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Der Schwund der Meeresfische

Forscher und Naturschützer warnen immer eindringlicher, dass viele Meeresfische übernutzt und gefährdet sind. Der steigende Fischkonsum bedroht nicht nur Thunfisch, Seehecht und Co., sondern beeinträchtigt das ganze Artengefüge im Meer.
 
      Wegen der Überfischung ihrer Bestände, aber auch wegen Lebensraumzerstörungen und der Umweltverschmutzung sind zahlreiche Arten von Meeresfischen selten geworden. Im Mittelmeer seien mehr als 40 Fischarten gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht, berichtete die internationale Naturschutzorganisation IUCN im vergangenen April. Zu den akut gefährdeten Arten zählen etliche Haie und Rochen, die sich als natürlicherweise langlebige Tiere nur sehr langsam fortpflanzen und deswegen besonders anfällig auf Bestandesdezimierungen sind. Die ungeheure Nachfrage nach Haiflossen in Asien hat die Haie weltweit in höchste Not gebracht. Zudem sterben zahllose von ihnen nebst anderen Fischen, Meeresschildkröten, Delfinen und Seevögeln als unerwünschter Beifang der Fischtrawler.
      Grosse Sorge bereitet auch der Blauflossen-Thunfisch (Grosser oder Roter Thun). Dieser grosswüchsige Thunfisch, der mehr als drei Meter lang werden kann und als Bewohner der offenen Ozeane kleinere Fische oder Kalmare in blitzschnellen Angriffen überwältigt, hat durch jahrzehntelange Überfischung extreme Bestandeseinbrüche erlitten. Wegen seines hohen wirtschaftlichen Wertes sind Fangbeschränkungen wohl weiterhin schwierig durchzusetzen. Anfang Jahr erzielte auf einer Auktion in Tokyo ein 269 Kilogramm schweres Exemplar den Rekordpreis von umgerechnet über 680'000 Franken. Andere Thunfische und selbst kleinere Makrelen, die eher für die Produktion von Fischmehl und –öl gefischt werden, sind ebenfalls stark zurückgegangen. Ihre Populationen schwanden im Durchschnitt um 60 Prozent innert des letzten halben Jahrhunderts, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte.

 

Den Delfinen feht es an Nahrung

      Ein solcher Aderlass an Fischen geht nicht spurlos an den Ökosystemen der Meere vorbei. So warnt die schweizerische Meeresschutz-Organisation Ocean-Care, dass den Delfinen im Mittelmeer zunehmend die Nahrung ausgeht. Bei der griechischen Insel Kalamos, einem der letzten Rückzugsgebiete des einst im ganzen Mittelmeer verbreiteten Gewöhnlichen Delfins, hatte die industrielle Fischerei einen rapiden Bestandeszusammenbruch der Delfine verursacht. In dem früher vor Leben strotzenden Meer sind nun kaum mehr Gewöhnliche Delfine zu sehen. Die äusserst seltene Mittelmeermönchsrobbe ist vom Rückgang ihrer Fischnahrung ebenfalls betroffen. Quallen dagegen seien weltweit auf dem Vormarsch, offenbar begünstigt durch die rarer werdenden Fressfeinde und Nahrungskonkurrenten. „Das 21. Jahrhundert ist jenes der Quallen, wenn wir nicht umgehend handeln“, meint die Umweltnaturwissenschaftlerin Dr. Sylvia Frey von Ocean-Care.


Nachhaltiges Angebot wird ausgebaut

    Wer trotz allem nicht auf Meeresfisch verzichten möchte, hat wenigstens die Wahl zu Fisch aus einer kontrolliert nachhaltig betriebenen Fischerei. Als bekanntestes Label zeichnet das MSC-Label einen nachhaltigen Fang aus. Es wird vom Marine Stewardship Council vergeben, der als unabhängige, internationale Kontrollorganisation 1997 vom WWF mitbegründet wurde. Die nunmehr 135 MSC-zertifizierten Fischereien fangen etwa fünf Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte im Jahr, was gerade einmal sechs Prozent der weltweiten Fangmenge entspricht. Dabei verzeichnete der MSC in den letzten Jahren eine beachtliche Steigerung der teilnehmenden Fischereien (2007 waren es noch 22) und der zertifizierten Arten. Auch schweizerische Detailhändler, die als Mitglieder der WWF Seafood Group ein nachhaltiges Sortiment anstreben, verkaufen nun zunehmend MSC-Fisch. Migros und Coop berichten von einer starken Steigerung des Anteils an MSC-zertifizierten Fischen und Meeresfrüchten an ihrem gesamten Wildfangsortiment innert der letzten Jahre.
      Naturschützer empfehlen, ganz auf Meeresfang zu verzichten und Bio-Fisch aus kontrollierter Zucht oder einheimischen Wildfisch zu wählen. In nicht nachhaltig betriebenen Fischzuchten wird oft mit Fischmehl gefüttert, das seinerseits von Meeresfängen stammt. Fisch sollte eine Delikatesse bleiben, die man nur gelegentlich konsumiert. „Meer gibt’s nicht her“ warnt denn auch die Tierschutzorganisation Fair-fish aus Winterthur.

 

Einkaufsratgeber „Fische & Meeresfrüchte“
Auch in der Schweiz werden leider noch akut gefährdete Fischarten verkauft. Eine Orientierungshilfe darüber, welche zu meiden sind, gibt der Einkaufsratgeber des WWF: erhältlich bei WWF Schweiz, Hohlstr. 110, 8010 Zürich; http://www.wwf.ch/fisch

 

Bild: Streifendelfine. © Sylvia Frey, Ocean-Care

Text publiziert (leicht verändert) in: Tierwelt Nr. 2, 13. Jan. 2012

© E. Wullschleger Schättin

 

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