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Hühner

 

Vorurteile weggepickt

Hühner gelten gemeinhin als dumme Tiere. Doch Forscher sind auf dem besten Weg, dieses Klischee zu widerlegen. Sie finden immer mehr Hinweise darauf, dass Hühner  zu differenziertem Verhalten und zu überraschenden Lernleistungen fähig sind.

Wenn Hennen hinter einem Zaun Körner erhalten und ein abgetrenntes Tier vor dem Zaun auch ans Futter möchte, rennt es die ganze Zeit auf und ab, ohne das nur wenige Meter entfernte Loch im Zaun zu entdecken. Solche Szenen verleihen Hühnern den Eindruck, ausgesprochen dumme Tiere zu sein. Doch die Intelligenz von Tieren ist auf Situationen konzentriert, die in ihrer natürlichen Umwelt eine Rolle spielen, und Zäune gibt es in der Natur eigentlich nicht. In einem für sie nützlicheren Zusammenhang erweisen sich die aus menschlicher Sicht „dummen“ Hühner als ausgepochen lernfähig. Und neuere Forschungen weisen auf erstaunliche Fähigkeiten hin, die man ihnen kaum zugetraut hätte.

Hühner können vorausdenken

In einer Verhaltensstudie von Dr. Siobhan Abeyesinghe (Royal Veterinary College, England) haben sich Hühner als vorausdenkende Wesen erwiesen. Das heisst, zumindest über einen kleinen Zeitraum bemessen können sie sich offenbar vorstellen, was in der Zukunft passiert, und ihr Verhalten danach ausrichten. In der Studie wurden Hennen darauf abgerichtet, auf einen farbigen Knopf zu picken, um Futter zu erhalten. Pickten die Hühner schon nach zwei Sekunden, erhielten sie nur wenig Futter. Wenn sie 22 Sekunden warteten, bevor sie zu picken begannen, gab es einen „Jackpot“ mit sehr viel mehr Futter. Hätten die Hühner absolut keine Vorstellung von der Zukunft, so würden sie zu früh picken und den Jackpot laufend verpassen. In der Studie lernten aber fast alle Hühner, auf die grössere Futtermenge zu warten.

Ein weiteres Forschungsteam hat untersucht, ob Hühner ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis verstehen können. In dieser Studie wurde verletzten Hühnern eine Auswahl zweier Futtermittel angeboten, wobei eines ein schmerzstillendes Mittel enthielt. Die Vögel haben offenbar rasch verstanden, dass der schmerzstillende Futtertyp von Vorteil ist, und bevorzugten am Ende diesen.


Hennen unterrichten ihre Kücken
    
Forscher der Universität Bristol (England) haben Mutterhennen verschiedenfarbige Körner angeboten: gelbe und blaue, wobei die blauen einen Inhaltsstoff enthielten, der den Hühnern Uebelkeit bescherte. Die Hennen lernten schnell, die unangenehmen blauen Körner zu vermeiden und sich an die harmlosen gelben Körner zu halten. Als sie später Kücken führten, wurden ihnen die gefärbten Körner erneut angeboten. Dieses Mal waren beide Körnervarianten wirkungslos. Doch die Hennen zeigten sich augenblicklich um ihre Jungen besorgt und drängten diese von den blauen Körnern weg, um sie zu den gelben zu führen. Die Studie zeigt, dass Hühner offenbar eine Vorstellung davon haben, dass Uebelkeit erregendes Futter auch ihre Jungen belasten könnte.

Nicht nur Kücken lernen übrigens von ihrer Glucke. Hennen lernen auch voneinander durch Nachahmung, und in einer Hühnergruppe verbreitet es sich schnell, wenn eine Artgenossin etwas Neues entdeckt hat. Doch als eigentliche „Lehrerinnen“, die andere gezielt anleiten, wirken gemäss der Studie einzig Mutterhennen gegenüber ihren Kücken.


Hühner nutzen geomagnetisches Feld

Verschiedene Tiere nutzen das Erdmagnetfeld zur Orientierung. Doch würde man das von Hühnern erwarten? In einem Versuch von Rafael Freire (Universität New England, Australien) wurden Kücken je einzeln in eine Vorrichtung gesetzt, die ihnen keinerlei räumliche Orientierungsmöglichkeit gab. Darin erhielten sie stets in der in einer bestimmten Himmelsrichtung gelegenen Ecke eine Belohnung. Nach einer Weile wurde das Kücken herausgehoben und die Arena gedreht, sodass sich die räumliche Anordnung der Ecken verschob, bevor das Kücken wieder hineingesetzt wurde.

Die Versuchskücken suchten dann bevorzugt in der richtigen und in der direkt entgegengesetzten Richtung nach ihrer Belohnung. Dies weist darauf hin, dass Hühner das geomagnetische Feld wahrnehmen und zur Orientierung nutzen können – wenn auch die getesteten Kücken darin nicht so geschickt waren wie erfahrene Zugvögel. Sie haben diese Fähigkeit erstaunlicherweise über Jahrtausende der Domestikation hinweg bewahrt.


Unterschätzte Vögel

Dass Hühner vorausschauend handeln, voneinander lernen und Wissen gezielt an die Nachkommen Barthühner2010.JPGweiter geben, lässt auf ein hoch entwickeltes Denkvermögen schliessen, das man früher allenfalls Affen zugetraut hätte. Wie diese sind auch Hühner sehr soziale Lebewesen: Sie leben naturgemäss in Kleingruppen mit einer sozialen Hierarchie. Hühner können eine grosse Zahl von Artgenossen unterscheiden und wieder erkennen. Sie haben rund dreissig verschiedene Lautäusserungen, was ihren Kommunikationsmöglichkeiten beträchtliche Komplexität verleiht. Darunter gibt es zwei verschiedene Alarmrufe: einen für Bedrohungen vom Boden und einen anderen für Bedrohungen aus der Luft, wie etwa den Habicht.

Die Intelligenz von Vögeln wurde lange Zeit erheblich unterschätzt, da ihr Gehirn einfacher aufgebaut schien als jenes der Säugetiere. Dabei ist das Gehirn der Vögel so verschieden von jenem der Säuger, dass die für Kognition und Denken zuständigen Bereiche ganz anders aussehen.

Publiziert in: Tierreport, Nr. 1/2006

© E. Wullschleger Schättin

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