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Kanarienvogel

 

Ein Vogel mit reicher Geschichte

Kanarienvögel waren über lange Zeit die bedeutendsten Ziervögel Europas.Seit Jahrhunderten beeindrucken sie durch ihr Sangestalent und motivierenZüchter zur gezielten Auslese von besonders talentierten Sängern.

Die Vielfalt an Ziervögeln, die bei privaten Haltern gepflegt werden, ist heutzutage gross. Doch nur wenige davon wurden so lange in menschlicher Obhut gezüchtet, dass sie als domestiziert und damit als eigentliche, an diese Lebenssituation angepasste Haustiere gelten können. Vor den ersten geglückten Zuchten des Wellensittichs, der es als lebhafter kleiner Papageienvogel sehr rasch zu grosser Beliebtheit brachte, war der Kanarienvogel häufigster Ziervogel in der westlichen Welt. Und als der Wellensittich in Europa ankam, blickte der Kanari bereits auf eine Jahrhunderte lange Geschichte in menschlicher Obhut zurück. Die ersten Kanarienvögel kamen durch einen Eroberungsfeldzug der Spanier auf den Kanarischen Inseln im 15. Jahrhundert nach Europa.

Sie waren unscheinbare Finkenvögel mit gelbgrünem, graubraun gezeichnetem Gefieder, welche wegen ihres wunderbaren Gesanges von der Bevölkerung der Kanarischen Inseln anscheinend bereits in Käfigen gehalten wurden. Heute ist die Art als Kanarengirlitz (Serinus canaria) oder wilder Kanarienvogel bekannt, ihr nächster Verwandter ist der auch in Mitteleuropa heimische Girlitz. Sie besiedelt nebst den westlichen Kanaren die Azoren und Madeira. Der beeindruckende Gesang der wilden Kanarienvögel war den Spaniern während ihres Feldzugs offenbar aufgefallen, und so brachten sie ein paar Exemplare dieser Vögel als Geschenke an den Spanischen Hof mit. Weitere spanische Expeditionen in folgenden Jahrhundert sollten etliche mehr nach Europa bringen, denn die exotischen Sänger lösten im europäischen Adel Begeisterung aus.


Erste Nachzuchten

Wildvögel wurden über die Jahrhunderte hinweg immer wieder in grosser Zahl gefangen und in Käfigen gehalten. Vor allem die Nachtigall war wegen ihres wunderbaren Gesanges ein beliebter Käfigvogel in Europa. Doch Nachtigallen waren schwierig zu ernähren und zeigten gegen Herbst hin eine deutliche Zugunruhe, da sie als Zugvögel zu dieser Jahreszeit wegfliegen würden. Sie überlebten meist nicht lange in Gefangenschaft, und weil damals relativ einfach Nachschub aus der Natur zu beschaffen war, machte sich wahrscheinlich niemand Gedanken um eine Nachzucht. Dagegen waren Kanarienvögel – als ebenso begnadete Sänger – mit Körnerfutter leicht zu ernähren und auch leicht zur Fortpflanzung zu bringen.

Zunächst sicherten sich die gewieften spanischen Händler jedoch das Zuchtmonopol für die begehrten Kanarien, indem sie ausschliesslich lebende Männchen in europäische Länder exportierten. Als in den folgenden Jahrhunderten die Transporte von und zu den Kanarischen Inseln zunahmen, wurden Abertausende weitere Kanarengirlitze in der Wildnis gefangen und nach Europa gebracht. Glücklicherweise ist der Wildvogel trotz der enormen Nachfrage nicht ausgestorben – was sicher auch dem Umstand zu verdanken war, dass die Spanier ihr Gewinn bringendes Monopol trotz aller Vorsicht nicht zu halten vermochten.

So gelang es im 16. Jahrhundert unter anderem deutschen Züchtern, Kanarienvögel zu vermehren. Die deutschen Vogelzüchter erwiesen sich als sehr erfolgreich und exportierten die Tiere schliesslich in derart grosser Zahl in alle europäischen Länder, dass diese bald als „deutsche Vögel“ bekannt wurden. Bestimmte Eigenschaften an den Vögeln wurden bereits durch gezielte Zucht gefördert, wobei die Sangeskunst im Mittelpunkt des Interesses stand.


Harzer Roller

Nach grossen Namen wie dem Tirol, Augsburg und Nürnberg wurde im frühen 19. Jahrhundert die winzige Minenstadt St. Andreasberg in den Harzer Bergen berühmt für „ihre“ Kanarienvögel. Die Mineure des Harz pflegten seit langem die Tradition der Singvogelhaltung und veranstalteten mit ihren Tieren regelmässig Sangeswettbewerbe. Als sie in den Besitz von Kanarienvögeln kamen, züchteten sie daraus einen besonders gefragten Sänger, der es unter dem Namen Harzer Roller zu Weltruhm brachte und teuer gehandelt wurde. Der für menschliche Ohren besonders attraktive Gesang dieser Vögel kam dabei nicht nur durch genetische Förderung zustande. Ein gezieltes Training war ebenso wichtig, denn wie andere gute Sänger der Vogelwelt müssen junge Kanarienvögel ihre Strophen lernen, üben und weiterentwickeln.

Im von der Armut geprägten Harz entwickelte sich ein eigentlicher Kanarienboom, der zweifellos ein paar Vogelhändler reich machte und zusätzliche Arbeitsplätze schuf. Ganze Familien waren zeitweise mit der Herstellung kleiner Vogelkäfige aus Holz beschäftigt. In diesen winzigen Vogelbauern wurden die einzelnen Vögel verkauft. Die Kanarienvögel aus dem Harz waren aber nicht nur als Exportprodukt gefragt. Wie zuvor andere kleine Singvögel dienten sie den Mineuren in den Stollen auch als Zeiger für Gasgefahr, und retteten damit viele Menschenleben. Verstummte der mitgeführte Vogel in seinem Käfig und verlor er das Bewusstsein, so wussten die Arbeiter untertags, dass sie den Ort schleunigst verlassen sollten. Im Bergstädtchen St. Andreasberg (Deutschland) erinnert heute das „Harzer-Roller-Kanarien-Museum“ an die Geschichte des Ortes und seiner Kanarienvögel.*


Schwerhörige singen lauter

Der schöne Gesang der Kanarienvogelmännchen dient natürlicherweise dazu, ein Weibchen zu beeindrucken und Rivalen abzuschrecken. Tatsächlich haben Forscher herausgefunden, dass besonders komplexe Gesänge einen messbaren Einfluss auf Kanarienweibchen haben: Wurden weiblichen Kanarienvögeln verschiedene Gesänge vom Band abgespielt, so reagierten diese auf die besonders kunstvollen Varianten, indem sie grössere Eier legten. Anhand der Sangeskunst beurteilen Kanarienweibchen offenbar den Zustand eines möglichen Partners, denn nur topfitte Vögel mit den passenden Genen bringen es in der Natur fertig, genügend Energie in die Entwicklung eines perfekten Gesanges zu stecken.

Lange Zeit fragte man sich, weshalb Kanarienvögel eigentlich so laut singen. Ob der meist sehr heftige Wind auf den Kanarischen Inseln Ursache dafür sei, dass sich die Vögel mit besonderer Lautstärke Gehör verschaffen? Besonders laut und tief singen – gefördert durch gezielte Zucht – die Gesangskanarien der Rasse Belgischer Wasserschläger. Die genetische Veränderung, welche bei Belgischen Wasserschlägern vererbt wird, scheint jedoch nichts mit ihrem Stimmorgan zu tun zu haben. Wie Forscher durch Zuchtexperimente zeigen konnten, vererben Belgische Wasserschläger eine Hörschwäche, aufgrund dieser sie im Gegensatz zum Wildtyp höhere Töne nicht mehr wahrnehmen können. Die mangelnde Tonwahrnehmung bewegt sie offenbar dazu, nur in tiefer Tonlage und lauter als andere Kanarienvögel zu singen.

 

Publiziert in: Tierwelt Nr. 26, 27. Juni 2008

© E. Wullschleger Schättin


* Harzer-Roller-Kanarien-Museum: www.harzer-roller.de/

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