarbe wird dabei noch ergänzt durch eine leuchtend blaue Kehle. Die Smaragdeidechse ist relativ nahe mit der Zauneidechse verwandt.
       

Publiziert in: Zeitlupe Nr. 7/8 2013

© E. Wullschleger Schättin

 

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