Direkt zum Inhalt springen

Accesskeys

Jahr des Frosches 2008

Ein unheimlich schneller Abgang

Die Weltnaturschutzorganisation IUCN und der Weltzooverband haben 2008 zum Jahr des Frosches erklärt, um auf die akute Bedrohung der Frösche und anderer Amphibien hinzuweisen. Über hundert Arten sind bereits verschwunden.

Der australische Magenbrüterfrosch war ein einzigartiges Tier. Er wurde erst im Jahr 1972 entdeckt und verblüffte die Fachwelt mit einer noch nie gesehenen Brutweise. Die Weibchen dieses unscheinbar gefärbten kleinen Frosches verschluckten jeweils die befruchteten Eier. Ihr Magen stellte seine Verdauungsfunktion vorübergehend ein und diente als eine Art „Gebärmutter“, worin die jungen Frösche bestens geschützt vor den Gefahren der Aussenwelt ihre gesamte Entwicklung durchlaufen konnten. Am Ende verliessen sie als kleine Fröschchen den weit geöffneten Schlund der Mutter. Kein Wunder, dass der Frosch, der seinen Magen derart umfunktionieren konnte, als kleine Sensation galt und Zoologen wie Mediziner gleichermassen begeisterte. Doch kaum zehn Jahre nach seiner Entdeckung galt der anfänglich häufig gefundene Magenbrüterfrosch als verschollen. Einzig auf Bildern bleibt das aussergewöhnliche Tier der Nachwelt überliefert. Die Ursachen seines Aussterbens sind nicht genau bekannt.

Ebenfalls rasant verlief das Verschwinden der hübschen Goldkröte in Costa Rica, welche einzig in einem kleinen Gebiet im Bergnebelwald von Monteverde vorkam. Die Männchen der Goldkröte waren leuchtend goldorange gefärbt, die Weibchen etwas unscheinbarer gelb-schwarz gemustert mit einigen roten Flecken. Im Jahr 1987 fand man bei den Laichgewässern der Goldkröte eine normale Zahl von Tieren vor, ein Jahr später wurden überraschend nur noch acht Männchen und zwei Weibchen gefunden. Im Jahr darauf war ein einzelnes Männchen festzustellen. Es war wohl das letzte seiner Art, denn weitere Funde gab es seither nicht.


Alarmierende Situation   

Maulbrüterfrosch und Goldkröte sind bei weitem nicht die einzigen Amphibien, die so schnell und unerwartet verschollen sind, dass jede Hilfe zu spät kam. Die Liste der in den letzten Jahrzehnten verschwundenen Arten von Kröten und Fröschen, Molchen und Salamandern ist lang. Von den rund 6200 bekannten Amphibienarten sind 34 mit Sicherheit und mindestens 130 weitere wahrscheinlich ausgestorben. Drastisch zurückgegangen sind auch die Bestände vieler noch lebender Arten. Unter den heute lebenden Amphibien ist nunmehr rund ein Drittel vom Aussterben bedroht – mit anderen Tierklassen wie Vögeln, Säugetieren oder Fischen verglichen eine erschreckend hohe Zahl. Fachleute vergleichen das grassierende Artensterben bei den Amphibien bereits mit dem Aussterben der Dinosaurier. Die Gründe des weltweiten Rückgangs der Amphibien sind offenbar unterschiedlicher Art, hängen aber mit umweltschädigenden Aktivitäten des Menschen zusammen.

Besonders fatal wirkt sich die fortlaufende Zerstörung und Zerstückelung der natürlichen Lebensräume aus, denn die weit meisten Amphibien sind auf Feuchtstandorte angewiesen und verhalten sich oftmals ausgesprochen ortstreu. Unsere heimischen Grasfrösche und Erdkröten beispielsweise wandern zum Laichen in grosser Zahl in ihr Ursprungsgewässer zurück, selbst wenn dieses auf der anderen Seite einer gefährlichen Strasse liegt und ein neu angelegter Tümpel näher wäre.

Seit rund dreissig Jahren wird immer wieder von starken Rückgängen verschiedener Amphibien in scheinbar intakten Lebensräumen wie Naturreservaten berichtet. Auch die ausgestorbene Goldkröte schien im Monteverde-Reservat in Costa Rica bestens geschützt zu sein. Lokal veränderte Wetterbedingungen und Wetterextreme, die durch den Klimawandel entstanden sind, könnten ihr Verschwinden verursacht oder in Zusammenwirkung mit weiteren Bedrohungen beschleunigt haben. Gerade in Bergregionen wie Monteverde sind Amphibien den Auswirkungen der globalen Erwärmung besonders stark ausgesetzt. Veränderte Klimabedingungen setzen die Tiere unter Stress und schwächen so ihre Widerstandskraft gegenüber Krankheiten. Dabei hätten die Amphibien eine gute Krankheitsresistenz bitter nötig, denn inzwischen wurde eine mysteriöse Pilzerkrankung als wesentliche Ursache für die weltweite Schwächung ihrer Bestände identifiziert. Berichten zufolge führte diese Pilzkrankheit, die sich in verschiedenen Weltregionen rasant verbreitet, auch in abgelegenen Naturräumen zu Massensterben unter Fröschen und Kröten.


Mysteriöse Pilzerkrankung

Auslöser der Krankheit ist ein Chytridpilz, welcher die empfindliche Haut der Amphibien befällt und die Tiere innert weniger Wochen töten kann. Wie es scheint, stammt dieser Hautpilz von südafrikanischen Krallenfröschen, die im letzten Jahrhundert als „lebende Schwangerschaftstests“ in alle Welt exportiert wurden und bis heute häufig als Labortiere eingesetzt oder als Aquarientiere gepflegt werden. Der Krallenfrosch selber ist resistent gegen den Chytridpilz. Befallene Krallenfrösche erkranken also nicht und verbreiten so die Pilzsporen weiter, ohne selber Auffälligkeiten zu zeigen. Bis anhin hat der Pilz vor allem in Lateinamerika und in Australien gewütet, aber auch in Europa ist er aufgetaucht. In der Schweiz hat er unter anderem die seltene Geburtshelferkröte befallen. Die hellen Rufe des „Glögglifrosches“, wie die Geburtshelferkröte auch genannt wird, sind vielerorts längst verstummt – allerdings vor allem wegen des Verlustes geeigneter Laichgewässer.

Die Ausbreitung des Chytridpilzes in der Wildnis lässt sich kaum mehr aufhalten und betroffene Amphibien können im Freien nicht tiermedizinisch behandelt werden. Aus diesem Grund ist die Hilfe von Zoos und Aufzuchtstationen gefragt, wenn es um den Schutz akut bedrohter Arten geht. Im Rahmen des Programms „Amphibienarche“, einer koordinierten Aktion der IUCN und des Weltzooverbands WAZA, werden möglichst viele der akut bedrohten Arten für spätere Wiederaussetzungen nachgezüchtet. Mit dem „Jahr des Frosches“ soll die Öffentlichkeit auf die prekäre Lage der Frösche und anderer Amphibien aufmerksam gemacht werden.

Das Auftreten des Chytridpilzes ist zweifellos fatal, doch sollte man die zahlreichen weiteren Gefahren nicht vergessen, welche den Amphibien zusetzen. Pestizide und andere Umweltgifte bedrohen diese Tiere ebenso wie der Klimawandel und der fortschreitende Verlust ihrer Lebensräume, die hohe Nachfrage von Terrarienfreunden nach besonders attraktiven Exemplaren oder jene von Gourmets nach dem zweifelhaften Luxusprodukt Froschschenkel.

 

Publiziert (leicht verändert) in: Zeitlupe, Nr. 7/8 2008

© E. Wullschleger Schättin

 

webdesign & cms by backslash