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Bunte Farbenpracht der Wellensittiche

Ein Wellensittichschwarm in einer Voliere kann unglaublich bunt erscheinen, denn wie kaum ein anderer Ziervogel werden Wellensittiche in den verschiedendsten Farbvarianten gezüchtet. Die meisten beruhen auf dem Verlust bestimmter Pigmente.

    Wilde Wellensittiche sind durch ihr grüngelbes Gefieder mit dem hübschen Wellenmuster bestens getarnt, wenn sie zwischen den Gräsern im australischen Outback nach Samennahrung suchen. Vereinzelt kann es vorkommen, dass ein blauer Wellensittich mit weissem Köpfchen in ihrem Schwarm mitfliegt – ein Individuum, das eine Farbmutation in sich trägt. Durch die Genveränderung ist sein gelbes Pigment ausgefallen, weshalb die grünen Gefiederbereiche blau erscheinen und die ursprünglich gelben weiss. Natürlich ist ein blauer Wellensittich in freier Wildbahn äusserst auffällig. Beutegreifern fallen solche Vögel besonders leicht zum Opfer, und so bleiben sie in der Natur die grosse Ausnahme.
    Bei den gezüchteten Hauswellensittichen sorgten Farbmutationen, die hie und da zwischen den grünen Wellensittichnestlingen des Wildtyps auftraten, jeweils für grosses Aufsehen. Seit den Frühzeiten der Wellensittichzucht wurden solche Farbvarietäten genau erfasst und gezielt weitergezüchtet, sodass im Lauf der Jahrzehnte eine schier unüberblickbare Zahl von Farb- und Zeichnungsspielarten aufgekommen ist. Im Jahr 1872, die erstmalig gelungene Zucht von Wellensittichen lag gerade einmal 17 Jahre zurück, trat in Belgien eine erste Farbmutation auf, ein gelber Wellensittich mit schwacher Wellenzeichnung. Sechs Jahre später überraschte der erste hellblaue Wellensittich ebenfalls in Belgien die Züchter. Ein vollständig weisser Albino mit roten Augen wurde 1932 in Deutschland nachgezogen, und graue Wellensittiche traten 1943 gleichzeitig in Australien und in England auf.
    Auch Mutationen, welche die Farbzeichnung der Wellensittiche veränderten, wurden im Lauf der Zeit gezüchtet. In den 1950er Jahren zeigten sich in Australien erstmals die heute verbreiteten Australischen Schecken. Ihre Scheckung kommt durch einen teilweisen Pigment-Ausfall zustande, wobei die Verteilung des Pigments, also das genaue Scheckungsmuster, nicht erblich ist. Bei den Opalin-Wellensittichen ist die sonst enge schwarze Wellenzeichnung, welche so typisch für die Wellensittiche ist, stark reduziert. Hinterkopf, Nacken und Rücken dieser Wellensittiche weisen meist nur eine schwach angedeutete Zeichnung auf, und das Muster auf den Flügeln erscheint ebenfalls verändert. Spangles wiederum zeigen auf den Flügeln eine umgekehrte Federzeichnung. Beim ursprünglichen Wellensittich sind die Federn, die das Wellenmuster der Flügel bilden, dunkel und am Rand hell gesäumt, bei der Spangle-Zeichnung erscheinen sie hell und am Rand dunkel gesäumt.
    Zu den eher seltenen Farbschlägen zählen die aus mehreren Mutationen kombinierten Rainbow-Wellensittiche. Dabei handelt es sich um Vögel mit gelbem Gesicht und blauem Grundton des Körpergefieders, die zugleich eine Mutation für Hellflügel und eine für die Opalin-Zeichnung in sich tragen. Rainbow-Wellensittiche sind bei Wellensittichfreunden fast ein wenig zum Trend geworden und manche Züchter widmen sich ausschliesslich diesen schönen Vögeln, die nicht immer leicht zu finden sind. Selbstverständlich muss auch bei Züchtern solcher Wellensittiche darauf geachtet werden, dass die Zucht seriös und mit Rücksicht auf die Gesundheit der Tiere geführt wird. Züchter sollten es auf jeden Fall vermeiden, zum Erreichen bestimmter Farbziele Inzucht zu betreiben.


Strukturfarben und Pigmentfarben

    Interessant ist, wie die bunte Farbenpracht der Wellensittiche in biologischer Hinsicht zustande kommt. All ihre Farben und Zeichnungen beruhen auf zwei Pigmenttypen, die beim Wildwellensittich uneingeschränkt vorhanden sind. Dunkle Stellen werden durch Einlagerung von Melaninpigment gebildet, welches auch verdünnt sein kann und dann heller graubraun erscheint. Wellensittiche mit solch aufgehellter Zeichnung werden als Zimter bezeichnet. Als zweites weisen die Wellensittiche gelbes Pigment auf. Dieses gehört zu einer aussergewöhnlichen Stoffklasse von Pigmenten, die einzig und allein bei Papageienvögeln vorkommen. Es ist also keineswegs dasselbe Pigment, welches Kanarienvögel gelb erscheinen lässt! Rote Wellensittiche gibt es nicht, da ein rotes Pigment bei ihnen schlicht nicht existiert.
    Die grüne, blaue oder graue Körperfarbe der Wellensittiche geht auf eine Strukturfarbe zurück, welche durch Lichtbrechung in den Federn zustande kommt. Die gelben Pigmente sind, falls vorhanden, in einer äusseren Schicht ihrer Federn eingelagert. Darunter liegt eine schwammige Luft-Keratin-Masse, welche eine Lichtbrechung bewirkt, und zuunterst eine Schicht mit schwarzem Melanin. Durch die Lichtbrechung erscheint die Melaninschicht blau, oder grün, wenn gelbes Pigment in der darüber liegenden Schicht gegeben ist. Die lichtbrechende schwammige Struktur mit den Lufteinschlüssen kann mehr oder weniger fein und regelmässig ausgeprägt sein, was die Helligkeit der Grün- oder Blautöne beeinflusst.
    Wellensittichfedern bergen aber noch weitere Geheimnisse. Mindestens beim ursprünglichen gelbgrünen Farbschlag reflektieren bestimmte Gefiederbereiche auch ultraviolett. Besonders stark geben die aus menschlicher Sicht blauvioletten Wangenflecken im Gesicht der Wellensittiche ultraviolett ab. Für den Menschen ist diese „Farbe“ unsichtbar, doch die Wellensittiche haben ein weit ausgeprägteres Farbensehvermögen und können sie durchaus wahrnehmen. Die ultraviolett reflektierenden Wangenflecken sind für sie offenbar ein wichtiges Schönheitsmerkmal, welches die Attraktivität eines Partners erhöht.

Publiziert in: tierisch g'sund Nr. 2 / 2016

© E. Wullschleger Schättin

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