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Vogelgesang

 

Startenöre der Vogelwelt

Singende Vögel erfreuen den Menschen seit je. Wer genau hinhört, kann in den Singstrophen vieler Vogelarten regionale Unterschiede und sogar Imitationen von Umgebungsgeräuschen erkennen.

Es gibt kaum etwas Schöneres als die flötenden, leicht melancholischen Klänge einer singenden Amsel. Selbst die Nachtigall, die leider längst selten geworden ist, wird in den Augen vieler Menschen durch die Amsel gesangesmässig in den Schatten gestellt. Tatsächlich gibt es unter den Amseln immer wieder wahre Meistersänger. Andere Amseln singen im Vergleich dazu merklich unscheinbarer. Sie sind vielleicht noch in der Übungsphase, denn im Gegensatz zu einfachen Rufen ist der komplexe Gesang den Vögeln nicht angeboren.

Vögel müssen den Gesang als Jungtiere von ihren älteren Artgenossen lernen und über längere Zeit einüben.
Auch erwachsene Amselmännchen üben eine Zeitlang, bevor sie mit ihrem wohlklingenden Vollgesang das Brutrevier zu markieren und ein Weibchen anzulocken beginnen. Der voll entwicktelte Gesang ist dann zwar amseltypisch, aber in seinen Nuancen bei jedem Individuum einzigartig. Einige Amseln bauen sogar fremde Töne ein, die sie regelmässig in der Umgebung hören. Zum Beispiel endete die Strophe einer Amsel, die neben einer Pferdeweide sang, jedes Mal markant mit dem Wiehern eines Pferdes. Als die wiehernde Amsel nach einigen Jahren verstummte, wussten auch die menschlichen Anwohner, dass der Vogel höchstwahrscheinlich gestorben ist.


Urheberrechte gibts bei Vögeln nicht

Viele weitere Singvögel ahmen fremde Klänge nach. Manche weben diese wie die Amsel geschickt in eigene Gesänge ein und komponieren daraus gewissermassen ein eigenes Werk, während andere zum Beispiel den Ruf einer fremden Vogelart täuschend ähnlich imitieren. Für Vogelkundler ist es deshalb in vielen Fällen schwierig, allein anhand des Gesanges oder der Rufe zu bestimmen, was für eine Vogelart sie vor sich haben. Selbst die Kohlmeise, die eine relativ einfach aufgebaute, rhythmisch wiederholte Strophe singt, imitiert immer wieder andere Meisen mit täuschender Ähnlichkeit. Das scheinbar einfache Repertoire der Kohlmeise ist in Wirklichkeit sehr variationsreich, wie man bei genauerem Hinhören feststellen kann.

Manchmal hilft der gesunde Menschenverstand, einen Nachahmer vom Original zu unterscheiden. Wenn etwa im März mitten im Dorf plötzlich der flötende Klang eines Pirols ertönt, dürfte dieser schöne, leuchtend gelbe Vogel aus den Auenwäldern kaum der Urheber sein. Der Pirol kehrt nämlich erst etwa ab Ende April von seinem Überwinterungsquartier in die Schweiz zurück, und hält sich überhaupt lieber hoch oben in dichten Baumkronen auf. Viel eher steckt ein nachahmungsfreudiger Star hinter dieser perfekten Imitation.

Nicht nur Vogelkundler werden von den Gefiederten gelegentlich ungewollt zum Narren gehalten. Aus den 60er Jahren wird berichtet, dass zwei Haubenlerchen in ihrem Singflug über einer Schafweide für Verwirrung sorgten. Sie hatten die drei verschiedenen Schäferpfiffe gelernt, mit welchen der Schäfer seine Hunde dirigierte. Die Hunde reagierten fortan nicht mehr nur auf die Kommandos des Schäfers, sondern auch auf die Pfiffe der Lerchen.

Die Eigenheit verschiedener Singvögel, fremde Klänge nachzuahmen, wird etwas despektierlich als Spotten bezeichnet. In Tat und Wahrheit lassen sich die Vögel wohl schlicht von ihrer akustischen Umgebung zu neuen Klängen inspirieren. Nahe einer Nachtigall singt mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Mönchsgrasmücke nachtigallen-ähnlich und verleiht damit ihrer schönen Singstrophe besonderen Charakter. Als besonders nachahmungsfreudig hat sich der Sumpfrohrsänger erwiesen: In seinen Gesängen sind Motive von über zweihundert Vogelarten festgestellt worden, darunter auch exotische Klänge von Vögeln aus seinem Überwinterungsgebiet in Afrika.

Selbst der Mensch findet Inspiration bei den Klangstrukturen der gefiederten Sänger. So wird etwa gemutmasst, Beethovens Fünfte Symphonie gehe in den ersten Takten auf die liebliche Strophe der Goldammer zurück, welche der weltbedeutende Komponist während seinen Spaziergängen zweifellos öfters gehört hat. Das etwas wehmütig klingende „Dzi-dzi-dzi-dzi-dzi-düühh“ der Goldammer wird im Volksmund häufig als „Wie wie wie hab ich Dich liieb“ übersetzt. Als markante, einst allgegenwärtige Stimme der Kulturlandschaft hat die Goldammer auch Literaten wie Joseph von Eichendorff inspiriert.

Trotz Nachahmungen hat jede Vogelart ihre charakteristische Gesangsweise, denn die Tiere müssen schliesslich für ihre Artgenossen erkennbar bleiben. Doch selbst bei den verhältnismässig konstanten Gesängen des Buchfinks kann es regional zu beträchtlichen Variationen kommen: Der Buchfink singt sozusagen in Dialekten. Er ruft auch im Dialekt, sodass man während einer Reise durch Europa ganz unterschiedliche Buchfinkenrufe zu hören bekommt.

 

Wenn Vögel sich nicht mehr verstehen

Besonders gross werden die Unterschiede, wenn Vögel einer bestimmten Art isoliert voneinander leben, wie dies häufig auf Inseln der Fall ist. Auf den westlichen Kanarischen Inseln singen die Rotkehlchen in etwa gleich wie in Europa, doch auf Teneriffa und Gran Canaria haben sie kürzere, völlig abweichende Strophen entwickelt. Diese „fremdsprachigen“ Rotkehlchen reagieren kaum mehr auf die Gesänge ihrer kontinentalen Artgenossen, weil sie diese nicht mehr erkennen. Solche extremen Auseinanderentwicklungen im Gesang können schliesslich zur Aufspaltung der betreffenden Vögel in zwei getrennte Arten führen.  

Einige Vögel passen ihre Gesänge bis zu einem gewissen Grad an die Akustik der Umgebung an. Holländische Forscher fanden, dass die Singstrophen der Kohlmeise in europäischen Städten anders klingen als in nahe gelegenen Waldgebieten. Meisen aus lärmigen Stadtteilen sangen kürzere und schnellere Strophen in etwas höherer Tonlage als ihre Artgenossen im Wald. So verschaffen sich diese anpassungsfähigen Vögel offenbar trotz der Geräuschkulisse des Strassenverkehrs Gehör bei den Weibchen und bei den Rivalen.

Wie schaffen es die Vögel, eine so erstaunliche Vielfalt von Tönen hervorzubringen? Kein anderes Tier kann so gut Laute imitieren, und damit auch „sprechen lernen“, wie einige Vögel. Dabei haben Vögel ein ganz anderes Stimmorgan entwickelt als der Mensch. Sie haben keine Stimmbänder, sondern einen zusätzlichen unteren Kehlkopf, der Syrinx genannt wird und nur bei Vögeln vorkommt. Daran sind Membranen angebracht, deren Spannung durch ein komplexes System von Muskeln verändert werden kann, wodurch unterschiedlich hohe Töne entstehen. Besonders kompliziert gebaut ist die Syrinx bei den Singvögeln, was diesen allgemein begabten Sängern besonders differenzierte Lautäusserungen erlaubt. Einige Singvögel können sogar zwei verschiedene Töne gleichzeitig erzeugen, indem sie die beiden symmetrischen Hälften der Syrinx unabhängig voneinander schwingen lassen.

Text publiziert in: Zeitlupe, Nr. 4/2008

© E. Wullschleger Schättin

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