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Quirlige Vögel mit Ansprüchen

Sie zählen seit langem zu den beliebtesten Ziervögeln und werden weltweit zu Millionen als Heimtiere gehalten. Auch die scheinbar pflegeleichten Wellensittiche brauchen für ihr Wohlbefinden viel Flugraum, Beschäftigungsmöglichkeiten und die Gesellschaft von Artgenossen.


Wellensittiche werden seit über hundert Jahren in Menschenhand gezüchtet, kommen in unzähligen Farbmutationen vor und sind heute die wohl häufigsten Ziervögel überhaupt. Sie vermehren sich leicht, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind, und werden bei regelmässigem Umgang schnell zahm. Es ist davon auszugehen, dass die Wellensittiche zu echten Heimtieren geworden sind und auch ein paar genetische Anpassungen an das Leben in menschlicher Obhut erfahren haben, wie beispielsweise die geringe Fluchtbereitschaft. Doch dies soll keinesfalls bedeuten, dass sie keinen Anspruch auf eine artgerechte Haltung hätten. 

Wie alle Papageienvögel sind die Wellensittiche ausgesprochen intelligent und neugierig – unter einer minderwertigen, eintönigen Haltung würden sie rasch verkümmern. Ihre rasanten Flugkünste, ihr erstaunliches Lernvermögen und ihr vielfältiges Sozialleben kommen nur zur Geltung, wenn die Tiere artgerecht untergebracht und gepflegt werden. Artgerecht bedeutet dabei, dass die Vögel in stressfreier Umgebung möglichst viele ihrer natürlichen Verhaltensweisen ausüben können. Beschäftigung ist wichtig, denn im Vergleich zu den wilden Wellensittichen, die in einer herausforderungsreichen, schwierigen Umwelt leben, sind die Heimtiere oftmals stark unterfordert.


Nomaden in Australien

Freilebende Wellensittiche ziehen als Nomaden in den Steppen und Halbwüsten des trockenen Binnenlandes von Australien umher. Monate- bis gar jahrelange Dürreperioden zwingen die Vögel in diesen Lebensräumen immer wieder zu grösseren Wanderzügen. In teils riesigen Schwärmen legen sie beachtliche Strecken zurück, um in vom Regen getroffene Gebiete zu gelangen. Auch die Pflanzenwelt ist an den Wechsel von Dürren und Regenzeiten angepasst. Bei ergiebigen Regenfällen beginnen Gräser und Kräuter in grosser Zahl zu wachsen, gelangen innert Kürze zur Blüte und bilden enorme Mengen von Samen – die Hauptnahrung der Wellensittiche. Besonders die halbreifen Samen sind für die Wellensittiche sehr wertvoll zur Jungenaufzucht, weshalb sie in Regenzeiten auch sofort zur Brut schreiten.

Es ist erstaunlich, wie schnell Wellensittiche auf günstige Bedingungen mit Fortpflanzungsbereitschaft reagieren können. Bereits bei einsetzendem Regen beginnen die Vögel mit der Balz, was die hormonelle Umstellung und Eireifung bei den Weibchen beschleunigt. Eifrig wird nach Nisthöhlen gesucht und schon nach wenigen Tagen sind die ersten Eier gelegt. Die Jungen wachsen rasch heran und werden einen Monat nach dem Schlupf flügge. Bleibt das Nahrungsangebot für längere Zeit günstig, so folgen weitere Bruten. Manchmal vermehrt sich der Vogelbestand stark, bis die einsetzende Dürre Nahrung und Wasser knapp werden lässt und die Tiere zum Abwandern bewegt.

Es kommt immer wieder vor, dass lang andauernde Dürren oder auch Buschfeuer grosse Opfer unter den wilden Wellensittichen fordern. Letzten Januar wurde aus Westaustralien berichtet, dass im Zuge einer Hitzewelle Tausende von Wellensittichen und Zebrafinken in erbärmlichem Zustand bei einer Raststätte im Outback eingetroffen waren. Mitfühlende Touristen hatten Wassertanks der Station geleert, um den Tieren notdürftig zu helfen. Trotzdem starben Tausende von Vögeln. Offenbar geschah diese Tragödie nach einer Zeit unüblich starker Regenfälle, welche die Wellensittiche und andere Vögel zu besonders vielen Bruten bewegt hatte. Es wird vermutet, dass vor allem unerfahrene, jüngere Tiere bei der Schatten spendenden Raststätte geblieben waren, während die Erfahrenen bei den steigenden Temperaturen wieder weiterzogen.

Erfahrung hilft den intelligenten Wellensittichen in der Wildnis zweifellos nicht nur bei Entscheidungen um Wanderbewegungen. Junge Wildwellensittiche müssen auch lernen, auf der rasanten Flucht vor Beutegreifern richtig zu reagieren, gute Nahrungsplätze zu finden und bei der Suche nach knapper Nahrung effizient vorzugehen, sich im sozialen Verband der Artgenossen zu behaupten, die Tauglichkeit von Nisthöhlen zu beurteilen und vieles mehr.


Geselliger Schwarmvogel

Wildwellensittiche sind ausgesprochen gesellig und leben als Koloniebrüter in kleineren bis grösseren Gruppen, die sich für ihre Wanderzüge während der Dürrezeiten immer wieder zu riesigen Schwärmen vereinigen. Ausser in der Bruthöhle ist ein Wildwellensittich eigentlich nie allein. Gemeinsam mit Artgenossen fliegt er zu den Nahrungsgründen oder ruht zur heissen Mittagszeit auf Bäumen. Zum Übernachten finden sich die Wellensittiche in grosser Zahl auf geeigneten Schlafbäumen ein. Dort geht es in der Dämmerung oft recht turbulent zu und her, wenn die Vögel einander rufen, singen und um die besten Schlafplätze streiten.

Auch die Hauswellensittiche zeigen ein ausgeprägtes Geselligkeitsbedürfnis und entfalten ihr munteres, lebhaftes Wesen am deutlichsten in einer Gruppe von Artgenossen. Dies liegt daran, dass sich die Tiere immer wieder gegenseitig zu verschiedenen Aktivitäten anregen, wodurch sie in der Gruppe um einiges aktiver sind als paarweise oder gar einzeln gehaltene Wellensittiche. Bricht ein Vogel zu einem Flug auf, so folgen ihm meist weitere. Sucht einer am Boden nach versprengten Hirsekörnern, sind sofort weitere Vögel zur Stelle. Beginnt sich einer zu putzen, tun dies auch die neben ihm Sitzenden. Und balzende Artgenossen sind normalerweise eine Voraussetzung dafür, dass ein Wellensittichpaar überhaupt zur Brut schreitet. Im Schwarm können die Vögel zudem gruppentypische Verhaltensweisen ausüben wie das gemeinsame Singen. Die Lautstärke eines solchen Wellensittichkonzerts ist nicht zu unterschätzen!

Wellensittiche bilden keine eigentliche Rangordnung, doch scheinen sie ihre Schwarmgenossen zu kennen. Holt man neue Vögel aus einer anderen Tierhaltung hinzu, so bleiben diese oft für eine gewisse Zeit unter sich und knüpfen erst allmählich Kontakte zum Schwarm. Selbstverständlich ist es vorteilhaft, wenn die Vögel ihren Partner in der Gruppe frei wählen können. Bei der Partnerwerbung verhalten sich die Männchen ausgesprochen quirlig, während die Weibchen von Natur aus ruhiger und passiver sind. Manchmal werden verschiedene Weibchen vom selben Hahn umworben oder eines hat mehrere Bewerber. Balzversuche können zurückgewiesen oder erst nach einiger Zeit angenommen werden. Offenbar haben die einzelnen Vögel bevorzugte Verbindungen, doch ob zwei ein Paar geworden sind, zeigt sich erst nach einer gewissen Zeit. Als starkes Indiz für die Paarbindung gilt das gegenseitige Kraulen des Gefieders, etwas weniger ausschliesslich auf den Partner beschränkt wird das Balzfüttern. Die Beständigkeit der Paarverbindungen kann recht unterschiedlich sein und manche Vögel gehen auch fremd. Ernste Auseinandersetzungen zwischen Rivalen treten mindestens ausserhalb der Brutzeit kaum je auf.

Besonders interessant ist das Lautlernverhalten der Wellensittiche. Vor allem die Kontaktrufe sind sehr individuell ausgeprägt und werden von jungen Vögeln unter Nachahmung der Artgenossen erlernt. Wellensittiche einer bestimmten Gruppe gleichen ihre Rufe einander an, sodass ein spezieller Gruppenruf entsteht, der sich von demjenigen anderer Gruppen unterscheidet. Kommt ein neuer Wellensittich in den Schwarm, so bringt er zunächst „neue Töne“ mit, passt seinen Ruf aber mit der Zeit an den vorherrschenden Gruppenruf an. Vögel, die besonders engen Umgang miteinander haben, gleichen ihre Rufe besonders stark an. Bei Paaren lernt und imitiert das Männchen fortlaufend die Rufe der Partnerin und festigt so die Verbindung.


Vielseitige Beschäftigung

Schon bei der Einrichtung einer Voliere ist daran zu denken, den Vögeln möglichst viele ihrer natürlichen Verhaltensweisen zu erlauben. Am besten versucht man, die wichtigsten Elemente des Lebensraumes von Wildwellensittichen bestmöglich nachzubauen: ein solider Schlafbaum mit genügend Schlafplätzen in einiger Höhe, ein offener Flugraum, der möglichst lange Flugstrecken erlaubt, Einsteckvorrichtungen für Zweige zum Herumklettern, Beknabbern und Spielen (eventuell ergänzt mit Spielzeug aus dem Fachhandel), eine Futterfläche und, aus hygienischen Gründen etwas entfernt davon, die Wasserstelle. Auch der Boden ist für Wellensittiche interessant, denn in der Natur spielt sich ihre Nahrungssuche grösstenteils am Boden ab. Einiges Spielzeug, etwa kleine Bällchen aus Weidenzweigen, darf für die neugierigen Sittiche durchaus am Boden zu finden sein. Bei den Vogelbäumen und Sitzästen sind Äste von unterschiedlicher Dicke vorteilhaft: Dies sorgt für Abwechslung und fördert die Beweglichkeit der Füsse. Die Äste können, wenn es die Konstuktion vom Gewicht her erlaubt, auch Armdicke erreichen.

Zweige von ungiftigen Gehölzen sollten regelmässig frisch gegeben werden, wobei die Knospen und Blätter zusätzliches Beschäftigungsmaterial bieten. Idealerweise werden die Zweige nur an einem Ende befestigt und wippen, wenn ein Vogel darauf landet. Büschel von Grashalmen mit Ähren sind eine besondere Attraktion für Wellensittiche. Dies erstaunt eigentlich nicht, da halbreife Samenstände von Wildgräsern nebst den reifen Samenkörnern naturgemäss zu ihrer Nahrung zählen. Hauswellensittiche zeigen sich sehr geschickt beim Bearbeiten von Grasähren und klettern oft gerne an den Halmen herum. Die Ähren halten sie mit dem Fuss am Untergrund fest, um daraus zu fressen, während grössere Sittiche solche Nahrungsbrocken mit dem Fuss aufheben und zum Schnabel führen würden. Bademöglichkeiten zählen ebenfalls zur Beschäftigung und sind zur Gefiederpflege wichtig, wobei manche Wellensittiche lieber in nassen Kräuterbündeln „duschen“ als in flachen Wasserschalen zu baden.

Manchmal interessieren sich die neugierigen Wellensittiche auch für künstliche Gegenstände und lassen sich mit Glöckchen oder ähnlichem Spielzeug unterhalten. Solches Spielzeug kann ihren Alltag zusätzlich bereichern, wobei es meist interessanter bleibt, wenn es nur zeitweise gegeben wird. Es muss natürlich verletzungssicher und giftfrei sein. Salatkugeln für Meerschweinchen beispielsweise sind zu gross dimensioniert – ungeschickte Wellensittiche könnten sich zwischen den Stäben der Kugel festklemmen. Wachsamkeit ist auch gefragt bei Gegenständen, welche die Wellensittiche an eine Bruthöhle erinnern könnten, beispielsweise ausgehöhlte Kokosnüsse. Daran würden Wellensittichweibchen zwar mit Begeisterung herumnagen, aber aus dem Grund, weil sie darin zu brüten gedenken.

 

Publiziert in: Gefiederter Freund, Nr. 5/09

© E. Wullschleger Schättin

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