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Viele bunte Laubfrösche

Laubfrösche kennt man normalerweise als grüne Fröschchen, die an Schilfstängeln oder ähnlichem in einiger Höhe über dem Boden ruhen. Warum sind sie manchmal aschgrau oder extrem dunkel?


    Der Teich in Nordostpolen war an einer Landstrasse gelegen, und an deren Rand fanden sich einige kleinere Brandflächen mit Asthaufen. Die Äste waren von grauer Farbe. Doch nicht nur sie! Einige Laubfröschchen, die auf oberen Astteilen ein Sonnenbad nahmen, waren ebenfalls aschgrau und somit gut getarnt. Bei näherem Besehen des Standortes fanden sich im Astgewirr auch sehr dunkle, fast braungrüne Exemplare dieser kleinen Frösche. Daneben leuchteten normal hellgrüne Laubfrösche aus dem Geäst, ganz wie man sie gemeinhin kennt und auf den meisten Abbildungen sieht. So viele ungewöhnlich gefärbte Laubfrösche an einem Ort – was war da geschehen? Eine Folge von Tschernobyl, vermutete ein Reiseteilnehmer. Doch mit Mutationen, also genetischen Veränderungen, haben die Farbabweichungen offenbar gar nichts zu tun. Es handelt sich vielmehr um umkehrbare Farbwechsel, die durch die Wanderung von Pigmentteilchen in der Haut der Frösche zustande kommen.


Physiologischer Farbwechsel

    Tiere, die ihre Farbe wechseln können, sorgen immer wieder für Erstaunen. Blitzschnell vermögen etwa Tintenfische den Farbton oder die Musterung ihrer Haut zu ändern. Besonders bei Aufregung zeigen diese intelligenten Meeresbewohner ein reges Farbenspiel, das durch die innere Stimmung genauso beeinflusst wird wie durch die Farben der Umgebung. Die Tintenfische sind gewissermassen die Meister der farblichen Verwandlungskünstler. In ihrer Haut finden sich mehrere Schichten verschiedener pigmenttragender Farbzellen, welche das Farbenspiel hervorrufen. Diese Farbzellen sind mit dehnbaren Membranen versehen, welche durch Muskelfasern bewegt werden können. Wird eine Farbzelle auseinandergezogen, so verteilt sich das darin enthaltene Pigment über eine grössere Fläche, und es entsteht ein Fleck der entsprechenden Farbe. Gesteuert werden die Muskelfasern teilweise direkt durch das Nervensystem, was die Reaktionsschnelligkeit ermöglicht.
    Beim Laubfrosch verläuft der Farbwechsel weit schlichter und langsamer. Wie andere Frösche trägt er drei verschiedene Typen von Farbzellen in seiner Haut. Zuäusserst befinden sich die mit gelben Pigmenten versehenen Xanthophoren. Darunter liegt eine etwas dickere Schicht von Guanophoren, welche kleine Plättchen enthalten, die stark lichtbrechend wirken. Zuunterst liegen die mit langen Fortsätzen versehenen Melanophoren. Diese Zellen enthalten den Farbstoff Melanin, der in starker Konzentration schwarz und in dünnerer Schichtung bräunlich erscheint. Die Fortsätze der Melanophoren reichen bis in die oberen Pigmentschichten hinauf und überdecken teilweise noch die gelbtragenden Xanthophoren.


Wandernde Pigmente

    Wie kommt nun der Farbwechsel beim Laubfrosch zustande? Er kann nicht wie die Tintenfische durch blitzschnelle Muskelbewegungen die Farbzellen auseinanderziehen. Statt dessen werden, durch hormonelle Einflüsse angeregt, die Melaninpigmente unterschiedlich weit in ihren Zellen verstreut. Liegen sie um den Zellkern konzentriert, so hellt sich die Farbe zu Gelb bis Gelbgrün auf. Wandern die Melaninkörnchen bis zu den Anfängen der langen Zellfortsätze, so entsteht ein dunkler Pigmentschirm unter den Guanophoren. Durch Lichtbrechung durch die Guanophoren entsteht daraus Blau, das zusammen mit dem Gelb der darüberliegenden Xanthophoren zu Grün wird. Gelangen die Melaninpigmente auch in die Zellfortsätze zwischen den Guanophoren, wird der Frosch dunkler. Und wenn sie bis in die Fortsätze gelangen, die über den Xanthophoren liegen, überdecken sie die gelben Pigmente und der Frosch erscheint grau.
    Die Umfärbung dauert beim Frosch mindestens ein paar Minuten. Innert etwa einer Viertelstunde kann ein grauer Laubfrosch dunkelgrün werden, wenn man ihn auf eine rauhe, dunkle Baumrinde setzt. Nebst der Beschaffenheit der Unterlage können Temperatur und Luftfeuchtigkeit oder die innere Stimmungslage des Tieres eine Umfärbung bewirken. Der Farbwechsel wird fachsprachlich als physiologisch bezeichnet, da sich am eigentlichen Aufbau der Pigmentzellen nichts ändert.


Seltene Pigmentstörungen

    Laubfrösche sind ziemlich bekannt für ihre Farbveränderlichkeit: Der physiologische Farbwechsel kommt bei keinem anderen heimischen Frosch so deutlich zum Ausdruck. Genetische Mutationen, die einen Ausfall bestimmter Farbzellen bewirken und so ein anderes Erscheinungsbild hervorrufen, scheinen dagegen bei freilebenden Laubfröschen selten vorzukommen. Vereinzelt wurden schon blaue Laubfrösche gefunden. Es handelt sich dabei offenbar um Tiere, welchen die gelben Pigmentzellen fehlen. In der Natur sind blaue Laubfrösche durch den Verlust ihrer Tarnung zweifellos benachteiligt.
    Bisher wurde erst ein Albino des Europäischen Laubfrosches entdeckt, wie der Amphibienspezialist Dr. Wolf-Rüdiger Grosse in seinem neuen Buch berichtet. Aufgrund des Melaninmangels erschien dieses Tier sehr hell, leicht gelblich. Bei Kaulquappen des Laubfrosches wurden Albinos etwas häufiger gefunden, doch überlebten untersuchte Individuen nicht bis zur Umwandlung. Nicht jeder gelbe Laubfrosch ist indes ein Albino: Bei grosser Hitze können Laubfrösche in ein kräftiges Gelb umfärben, um sich beim Sonnen vor Überhitzung zu schützen. Dann bleibt ihr dunkler Seitenstreifen erhalten und die Augen bleiben ebenfalls dunkel. Leider ist der Laubfrosch in der Schweiz wegen des Verlustes natürlicher Lebensräume sehr selten geworden.

Publiziert in: Tierwelt Nr. 22, 4. Juni 2010

© E. Wullschleger Schättin

 

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