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Erstaunliches über die Brutpflege der Vögel - Teil 1

 

Von fürsorglichen Dinosauriern und Super-Nestflüchtern

Die meisten Vögel sind sozial hoch entwickelt und betreiben eine intensive Brutpflege. Wie Fossilfunde erraten lassen taten dies auch schon einige Dinosaurier! Als einzige Vogelgruppe kehrten die Grossfusshühner „zurück zu den Wurzeln“ und brüten mehr nach Reptilienart.

    Wenn ein Tier auf einem Eigelege sitzt, dieses sorgsam ausbrütet und dann die Jungen führt oder im Nest füttert, so ist es mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit ein Vogel. Vor Millionen Jahren hätten es auch etliche Dinosaurier sein können, die so ihren Nachwuchs aufzogen. Diese Tiergruppe erwies sich in vielerlei Hinsicht als den heutigen Vögeln erstaunlich ähnlich, und die meisten Forscher gehen davon aus, dass die Vorfahren der Vögel unter den Dinosauriern zu finden waren. Falls doch eine separate Linie zu den Vögeln führte, so war sie den Dinosauriern mindestens sehr nahe verwandt, viel näher als heutige Reptilien. Fütterten manche Dinosaurier schon ihre Jungen, wie dies für heutige Vögel und Säugetiere charakteristisch ist?
    Solche Verhaltensfragen sind anhand von Fossilien schwierig abzuklären, die ja immer nur kleinste Ausschnitte aus dem damaligen Leben zeigen. Von einem Dinosaurier, dem Hadrosaurier, hat man jedenfalls in Montana (USA) Kolonien mit Nestern gefunden, in welchen zerbrochene Eischalen vorlagen. Diese weisen darauf hin, dass die Jungen nach dem Schlupf eine gewisse Zeit lang in den Nestern geblieben sind und deshalb auch gefüttert werden mussten. Bei Nestflüchtern wären die Schalenstücke nicht so stark zerkleinert.
    Dass manche Dinosaurier ihre Gelege bebrüteten oder wenigstens mit dem Körper abdeckten und schützten, zeigen Skelettfunde des Oviraptor, der vor etwa 75 Millionen Jahren auf dem Gebiet der Mongolei lebte. Oviraptor heisst übersetzt „Eierräuber“, doch der kleine Saurier hat diesen Namen einem grundlegenden Missverständnis zu verdanken. Forscher fanden seine versteinerten Knochen über einem Eigelege von Dinosauriern und glaubten, einen Eierdieb vor sich zu haben.
    Erst nach etwa 70 Jahren fand man weitere Oviraptoren auf Eiern derselben Art, und in einem Ei konnte ein Embryo des Oviraptor selbst identifizert werden. Versteinert waren da also nicht Raub-, sondern Elterntiere! Sassen sie brütend oder schützend über ihren Gelegen, als sie von einem Sandsturm überrascht wurden? Die Armknochen einiger Exemplare wurden über den Eiern ausgebreitet vorgefunden, während das Tier selbst in der Mitte des Nestes sass. Vielleicht halfen lange Federn an den Vorderarmen dieser flugunfähigen Saurier dabei, das Gelege zu bedecken? Ganz ähnlich können heutige Vögel mit ihren Flügelfedern beim Brüten eine grössere Fläche abdecken. Und wie es für nah verwandte Dinosaurier nachgewiesen wurde, war der ausgesprochen vogelähnliche Oviraptor vermutlich befiedert.
    So tauchen immer neue Puzzlestücke auf, die zeigen, wie die Dinosaurier gelebt und wie sich die Vögel aus einer überlebenden Linie entwickelt haben. Dass sich neben Federn, Warmblütigkeit und anderen Merkmalen schon Ansätze zum Brutverhalten bei Dinosauriern zeigten, ist sicher bemerkenswert. Heutige Vögel haben das Brüten gewissermassen perfektioniert, doch die Grossfusshühner beschreiten dabei einen erstaunlichen Sonderweg.   


Komposthügel als „Brutapparat“

    Grossfusshühner zählen zu den Hühnervögeln, sind also nicht besonders urtümlich gebliebene Vögel. Ihre Brutweise mutet aber geradezu archaisch an und beruht, was einzigartig ist unter heutigen Vögeln, nicht auf der Körperwärme brütender Individuen. Bei einigen Arten scharrt das Männchen aus Laub- und Streumaterial riesige Bruthaufen auf, die mehrere Meter im Querschnitt erreichen. Das Weibchen legt seine Eier in den Haufen, wo diese durch die Verrottungswärme ausgebrütet werden. Dabei überlassen die Vögel ihre Gelege keineswegs dem Schicksal, sondern kontrollieren und regulieren durch Hin- und Wegscharren von Material emsig die Temperatur im Umfeld der Eier – eine Arbeit, die dem Aufwand des Brütens mittels Körperwärme in nichts nachsteht.
    Zwei Arten dieser aussergewöhnlichen Hühnervögel wurden von Hans Zürcher in früheren Tierwelt-Artikeln vorgestellt, darunter das Australische Buschhuhn (Alectura lathami), dessen Entwicklungsweise auch von Forschern intensiv studiert wurde. So fand man beispielsweise heraus, dass die Temperatur Einfluss auf die Schlüpfrate der Geschlechter beim Buschhuhn hat: Bei wärmeren Temperaturen schlüpften mehr Weibchen, bei kühleren mehr Männchen. Bei mittlerer Temperatur war das Verhältnis ausgeglichen und die Sterblichkeit am geringsten. Welches Geschlecht ein bestimmter Embryo hat ist dabei genetisch festgelegt, denn Vögel haben wie die Säugetiere Geschlechtschromosomen.
    Interessant ist nicht nur die Brutweise der Grossfusshühner unter Nutzung fremder Wärmequellen, sondern auch die ausserordentlich weit fortgeschrittene Entwicklung der Schlüpflinge. Sie sind geradezu extreme Nestflüchter. Kaum haben sie sich aus dem dünnschaligen Ei befreit und mit einiger Mühe aus dem Bruthaufen gegraben, sind junge Buschhühner auf sich allein gestellt. Sie eilen zur nächstbesten Deckung, finden ihre Nahrung vom ersten Augenblick an selber und können bei Gefahr bereits über kürzere Strecken fliegen. Sie schlüpfen nicht alle zur selben Zeit und zerstreuen sich bald weit herum. Wie erkennen die Kücken denn später ihre Artgenossen?
    Gelegentlich finden sich ungefähr gleichaltrige Kücken des Australischen Buschhuhns zu kleinen Grüppchen zusammen, doch ob und wann dies geschieht, bleibt für ein einzelnes Tier ungewiss. Es kann irgendwann im Verlauf des Heranwachsens in der dichten Vegetation auf Artgenossen treffen, vielleicht schon früh oder auch später. Somit fällt die Möglichkeit einer Prägung auf Artgenossen weg, wenn diese zu einem bestimmten Alter stattfinden müsste wie bei anderen Vögeln. Einer für Nestflüchter typischen Nachlaufprägung unterliegen Kücken des Buschhuhns denn auch nicht. In einem Versuch folgten Haushuhn-Kücken einem Ball, der sich von ihnen wegbewegte, Buschhuhn-Kücken jedoch nicht.
    Eine Forschungsgruppe um Prof. Chris Evans (Macquarie Universität, Sydney) fand heraus, dass sozial unerfahrene Buschhuhn-Kücken vor allem auf Kückenattrappen zugingen, wenn diese etwas vom Boden aufpickten und ein arttypisches Gefiedermuster im kurzwelligen Farbspektrum (UV-Bereich) hatten. Offenbar ist es ihnen angeboren, diese Merkmale zu erkennen.

Publiziert (leicht verändert) in: Tierwelt Nr. 27 und Nr. 28, 2010

© E. Wullschleger Schättin

Bild: Oviraptor im Senckenberg Naturmuseum, Frankfurt

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