Direkt zum Inhalt springen

Accesskeys

Geier

 

Neue Hoffnung für indische Gesundheitspolizisten

Vergiftet durch Kadaver von Rindern, die mit Diclofenac behandelt wurden, starben die Geier Indiens massenweise. Ein Erhaltungszuchtprogramm soll dazu beitragen, die einst so häufigen indischen Geier vor dem Aussterben zu bewahren.

    Die Zufahrt führt durch ein idyllisches Waldstück, an einem stattlichen Feigenbaum vorbei. Auf einem kleinen Feldweg erreichen wir die renommierte indische Geieraufzuchtstation bei Pinjore am Fuss des Himalayas. Dr. Vibhu Prakash hat uns bereits erwartet und kommt vom Eingangstor auf uns zu. Er ist Stellvertretender Direktor der Bombay Natural History Society (BNHS) und kennt die indischen Geier wie kaum jemand anderes. Bestandesdaten aus seiner Doktorarbeit hatten sich als die ersten sicheren Belege für den Rückgang dieser majestätischen Vögel erwiesen, als sich die Katastrophe anbahnte.

      In der von Dr. Prakash geleiteten Station werden drei der heute seltendsten Geierarten der Welt für ein Wiederauswilderungsprogramm nachgezogen. Bengalgeier, Indischer Geier und Schmalschnabelgeier ähneln dem in Südeuropa vorkommenden Gänsegeier mit seiner charakteristischen Halskrause. Alle drei stehen als „vom Aussterben bedroht“ auf der Roten Liste der IUCN. Und alle waren in den 1980er Jahren noch so häufig, dass sie Indiens Vogelkundler während ihrer Exkursionen kaum gross zur Kenntnis nahmen. Der Bengalgeier kam zu Millionen vor und galt als der häufigste Geier der Welt. Seine Bestände sind seither um mehr als 99 Prozent eingebrochen, diejenigen der Indischen Geier und der Schmalschnabelgeier um über 97 Prozent. Was war geschehen?

 

Mehr Strassenhunde und Krähen

    „Diclofenac“, erklärt Dr. Prakash, „tötet die Geier schon in kleinsten Konzentrationen. Sie sterben qualvoll an Nierenversagen.“ Der Wirkstoff ist in einem Medikament enthalten, das als Schmerzmittel und Entzündungshemmer für Nutztiere auf den indischen Markt kam. Es dauerte indes Jahre, bis Diclofenac als Grund des Geiersterbens identifiziert werden konnte. Zuerst stand eine Viruskrankheit in Verdacht, das Sterben der Geier, welches zunehmend schockierende Ausmasse annahm, zu verursachen.

      Als die Ursache 2004 endlich bekannt war, wurde umgehend ein Krisenplan ausgearbeitet. Um die Geier zu retten, so forderte dieser, soll Diclofenac in der Tiermedizin sofort verboten und ein Erhaltungszuchtprogramm gestartet werden. Das Verbot konnte 2006 durchgesetzt werden. Seither wird das Medikament nicht mehr in so grossen Mengen abgegeben. Eine leichte Erholung der letzten Geierbestände zeichnet sich ab, obwohl der auch in der Humanmedizin erhältliche Wirkstoff immer noch illegal eingesetzt wird.

      Indien weist einen enormen Rinderbestand auf, wobei die Tiere aus religiösen Gründen meist nicht gegessen werden. Ihre Kadaver ernähren eine ganze Gilde von Aasfressern. Bis zu 200 Geier wurden in früheren Zeiten schon an einem Rinderkadaver gesehen. Nach dem Schwinden der Geier haben andere Arten ihre Rolle als „Abfallverwerter“ ausgedehnt. Strassenhunde erlebten einen Aufschwung, was die Angst vor der Tollwut durchaus nicht unberechtigt schürte. Die allgegenwärtigen Krähen profitieren ebenfalls vom Angebot, während im zerfallenden Fleisch massenhaft Fliegenmaden gedeihen. Die Kadaver bleiben länger liegen und stellen so ein Hygienerisiko für Mensch und Tier dar.

    Wo nur noch vereinzelte Geier auftauchen haben sie es oftmals schwerer, sich am Bankett durchzusetzen. „Als die Geier noch zahlreich waren jagten sie die Hunde davon, heute jagen die Hunde die Geier weg“, sagt der Ornithologe Rajat Bhargava, der uns auf unserer Reise begleitet. Die Geier müssen nun eher warten, bis die Hunde mit ihrem Mahl fertig sind. Manchmal verjagen auch Krähen die wenigen Geier, die sich an Kadavern einfinden.

 

Knochenhändler schlugen Alarm

      Die „Arbeit“ der Geier hatte einst den ärmsten der Landbevölkerung eine bedeutende Einkommensquelle beschert. Wenn die Leute einen Kadaver fanden, häuteten sie diesen und legten ihn aus, damit die Vögel das Fleisch aufnahmen und säuberlich die Knochen übrig liessen. Die getrockneten Knochen wurden gesammelt und an Fabriken verkauft, welche Dünger und Gelatine daraus herstellten. Fehlten die Geier, blieb Fleisch an den Knochen, das entweder die Händler oder die Fabriken entfernen mussten – auf Kosten ihres Ertrages. Knochenhändler waren denn auch die ersten, welche den Rückgang der Geier beklagten. Als eine Lokalzeitung Mitte der 1990er Jahre darüber berichtete, wurden Indiens Vogelschützer aufmerksam.

      In Pinjore und in zwei kleineren Aufzuchtstationen der BNHS, die als indischer Partner der internationalen Vogelschutzorganisation BirdLife tätig ist, werden nun Jungtiere der drei Geierarten nachgezogen. Dazu kommen fünf weitere, von der Regierung betriebene Stationen. Das Erhaltungszuchtprojekt verläuft extrem langfristig, da sich die langlebigen Geier nur sehr langsam fortpflanzen. Sie brüten erst im Alter von fünf bis sechs Jahren und legen nur ein Ei pro Jahr.

      Dr. Prakash zeigt uns die jungen Bengalgeier der Station von Pinjore auf dem Videobildschirm. Sie sollen möglichst keinen Kontakt zu Menschen haben, was die Chancen auf eine erfolgreiche Auswilderung erhöht. Zur Aufzucht, und zur Pflege verletzter Findlinge, stehen verschiedene Volieren zur Verfügung. In drei je etwa 30 Meter langen Flugvolieren können die älteren Jungvögel und die ausgewachsenen Geier ihre Schwingen trainieren. Ein robustes Kunststoffnetz schliesst die grossen Volieren oberseits ab. Später werden die jungen Geier, wenn alles gut geht, enorme Distanzen zurücklegen und in Aufwinden segeln, um nach Geierart Ausschau nach Kadavern zu halten.

      Auch das Geschehen in den Nestern wird im Video überwacht, was es den Biologen zudem ermöglicht, das Verhalten der Vögel zu studieren. Wir sehen, wie sorgsam ein Geier seinem Kücken aus dem Ei hilft. Mögen sie auch nicht besonders schön aussehen, Geier sind ausgesprochen fürsorgliche Eltern, versichert uns Dr. Prakash. Um die Zahl der raren Vögel zu erhöhen, entfernen die Vogelschützer jeweils das erste Ei und bringen es in den Brutapparat. Dann dauert es drei Wochen, bis die Henne ein zweites legt.

    Die Geierkatastrophe in Indien scheint der europäischen Politik entgangen zu sein. Noch in Indien unterwegs, erfahren wir, dass die EU Diclofenac in Spanien und Italien als Heilmittel für Rinder zugelassen hat. In Spanien leben etwa 80 Prozent der europäischen Geier, die unter anderem durch Nahrungsmangel gefährdet sind. Genau aus diesem Grund wurden Vorschriften zur Kadaverbeseitiung in Spanien wieder gelockert. Diclofenac droht nun völlig unnötig zur tödlichen Gefahr für die bedrohten Geier Europas zu werden. Dies, obschon mit Meloxicam ein alternatives, geierverträgliches Medikament zur Verfügung stände.  

 

Publiziert in: Tierwelt  Nr. 25, 19. Juni 2014

 

This article (slightly updated) in english: Perched on the precipice: India's vultures threatened by E.U. sale of killer drug

Saving Asia's Vultures from Extinction: Save Vultures

BirdLife-Petition zur Diclofenac-Krise in Europa: Geiersterben wegen Diclofenac

 

© E. Wullschleger Schättin

webdesign & cms by backslash