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Erstaunliches über die Brutpflege der Vögel - Teil 2

 

Vom Wunderwerk Vogelei und dreisten "Mafia-Vögeln"

Bei der Brutpflege haben manche Vögel raffinierte Strategien entwickelt. Fast immer aber werden junge Nestflüchter wie Nesthocker beschützt, angelernt oder als "Kuckuckskinder" aufgezogen. Schon das Vogelei ist bestens auf den Brutvorgang abgestimmt.

    Das Brutverhalten der Grossfusshühner, die im letzten Beitrag vorgestellt wurden, erinnert an die Situation bei Reptilien. Ihre Nachkommen schlüpfen in einer Art Komposthaufen ganz ohne fremde Hilfe aus einem dünnschaligen Ei, buddeln sich zur Oberfläche empor und werden, wie die meisten Reptilien, nach dem Schlupf nicht mehr betreut. Lebenswichtige Fähigkeiten wie die Feinderkennung oder das Erkennen von Artgenossen sind den Grossfusshuhn-Kücken weitestgehend angeboren, sodass sie nicht durch ihre Eltern angelernt werden müssen. Doch diese Lebensweise als „Super-Nestflüchter“ ist die grosse Ausnahme im Vogelreich. Die weit meisten Vögel beginnen ihr Leben in engem Kontakt mit den Eltern, die sie mit ihrer Körperwärme ausbrüten, als Kücken hudern, füttern, beschützen und in wichtigen Fähigkeiten anlernen. Manche Arten entwickelten dabei sogar ausgesprochen differenzierte soziale Fähigkeiten und eine bemerkenswerte Intelligenz. 


Vogeleier sind kleine technische Wunderwerke

    Schon das Vogelei ist ganz auf die Bebrütung durch einen Eltern- oder Ammenvogel abgestimmt. Es ist von einer besonders dicken Kalkschale umgeben, die das Gewicht des brütenden Vogels auszuhalten vermag und durch feine Poren trotzdem einen Gasaustausch mit der Umgebung ermöglicht. Der Nachteil dieser Stabilitätsanforderungen ist, dass die Kücken nur mit erheblicher Anstrengung aus der harten Schale schlüpfen können. Mindestens bei einzelnen Arten wie den Straussen, die extrem dicke Eischalen haben, leisten die Eltern dabei Schlupfhilfe. Auch Wellensittichmütter helfen den Kücken von aussen, das Ei aufzubrechen. Bei Hühnern wurde dies jedoch noch nie beobachtet.
    Je nach Vogelart haben die Eier eine mehr oder weniger ausgeprägt asymmetrische Form mit stumpfem und spitzem Pol. Durch die Asymmetrie ist die Gefahr geringer, dass die Eier wegrollen, die ja normalerweise nicht vergraben werden. Hagelschnüre fixieren den Dotter in der Eimitte, sodass die Lage des Embryos stabil bleibt, wenn die Eier von Zeit zu Zeit durch den brütenden Vogel bewegt und gewendet werden. Am stumpfen Pol des Eis, wo die Poren besonders zahlreich sind, befindet sich eine Luftkammer, die immer grösser wird, während der Embryo heranwächst und von den Nährstoffen zehrt. Durch Verdunstung vergrössert sich die Luftkammer auch bei unbefruchteten Eiern, weshalb ältere Eier im Gegensatz zu frisch gelegten etwas Auftrieb haben, wenn man sie ins Wasser legt.
    Die Luftkammer ist ebenfalls eine Besonderheit von Vogeleiern. Sie ist für das Kücken sehr wichtig, da dieses beim Schlüpfen über längere Zeit viel Kraft braucht und deshalb schon vorher auf die Lungenatmung umstellen muss. Einige Zeit vor dem Schlupf durchtrennt es mit dem Eizahn die Schalenhaut zur Luftkammer und beginnt, durch die Lungen zu atmen. Dann wird es mit dem Eizahn die Schale anritzen. Die Kücken von Grossfusshühnern benötigen keinen Eizahn und keine Luftkammer, da ihre dünnschaligen Eier leichter aufzubrechen sind. Zwar hat der Grossfusshuhn-Embryo einen Eizahn, doch bildet sich dieser noch vor dem Schlupf zurück.


Junge Nestflüchter haben ein grösseres Risiko zu sterben

    Bei Vögeln und Säugetieren gibt es Arten, deren Nachwuchs sehr weit entwickelt zur Welt kommt, und solche, die zunächst völlig hilflose Junge aufziehen. Vogelkücken werden dabei unterschieden in Nestflüchter und Nesthocker, wobei erstere das Nest schon bald nach dem Schlüpfen verlassen und den Eltern nachfolgen können. Ihre Knochen und Muskeln, die eigene Temperaturregulation und die Sinnesorgane sind dazu bereits gut entwickelt. Ein hoher Dotteranteil im Ei, der den Embryo mit Nährstoffen versorgt, und eine lange Bebrütungszeit ermöglichen die weit fortgeschrittene Entwicklung. Auch sind die Eier von Nestflüchtern in der Regel etwas grösser sind als jene von Nesthockern ähnlicher Körpergrösse. Ihre Gelege sind ebenfalls durchschnittlich grösser, was die geringere Überlebenswahrscheinlichkeit der früh umherstreifenden Kücken ausgleicht. All dies waren zweifellos ideale Voraussetzungen dafür, dass gerade Hühnervögel, die wohl bekanntesten Nestflüchter, als Eierlieferanten domestiziert wurden.
    Haushühner können ihr Leben ohne Elternvogel beginnen, wie es in der Geflügelindustrie millionenfach geschieht. Sie können selbständig Nahrung aufpicken und haben von Beginn an gute Fluchtreflexe. Normalerweise zeigt ihnen aber die Glucke, wo es etwas zu Picken gibt und wann Gefahr droht. Sie wärmt, führt und verteidigt die Kücken – oft mit grossem Mut – gegen Angreifer. Auf Warnrufe der Glucke hin begeben sich die Kücken sofort in Deckung, mit Futterlockrufen zeigt sie ihnen Leckerbissen an oder hält ihnen diese im Schnabel entgegen. Oder sie pickt an einer bestimmten Stelle, um auf eine Nahrungsquelle hinzuweisen. Die Kücken folgen her und beginnen dort ihrerseits zu picken und zu scharren. Kücken aus Kunstbruten kann man mit leichtem Klopfen auf den Boden mit dem Finger ebenfalls herbeilocken, und sie picken und suchen dann in grosser Aufregung an der Stelle nach dem erwarteten Leckerbissen.
    Natürlich kennt die Hühnerglucke ihre Kücken, man kann ihr keinesfalls plötzlich weitere dazu gesellen. Ein Unterschieben fremder Eier anstatt genetisch eigener gelingt dagegen problemlos, auch wenn es sich um solche einer anderen Hühnerrasse oder gar einer anderen Vogelart handelt. In der Natur kommt es bei einigen Tauchenten hin und wieder vor, dass sie ihre Eier einer fremden Vogelart ins Gelege unterschieben. Die südamerikanische Kuckucksente (Heteronetta atricapilla) ist sogar zu einem ausschliesslichen Brutparasiten geworden und legt ihr Ei nur in fremde Nester, etwa in solche von Rallen, Möwen oder anderen Enten. Das fremdplatzierte Kücken geht bald nach dem Schlupf eigene Wege. Es besteht kaum Konkurrenz mit den Nachkommen der Amme und diese werden nicht, wie etwa beim Kuckuck, durch den Fremdling getötet.

 

Der "Mafia-Vogel" zwingt die Wirtseltern zur Kooperation

    Ist der Konkurrenzdruck unter den Kücken und der Aufwand für die Eltern grösser, wie es bei Nesthockern typischerweise der Fall ist, so sieht die Lage anders aus. Der Kuckuck muss sein Ei dem seiner Wirtsvögel angleichen, damit es von diesen nicht erkannt und verlassen wird. Doch warum tarnt der nordamerikanische Braunkopf-Kuhstärling (Molothrus ater) sein Ei als Brutparasit eher mangelhaft? Wie Forscher fanden, zerstört dieser oft nachträglich das Nest von unkooperativen Wirtsvögeln, was ihn als „Mafia-Vogel“ in die Zeitungen brachte. Wenn seine Wirtsvögel das fremde Ei akzeptieren, haben sie insgesamt grössere Chancen, auch eigenen Nachwuchs aufzuziehen. Weltweit gibt es eine Reihe unterschiedlicher Vogelarten, die als Brutschmarotzer leben und teils erstaunliche Anpassungen an die Wirtsart entwickelt haben. Ähnlich wie die Grossfusshühner müssen sie ohne Prägung auf die Elternart auskommen.
    Im Vergleich zu den Nestflüchtern sind Nesthocker nach dem Schlupf auf weit intensivere Betreuung angewiesen. Sie schlüpfen als völlig hilflose, kleine, blinde und meist nackte Wesen aus dem Ei und müssen von den Eltern im Nest noch für längere Zeit gehudert und gefüttert werden. Diese intensive Pflege geht mit engen Bindungen zwischen Eltern und Kücken einher und ermöglicht eine längere Prägungsphase. Nesthocker sind im allgemeinen in ihrem Verhalten flexibler und lernfähiger, ihr Gehirn ist im Erwachsenenalter verhältnismässig grösser als jenes von Nestflüchtern. Zu den Nesthockern zählen denn auch die intelligentesten Vertreter der Vogelwelt, die Papageien und die Rabenvögel, die ein hoch entwickeltes Sozialleben haben.
    

Publiziert (leicht verändert) in: Tierwelt Nr. 29, 23.7.2010

© E. Wullschleger Schättin

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