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Hornvögel

 

Gärtner des Regenwaldes

Die Hornvögel zählen zu den bizarrsten Vögeln Afrikas und Asiens und sind bekannt für ihr einzigartiges Bruterhalten. Vor allem die asiatischen Arten nehmen eine wichtige ökologische Rolle als Samenverbreiter ein. Sie sind in besonderem Mass von der Zerstörung ihrer Waldlebensräume betroffen.

    Hornvögel sind zweifellos spektakuläre Tiere. Etliche Arten fallen mit riesigen Schnäbeln, mächtigen Hornaufsätzen oder auch mit bunten Kehlsäcken und farbenprächtigen Gesichtspartien auf. Aus der Nähe zeigen sich lange Wimpern am oberen Augenlid. Trotz ihrer Grösse sind die Schnäbel fast aller Hornvögel sehr leicht, denn ihr Knochengerüst ist sehr porös. Bei Arten mit mächtig ausgeprägtem Hornaufsatz ist dieser abgesehen von knöchernen Stützstrukturen meist weitgehend hohl. Die breiten Flügel erlauben einen wenig gewandten Flug, der bei grösseren Arten sehr geräuschvoll ist. Das laute Brausen eines auffliegenden Hornvogels ist ein Geräusch, das man nicht so schnell vergisst.
      Die Regenwaldforscher Margaret Kinnaird und Timothy O’Brien erlebten dieses Geräusch 120-fach verstärkt, als sie auf Sulawesi einen riesigen Schwarm von Helmhornvögeln (Aceros cassidix) aus einem fruchtenden Feigenbaum auffliegen sahen. „Das war ohrenbetäubend“, schildern sie in ihrem Buch. „Wir hätten auf einem internationalen Flughafen sein können und startenden Jets zuhören.“ Die beiden waren hingerissen vom Schwarm der grossen Vögel, die über den Hügel hinweg zur Sulawesi-See flogen. Das Erlebnis stand am Anfang ihrer umfassenden Forschungsarbeiten zu den Hornvögeln des indonesischen Archipels. Vorher war erst wenig über diese Regenwaldvögel bekannt, und es zeigte sich bereits, dass ihre Waldlebensräume bedenklich schrumpften.


Grosse Artenvielfalt

    Die Hornvögel sind mit 61 Arten in Afrika südlich der Sahara, in Indien, dem kontinentalen Südostasien, auf den indonesischen Sundainseln, den Philippinen und Neuguinea verbreitet. Der Papuahornvogel (Rhyticeros plicatus) erreicht mit den Salomonen die östlichste Verbreitungsgrenze der asiatischen Arten, die sich wahrscheinlich in asiatischen Wäldern zu diversifizieren begannen.
      Die meisten Hornvögel Asiens leben in tropischen Wäldern und ernähren sich von Früchten, während die afrikanischen Arten mehrheitlich Savannenbewohner sind, die mehr von tierischer Nahrung leben. Besonders hoch ist ihre Artenvielfalt auf Sumatra und im restlichen Gebiet des Sundaschelfes. Hier lebt etwa der Rhinozerosvogel (Buceros rhinoceros) mit seinem gelblich-rötlichen, zur Spitze hin erhobenen Hornaufsatz. Auf Sumatra kommt auch der kontrastreich befiederte Doppelhornvogel (Buceros bicornis) selten vor, der einen massigen Hornaufsatz trägt. Sein Vorkommensgebiet auf dem Festland reicht bei spärlicher Dichte und lückiger Verbreitung bis zum Himalaya, isoliert davon besiedelt er auch die indischen West Ghats. Als ein Charaktervogel Indiens stand der schöne, als gering gefährdet eingestufte Doppelhornvogel Pate für das Signet der Bombay Natural History Society (BNHS), dem indischen Partner von BirdLife.
      Der grösste und aussergewöhnlichste Hornvogel Asiens ist indes der im sundaischen Tiefland lebende Schildschnabel (Rhinoplax vigil). Diese urtümlich anmutende Art weist einen beim Männchen braun gefärbten unbefiederten Hals und einen aus festem Material bestehenden Hornaufsatz auf. Die Hornaufsätze dieser Vögel wurden seit Jahrhunderten als „Hornvogel-Elfenbein“ für Schnitzereien geschätzt und bis nach China gehandelt. Wenn er fliegt, ist der Schildschnabel an seinen verlängerten mittleren Schwanzfedern gut zu erkennen. Sie sollen zur Stabilisierung dienen, da der Kopf mit seinem massiven Horn sehr schwer ist. Schon die Körpergrösse des bis 1.20 Meter langen Vogels ist bemerkenswert, mit den verlängerten Schwanzfedern erreicht er eine Länge von rund 1.60 Metern. Er ist ein Nahrungsspezialist und verzehrt fast nur die fleischigen Früchte der Würgefeigen. Selbst in optimalen Waldlebensräumen kommt dieser grosse Vogel nur in geringer Dichte vor.


Wichtige Samenverbreiter

      Der grösste Teil der Gehölzarten in asiatischen Regenwäldern hängt von der Samenverbreitung durch Vögel und Säugetiere ab. Die Tiere fressen die Früchte und verbreiten die unversehrt ausgeschiedenen Samen weit genug vom Mutterbaum weg. Dass dabei den grossen Hornvögeln eine besonders wichtige Rolle zukommt, zeigte sich laut Kinnaird und O‘Brien, wo immer diese studiert wurden. Vor allem Baumarten mit grossen Samen sind zur Verbreitung offenbar auf die Hornvögel angewiesen, die noch dazu besonders weite Distanzen zurücklegen, um ihren Nahrungsbedarf zu decken.
      In Südostasien schreitet die Abholzung der ursprünglichen Wälder besonders dramatisch fort. Auf Sumatra, Borneo und Java etwa sind die einst flächendeckenden Tieflandregenwälder auf mehr oder weniger fragmentierte Waldinseln geschrumpft. Damit verlieren auch die asiatischen Hornvögel mehr und mehr an Lebensraum. Ihre Vorkommen werden zunehmend fragmentiert, und wo sie fehlen, wirkt sich dies aller Wahrscheinlichkeit nach negativ auf die Bestände der Baumarten aus, zu deren Verbreitung sie wesentlich beitragen. Umgekehrt können die fruchtfressenden Hornvögel als ökologische Schlüsselarten sehr begünstigend wirken, wenn es darum geht, beeinträchtigte Waldgebiete wieder zu regenerieren.
      Neben dem Waldverlust setzt die Wilderei den Hornvögeln zu. In Asien wie in Afrika sind sie vielerorts als „Buschfleisch“ beliebt. Die Köpfe mit den mächtigen Schnäbeln werden in verschiedenen Kulturen für zeremonielle oder medizinische Zwecke eingesetzt. Im nordostindischen Nagaland nutzen traditionell lebende Stämme Hornvogelschädel mit Schnabel und Hornaufsatz ebenso wie die langen, als Kopfschmuck verwendeten Schwanzfedern des Doppelhornvogels. Der hohe Jagddruck auf die in Nagaland traditionell bedeutsamen Tiere könnte zum lokalen Verschwinden des Doppelhornvogels und des gefährdeten Nepalhornvogels (Aceros nipalensis) geführt haben.
      Inselarten sind in einer besonders prekären Lage, da ihre Vorkommen naturgemäss sehr begrenzt sind. Die nunmehr auf eine unter prekärer Sicherheitslage stehende südphilippinische Insel beschränkten Suluhornvögel (Anthracoceros montani) sind vom Aussterben bedroht. Der Narcondam-Hornvogel (Rhyticeros narcondami) lebt in einer Population von wenig mehr als 400 Vögeln auf der 6.8 Quadratkilometer kleinen Insel Narcondam, die zum indischen Andamanen-Archipel gehört. Sollte eine Naturkatastrophe auftreten, wäre er auf dem winzigen Areal sehr gefährdet. Auf Narcondam liegt zudem ein Militärstützpunkt Indiens. Der Bau einer geplanten Radaranlage könnte die Narcondam-Hornvögel zusätzlich gefährden. Die Regierungsbehörde der Inseln hat jedoch der Küstenwache empfohlen, Dr. Asad Rahmani, Direktor der Bombay Natural History Society, im Baukomitee aufzunehmen, um schadensmildernde Massnahmen einzubringen. Ausländische Gäste haben auf der strategisch bedeutsamen Insel keinen Zutritt.


Zur Brut eingemauert

      Die langlebigen grösseren Hornvogelarten haben eine sehr geringe Fortpflanzungsrate und sind auf grosse Bruthöhlen angewiesen, die sie in hohen, alten Bäumen finden. Sie ziehen meist nur ein Junges auf und investieren viel in sein Überleben. Es wird, zusammen mit der Henne, für die Dauer seines Heranwachsens buchstäblich „eingekerkert“, denn zum Schutz vor Beutegreifern mauern Hornvögel ihre Bruthöhle bis auf einen Schlitz zu. Die Familie hängt dann davon ab, vom Männchen durch diese kleine Öffnung mit Futter versorgt zu werden. Dabei kann die Nistzeit bei grossen Arten mehrere Monate dauern, wobei das Weibchen im Schutz der Höhle seine Schwungfedern so schnell durchmausern kann, dass es vorübergehend seine Flugfähigkeit verliert.
    Besonders gut dokumentiert ist dieses einzigartige Brutverhalten beim Keilschwanztoko (Ocyceros birostris), der in Indien weit verbreitet vorkommt und mehr in offenen savannenartigen Baumbeständen lebt. Wo die Strassen im weiteren Umfeld Delhis noch von älteren Bäumen gesäumt werden, sind die Chancen bereits gut, diesen kleinen Hornvögeln zu begegnen. Während der Balz offeriert der Keilschwanztoko seiner Partnerin immer wieder Früchte, erbeutete Eidechsen oder Rindenstücke und dergleichen. Manchmal zeigen die beiden ein spielerisches Schnabelfechten. Wenn der Zeitpunkt der Brut naht, wird das Weibchen zunehmend inaktiver. Es lässt sich mehr vom Männchen füttern und hört allmählich auf, selber nach Nahrung zu suchen. Häufiger ist es bei der Gefiederpflege oder beim Sonnenbad zu sehen.
      Wenn das Weibchen im März die Bruthöhle aufsucht, beginnt das Paar mit den Bauarbeiten. Das Männchen bringt dazu Schlammklumpen herbei. Mit diesem Material, gemischt mit seinen eigenen Exkreten, kleistert das Weibchen die Höhlenöffnung zu, bis nur noch der kleine Schlitz übrig bleibt. Über etwa 65 Tage hinweg versorgt das Männchen die Eingeschlossenen mit Nahrung. Das Weibchen verlässt die Höhle eines Tages, wenn die Jungen kräftig herangewachsen sind. Diese bauen das aufgebrochene Loch wieder zu, was drei bis vier Tage in Anspruch nimmt – eine kritische Zeitspanne, während der viele Jungvögel Nestplünderern zum Opfer fallen. Bis zum Ausfliegen werden sie von beiden Eltern weiter gefüttert.


Eigenartige Hornraben
      
      Die afrikanischen Hornraben (Bucorvidae) bilden mit zwei Arten eine eigenartige Schwestergruppe zu den übrigen Hornvögeln (Bucerotidae). Stammbaumanalysen zufolge müssten sie als erste von den anderen Hornvögeln abgezweigt sein. Sie sind im Gegensatz zu diesen ausgesprochene Bodenvögel, die schreitend nach Kleintieren oder anderer Nahrung suchen. Auch mauern sie ihr Nest als einzige Hornvögel nicht zu. Sie pflanzen sich jedoch auch sehr langsam fort und ziehen nur ein Junges pro Brut auf. Dabei wird das Brutpaar von nichtbrütenden Helfern unterstützt.
      Vor allem die gefährdeten Südlichen Hornraben (Bucorvus leadbeateri) leiden unter dem Lebensraumverlust und der Verfolgung, oder sie vergiften sich an Ködern, die für andere Tiere ausgelegt wurden. Reflektierende Glasscheiben an Bauten im Lebensraum der Hornraben haben sich als besonderes Problem erwiesen: Die territorialen Vögel sind gefürchtete Scheibenzertrümmerer, wenn sie ihr Spiegelbild mit dem grossen Schnabel attackieren. Die nächsten Verwandten der Hornvögel sind übrigens nicht die neuweltlichen Tukane, sondern die ebenfalls in Afrika beheimateten Hopfe, in Europa mit dem einzigartigen Wiedehopf vertreten.

Publiziert in: Ornis, Nr. 1/2015

© E. Wullschleger Schättin

 

Literatur:
Charde P, Kasambe R. Tarar J.L. (2011): Breeding behaviour of Indian Grey Hornbill in Central India. The Raffles Bulletin of Zoology, Suppl. No. 24, 59-64
Kinnaird M.F., O’Brien T.G. (2007): The Ecology and Conservation of Asian Hornbills. Farmers of the Forest. University of Chicago Press

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