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Kanadagans

Ausbreitungsfreudige Amerikanerin

Kanadagänse sind Ikonen unter den Zugvögeln Nordamerikas und enorm weit verbreitet auf dem Kontinent. Umherziehende westliche Kanadagänse irrten in vorgeschichtlicher Zeit offenbar übers Meer bis hin zu den isolierten Inseln Hawaiis. Dort entwickelten sie sich zu einer eigenständigen Art mit besonderer Lebensweise weiter, der Hawaiigans.

      Das laute Honken ist schon von weitem zu hören. Langsam nähert sich der Trupp, bis die Kanadagänse nur wenige Meter von uns entfernt, der Küste entlang, in gänsetypischer V-Formation vorbeiziehen. Sie fliegen sehr tief, kaum ein paar Meter über dem Wasser. Wir befinden uns auf Vancouver Island in der Provinz Britisch Kolumbien im südwestlichen Kanada, auf einem Campingplatz direkt an der südlichen Küste der Insel, irgendwo zwischen der Stadt Victoria und dem Fährhafen bei der Swartz Bay. Etliche Grossmöwen und andere Wasservögel tummeln sich vor uns auf dem Meer, sammeln sich wohl am frühen Abend allmählich an ihren Übernachtungsplätzen, oder jagen nach Krabben und anderem Getier.
      Wenige Minuten später erklingen wieder die lauten, trompetenden Rufe der Gänse. Dann taucht auch schon die nächste Kanadagansgruppe aus dem Wäldchen in einiger Distanz auf, eine ganze Schar nähert sich tief über dem Wasser nebeneinander fliegend. Kaum ist auch diese Gruppe vorüber gezogen, kündigt sich eine weitere an. Und etwas später noch eine. Dann eine weitere. Eins ums andere ziehen Paare, kleine oder auch grosse Verbände von über 15 Tieren an uns vorbei, eine unglaubliche Zahl von Gänsen, die uns da ein abendliches Spektakel bieten. Vermutlich suchen sie ihre Übernachtungsstandorte auf, denn es ist September und die Gänse fliegen alle in nördliche Richtung. Zum Eindunkeln hin lassen sich denn auch manche der Trupps weit draussen auf dem Wasser nieder und sammeln sich dort zu grösseren Verbänden an.


Dunkle Kanadagänse ganz im Westen Nordamerikas

      Soweit wir es erkennen können sind mindestens einige der Gänse auf der Brustseite auffallend dunkel gefärbt. Es könnte sich um Kanadagänse der Unterart Branta canadensis occidentalis handeln, der Dunklen Kanadagans, oder der sehr ähnlichen Vancouver-Kanadagans (B. c. fulva). Beide dieser Unterarten wären typische Bewohner des westlichsten Kanadas, die sich natürlicherweise mindestens zeitweilig auf der Insel aufhalten: Die Dunkle Kanadagans brütet in Alaska und überwintert an den Küsten Britisch Kolumbiens und der nordwestlichsten USA. Die Vancouver-Kanadagans überwintert ebenfalls im Gebiet und brütet als einzige Unterart natürlicherweise auf Vancouver Island – wenn auch letzteres höchstwahrscheinlich nie in grosser Zahl und nie so weit südlich, wo wir campiert haben.
      Eine wirklich sichere Zuordnung der Beobachtungen ist kaum möglich, denn wie wir später erfahren sind die Kanadagansbestände auf Vancouver Island durch menschliches Zutun schon vor vielen Jahrzehnten grosszügig «unterstützt» worden. Die beliebten Gänse wurden aus anderen Ursprungsgebieten eingeführt und in Wildtierfarmen herangezogen, um höhere Bestände zum Bejagen zu erhalten. So gelangen Kanadagänse anderer Unterarten auf die Insel und vermehrten sich offenbar gerade entlang der Küste im Süden der Insel kräftig.
      Kanadischen Biologen zufolge erreichen die angesiedelten Gänse gebietsweise übermässig hohe Dichten und sind so zu einer Gefahr für die natürliche Vegetation etwa von Flussmündungsbereichen geworden. Schäden an Kulturflächen werden ebenfalls beklagt. Aber auch die gar nicht so häufigen, ursprünglich auf der Insel brütenden Vancouver-Kanadagänse könnten in ihrer Einzigartigkeit gefährdet sein, denn Kreuzungen mit den angesiedelten Unterartenmischlingen sind wahrscheinlich.


Die Hawaiigans hat Kanadagans-Vorfahren

    Als Zugvögel, die sich auch entlang von Meeresküsten bewegen, sind Kanadagänse schon verschiedentlich verdriftet worden. Man nimmt an, dass ein paar verirrte Kanadagänse (oder ihre Vorfahren) über dem Pazifik vor wahrscheinlich mehr als einer Million Jahren auf die neu entstandenen Inseln Hawaiis gelangt waren und sich dort ansiedeln konnten. In der extremen Abgeschiedenheit entwickelten sie sich weiter und nutzten freie Nischen, da grosse Pflanzenfresser und Beutegreifer auf den Inseln fehlten. Erstaunlich schnell bildeten sich so neue Arten, wie die flugunfähige Riesen-Hawaiigans und die heutige Hawaiigans, welche genetisch immer noch eine klare Verwandtschaft zu den Kanadagänsen erkennen lässt.
      Als der Mensch auf die Inseln gelangte, erging es diesen Gänsen weniger gut. Mit Ausnahme der Hawaiigans sind alle schon vor Jahrhunderten ausgerottet worden, und auch sie konnte nur knapp, durch Nachzuchten in Menschenhand und Wiederansiedlungsprojekte, vor dem Aussterben bewahrt werden. Die Hawaiigans lebt auf spärlich bewachsenen Lavafeldern oder in Grasland, wobei sie nicht mehr auf Feuchtgebiete angewiesen ist. Ihre Schwimmhäute sind deutlich zurückgebildet und die Flügel kürzer als bei der Kanadagans. Trotzdem ist diese schöne, gefährdete Landbewohnerin eine typische „Meergans“ der Gattung Branta. Eine gewisse Ähnlichkeit zur Kanadagans, die in ihrer Lebensweise so verschieden ist, lässt sich vom Erscheinungsbild her durchaus gut erkennen.


Anspruchsvolle Hausgefährten

    Relativ wenige Privathalter widmen sich Kanadagänsen, denn ihre Grösse und ihr weiterhin „wildes“ Wesen macht sie zu recht anspruchsvollen Pfleglingen. „Wer sich für die Haltung von Kanadagänsen entscheidet, sollte schon etwas Erfahrung mit diesen selbstbewussten Wildgänsen mitbringen“, meint etwa die Gänsekennerin Marion Bohn aus dem deutschen Lautertal.
      Ganter in der Brutzeit könnten äusserst unangenehm werden. Sie zeigen dann ihr ursprüngliches Revierverteidigungsverhalten vehement auch gegenüber den menschlichen Versorgern, selbst wenn sie diese schon seit Jahren kennen und sich sonst sehr umgänglich verhalten. Man muss sich dann einiges einfallen lassen, den Stall der Gänse noch betreten zu können, so Marion Bohn. Die erfahrene Züchterin wendet den Trick an, die  Aufmerksamkeit des Ganters auf ein Ersatzobjekt zu lenken, ein Stoffkissen oder dergleichen, das sie dem kampfbereiten Vogel in den Stall wirft.
      Wie andere Gänse gehen die „Kanadas“ enge und dauerhafte Paarbeziehungen ein, die normalerweise über eine Brutsaison hinaus Bestand haben. Sie fühlen sich nur in einer Paarbeziehung wohl. Zudem benötigt ein Kanadaganspaar ein grosses Areal mit genügend bewachsener Weidefläche, und natürlich einen Teich, oder ein anderes grosszügig dimensioniertes Gewässer mit guter Wasserqualität. In allzu kleinen Unterkünften neigen diese Wildgänse zu Verhaltensstörungen.

 

Literatur: Dawe N.K., Stewart A.C. (2010): The Canada Goose (Branta canadensis) on Vancouver Island, British Columbia. British Columbia Birds, Vol. 20, 24-40

Kanadagans-Vielfalt
Die Kanadagänse sind sehr weit verbreitet in Nordamerika und kommen in sieben verschiedenen Unterarten vor. Sie besiedeln fast den ganzen Norden des Kontinents und ziehen zum Überwintern teils bis weit in den Süden. Dabei fällt auf, dass die Unterarten des Westens besonders dunkel und jene der südlichen Gebiete grösser sind. Die im Landesinneren lebende Riesenkanadagans Branta canadensis maxima wäre in den 1900er Jahren beinahe ausgerottet worden, erholte sich aber so gut, dass die Tiere in vielen Siedlungsgebieten wiederum zu «Problemvögeln» wurden. Am Atlantik lebt die Atlantische Kanadagans B. c. canadensis, eine der häufigsten Kanadagänse, die wahrscheinlich auch den grössten Teil der in Europa verwilderten Population ausmacht. Nicht zu verwechseln ist die Kanadagans mit der kleineren Zwergkanadagans (Branta hutchinsii). Früher zählte man auch diese zu den Kanadagänsen, doch seit 2004 wird sie wegen deutlicher Unterschiede als eigenständige Art geführt. Mit ihrem kürzeren Hals und dem kurzen Schnabel wirkt sie vergleichsweise zierlich. Zwergkanadagänse nisten in der arktischen Tundra, im allgemeinen weiter nördlich als die «grossen» Kanadagänse.

Publiziert in Gefiederter Freund Nr. 7, 2018

© E. Wullschleger Schättin

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