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Tauben

 

Gefiederte Botinnen des Friedens

Tauben begleiten den Menschen seit der Antike. Verwilderte Strassentauben leben in den Städten der Welt, wo sie sich oftmals zu gut vermehren. Manche einheimischen Arten wagen sich ebenfalls in den Siedlungsraum vor.

    Wenige Meter neben der Strasse zeigt sich seelenruhig, aber wachsam, eine grosse Taube. Bauch und Brust des oberseits grauen Vogels weisen einen lachsroten Farbton auf und auf den Halsseiten zeigt sich deutlich ein weisser Fleck. Vor allem an diesem Halsfleck ist das Tier leicht zu erkennen. Es ist eine Ringeltaube, die sich mitten in der Stadt auf Nahrungssuche begeben hat. Sie ist die grösste und häufigste einheimische Taube, grösser und häufiger noch als die allseits bekannte Strassentaube. Ihre dumpfen, meist fünfsilbigen Rufe sind zur Brutzeit sehr verbreitet in den Wäldern des Mittellandes zu hören. Mit etwas Glück ist auch der Balzflug des Männchens zu sehen, wozu es steil auffliegt und oft am höchsten Punkt laut mit den Flügeln klatscht, um dann wieder abwärts zu gleiten.
    Dass sich die Ringeltaube in einer Stadt wie Zürich zeigt, ist nicht allzu aussergewöhnlich. In manchen Teilen Europas, etwa in England oder im südlichen Schweden, ist sie seit vielen Jahrzehnten als „Stadtbewohnerin“ bekannt, die in grosszügig dimensionierten Grünanlagen oder gelegentlich in Gärten brütet. Vogelkundlern zufolge zeigt sich nun auch in weiten Landesteilen der Schweiz der Trend, dass sich dieser einst scheue Waldvogel mehr und mehr in Städten und Dörfern ansiedelt.
      Mit ihrem Eroberungszug in die Parks und Gartenanlagen folgt die Ringeltaube den Türkentauben und Strassentauben, die sich ihrerseits bestens in diesen Lebensräumen zurechtfinden. Die zierliche Türkentaube, durch ihr hellbeiges Gefieder und den dunklen Genickstreifen unverkennbar, hatte sich einst von der Türkei aus über fast ganz Europa hinweg verbreitet. Erstaunlich ist, dass diese beispiellose Erweiterung ihres Vorkommensgebiets ohne direkten Einfluss des Menschen geschah. Die Taube wurde also im neu erreichten Gebiet nirgends künstlich angesiedelt. Ihre spektakulär anmutende Ausbreitung west- und nordwärts begann in den 1930er Jahren, als sie erstmals im nördlichen Südosteuropa auftauchte. Im Jahr 1948 gelangte die Türkentaube in die Schweiz, wo sie heute in den Siedlungsräumen des Mittellandes ebenfalls ein geläufiger Brutvogel ist.


Anpassungsfähige Lebenskünstler

      Beinahe legendär ist die Anpassungsfähigkeit der Strassentaube, welche weltweit in unzähligen Städten verwildert ist. Von Venedig bis ins indische Delhi prägen diese Tauben das Bild der städtischen Plätze. Sie polarisieren, werden von den einen geliebt und übermässig gefüttert, während andere sie wegen ihrer Schadwirkung verfolgen und als „Ratten der Lüfte“ verachten. Die Strassentauben sind Abkömmlinge der domestizierten Haustaube und haben somit eine Jahrtausende lange Kulturgeschichte als Begleiter des Menschen hinter sich.
      Ursprünglicher Vorfahr war die Felsentaube, die natürlicherweise an westeuropäischen Meeresküsten und im Mittelmeerraum bis hin zum südasiatischen Raum vorkommt, wobei sie in felsigen Küsten- oder Berggebieten nistet. Felsentauben wurden vor rund 4000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond im Nahen Osten domestiziert und vielseitig genutzt. Die kulturelle Bedeutung der Taube zieht sich seither durch einige Weltreligionen und lässt sich kaum in Kürze erfassen. Die sanftmütig wirkenden Vögel gelten als Symbol des Friedens und der Liebe, werden mit geistiger Erleuchtung in Verbindung gebracht. Als Botentauben erlangten sie schon früh Bedeutung in der Nachrichtenübermittlung und inspirierten zu Wettkämpfen des Flugtaubensports.
      Bereits in der Antike wurden verschiedene Taubenrassen herangezüchtet. Heute sind über tausend Varietäten der domestizierten Taube beschrieben. Auch die Strassentauben zeigen ein uneinheitliches Erscheinungsbild, beeinflusst dadurch, was für verwilderte Zuchttauben sich in einer Stadt hauptsächlich mit ihnen mischten. Manche Exemplare in einer bunten Ansammlung von Strassentauben erinnern an die Farbzeichnung der ursprünglichen Wildtaube. Forscher fanden heraus, dass dunkel gefärbte Strassentauben im allgemeinen robuster sind und Parasiten besser abwehren können als helle Individuen. Mit ihrem höheren Anteil an dunklen Melaninpigmenten einhergehend weisen sie ein stärkeres Immunsystem auf.
    Es ist sehr wichtig, auf das Füttern der Strassentauben zu verzichten, denn die Futtergaben lassen die städtischen Taubenbestände massiv ansteigen, was Schmutz und Krankheitserreger nach sich zieht und die Lebensbedingungen für alle ansässigen Tauben verschlechtert. Taubenpaare ziehen zwar nur wenige Nestlinge pro Zeit auf. Lediglich ein bis zwei Eier werden in das spärlich ausgestattete Nest gelegt. Zum Ausgleich können sie aber fast rund ums Jahr brüten. Erfahrene Paare ziehen bei guter Ernährungssituation bis vier oder fünf Bruten im Jahr auf. Die Jungen werden mit einer quarkartigen Kropfmilch gefüttert, welche von beiden Eltern, also auch vom Vater, zur Zeit der Aufzucht im Kropf gebildet wird. Dank dieser Kropfmilch sind die Tauben nicht darauf angewiesen, spezielle Nestlingsnahrung wie proteinreiche Insekten zu finden.
    Tauben weisen weitere Besonderheiten auf, die sich gut an den Strassentauben beobachten lassen. Sie können Wasser saugend aufnehmen und brauchen zum Schlucken nicht wie andere Vögel den Kopf zu heben. Sie fliegen sehr schnell, da ihnen eine mächtig ausgebildete Flugmuskulatur kräftige Flügelschläge ermöglicht. Die Brustmuskulatur macht den grössten Teil der Körpermasse einer Taube aus, und lässt sie durch die vorgewölbte Brust ein wenig plump erscheinen.
      Wenn die Tauben am Boden umher schreiten, fällt ein dauerndes Kopfnicken auf. Dabei fixiert die Taube während des Schreitens ihre nähere Umgebung mit dem Auge, um dann den Kopf ruckartig nach vorne zu ziehen und erneut die Umgebung zu fixieren. Nur so kann sie seitlich liegende Objekte beim Vorwärtsgehen gut sehen. Wie andere Vögel kann sie ihre Pupillen kaum bewegen und muss dies durch die Bewegung des Kopfes ausgleichen. Dieser kleine Nachteil wird dadurch aufgewogen, dass die Tauben mit ihren seitlich liegenden Augen eine enorme Rundumsicht erzielen. Sie ereichen einen Blickwinkel von 300 Grad.


Vielfalt der Tauben
 
    Tauben leben in fast allen Lebensräumen der Welt, mit Ausnahme des hohen Nordens und des offenen Meeres. Im Süden der Alten Welt existieren besonders farbenprächtige Arten von Fruchttauben, die sich von bestimmten Früchten ernähren. Die Schneetaube lebt im unwirtlichen Hochgebirge des Himalayas und brütet noch auf 5000 Metern über Meer. Von den etwas über dreihundert Taubenarten der Welt kommen die meisten im Raum Südasien bis Australien vor.
      Traurige Berühmtheit durch ihr Aussterben hat die Wandertaube Nordamerikas erlangt. Sie hatte einst zu Milliarden weite Teile der heutigen USA besiedelt und war zu der Zeit der häufigste Vogel des Kontinents, oder vielleicht der Welt. Ihre unvorstellbar grossen Schwärme wurden intensiv bejagt und schienen unerschöpflich, bis dann jede Hilfsaktion zu spät kam. Das Aussterben dieses Vogels jährte sich 2014 zum hundertsten Mal.

Publiziert (leicht verändert) in Zeitlupe Nr. 10, 2014

© E. Wullschleger Schättin

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