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Alpenschneehuhn

 

Hühner im Schnee

Als einziger einheimischer Vogel wechselt das Alpenschneehuhn im Herbst in ein weisses Winterkleid. Es ist ein ausgesprochener Hochgebirgsbewohner, dem die Klimaerwärmung gefährlich werden könnte.

    Von allen einheimischen Wildhühnern ist das Alpenschneehuhn am stärksten an ein Leben in den eisigen Kälten des Hochgebirges angepasst. Im Herbst wechselt es in ein schneeweisses Wintergefieder, ähnlich wie manche Säugetiere einen weissen Winterpelz entwickeln. So sind die Schneehühner auch auf den verschneiten Hängen oberhalb der Baumgrenze bestens getarnt, wenn der Steinadler nach ihnen Ausschau halten sollte. Die Männchen sind im Winterkleid an einem schwarzen Streifen erkennbar, der vom Schnabel zum Auge führt und bei den Weibchen fehlt. Hat ein Schneehuhn auffallend ausgeprägte, rote Wülste über den Augen, so handelt es sich ebenfalls um einen Hahn. Diese „Rosen“ schmücken die Hähne besonders zur Balzzeit.  
      Das schneeweisse Winterkleid der Alpenschneehühner ist etwas dichter als ihr Sommergefieder. Sogar die Füsse sind im Schneehühner.jpgWinterkleid fast rundum befiedert und somit gut gegen die Kälte isoliert. Die verstärkte Fussbefiederung wirkt wie ein Schneeschuh und erleichtert es den Hühnern, ohne einzusinken über lockeren Pulverschnee zu laufen. Ihre Spuren im Schnee erscheinen dadurch ziemlich unscharf. Im Sommer sind die Füsse nur spärlich befiedert und die Alpenschneehühner tragen ein schlichteres Tarnkleid mit braunem Körper. Die Flügel und die Körperunterseite bleiben dabei weiss.

 

Monogam auf Zeit

    Ab etwa Mitte April beginnen sich die Hähne mit ihren Balzflügen in Szene zu setzen. Mit ihren weissen Flügeln bei braunem Oberkörper sind sie im Flug sehr auffällig, doch sobald sie sich auf den Boden setzen, verschmelzen ihre Konturen praktisch mit dem Hintergrund und die Vögel sind kaum mehr zu sehen. Im Gegensatz zu den Birkhühnern balzen die Schneehühner nicht in gemeinschaftlichen Arenen. Deswegen wird ihre Balz wohl auch seltener von Vogelfreunden beobachtet als das spektakuläre Werben der Birkhähne, welche sich meist zu ganzen Gruppen auf einer Balzarena einfinden.
      Während bei den Birkhühnern keine Paarbindung besteht, leben die Alpenschneehühner in saisonaler Einehe. Dabei bleibt der Hahn als Wächter in der Nähe der brütenden Henne, bis die Kücken geschlüpft sind und von der Henne geführt werden. Dann löst sich die Paarbindung in der Regel auf. Die Kücken brauchen nun reichlich Insektennahrung, anhaltende Regenfälle und Kälteperioden im Frühsommer senken ihre Überlebenschancen dramatisch. Die ausgewachsenen Alpenschneehühner ernähren sich dagegen gerne von frisch spriessenden Pflanzenteilen wie Kräutern und Weidenblüten, die in diesem Stadium einen hohen Eiweissgehalt haben. Sobald sie nicht mehr an ihr Brutterritorium gebunden sind, wandern die Schneehühner deshalb dieser Nahrung nach etwas weiter die Berge hinauf, die Hähne etwas früher als die Hennen mit dem Nachwuchs. Im Umfeld der sich stetig verschiebenden Schneegrenze finden sie jeweils mehr Pflanzen in diesem Wachstumsstadium. Aber auch Heidelbeeren und andere alpine Beeren bilden eine wichtige Nahrungsquelle für die Wildhühner.
    Während der Eiszeit war das Alpenschneehuhn in Mitteleuropa weit verbreitet. Als die Erwärmung des Klimas nach der letzten Eiszeit voranschritt und damit die tundraartigen Lebensräume durch Wälder ersetzt wurden, fand es im Hochgebirge und im Norden des Kontinents Zuflucht. Für andere Tiere war die Situation gerade umgekehrt: Sie wurden durch die Eiszeit in südliche Refugien zurückgedrängt, da sie die Kälte nicht ertrugen, und breiteten sich mit der zunehmenden Erwärmung danach wieder über den Kontinent aus.
      Entgegen seines Namens kommt das Alpenschneehuhn also keineswegs nur in den Alpen vor. Es hat eine extrem weite Verbreitung, die sich über Vorkommen in Europa, China, Russland und Japan bis zum Norden des amerikanischen Kontinents erstreckt. Allerdings teilt es sich dabei in verschiedene, genetisch voneinander unterscheidbare Unterarten auf, die sich wegen der räumlichen Trennung nicht mit jenen anderer Regionen kreuzen. So lebt die Unterart der Alpen, wissenschaftlich als Lagopus mutus helveticus bezeichnet, gänzlich isoliert von jener der Pyrenäen. Nordische Alpenschneehühner kommen offenbar bis in die unwirtlichsten, polarnahen Gegenden Grönlands vor, wo ihnen selbst extreme Kälte kaum etwas anhaben kann. Wenn in den nördlichsten Lebensräumen während des Winters Dauerdunkelheit herrscht, müssen die dortigen Schneehühner mindestens so weit in den Süden ziehen, dass sie ihre Nahrung wieder sehen können.

 

Attraktivität kommt vor Tarnung

      In Nordamerika haben Forscher Alpenschneehühner beobachtet, bei welchen die Männchen nach der Schneeschmelze im Frühling auffallend lange ihr weisses Winterkleid behalten. Sie stechen damit weithin sichtbar aus der dunklen Tundra heraus, während die Weibchen etwa einen Monat früher ins braune Tarnkleid des Sommers mausern. Warum setzen sich die Hähne einer so grossen Gefahr aus, vom ihrem Raubfeind, dem kräftigen Gerfalken, entdeckt zu werden? Ganz offensichtlich sind die weissen Hähne für die Hennen attraktiver und können somit eher eine Partnerin für sich gewinnen, folgerten die Forscher. Kaum ist die Balzzeit nämlich vorüber und ihre Partnerin am Eierlegen, verschmutzen sich die Hähne ihr zuvor so gepflegtes, reinweisses Gefieder ausgiebig im Schlamm und erreichen dadurch eine deutlich bessere Tarnung.
      Unter allen Wildhühnern sind die Schneehühner gewissermassen die Kältespezialisten. Kein anderes Huhn ist so gut an ein Leben in kalten, schneebedeckten Lebensräumen angepasst. In den Alpen bleiben die Schneehühner auch im Winter über der Baumgrenze. Zur Nacht und bei sehr ungünstigem Wetter ziehen sie sich in selbstgegrabene Schneehöhlen zurück. Ansonsten wird noch im tiefsten Winter fleissig nach der kargen Nahrung gesucht, die sie an exponierten Stellen oder an Zwergsträuchern finden. Das Leben ist unter derart extremen Bedingungen nur möglich, wenn sich Störungen durch den Menschen in Grenzen halten. Zunehmender Wintertourismus in den von Schneehühnern besiedelten Höhenlagen kann fatale Auswirkungen haben, wenn die Tiere immer wieder aufgeschreckt werden und beim Fliehen viel Energie verlieren. Sie finden dann kaum genug Nahrung, um den Energieverlust wieder auszugleichen. Weit weniger gut als mit der Kälte kommt das Alpenschneehuhn indes mit der Sommerhitze zurecht. Es ist darauf angewiesen, in seinem sommerlichen Lebensraum immer auch Schattenlagen aufsuchen zu können, wie sie hinter Steinblöcken oder anderen Strukturen auftreten. Schon bei rund 16 Grad Celsius Lufttemperatur beginnen Schneehühner zu hecheln, um überschüssige Wärme abzugeben.
      Wie wird es diesen einzigartigen Wildhühnern des Hochgebirges ergehen, wenn die Klimaerwärmung weiter voranschreitet? Bis anhin gilt das Alpenschneehuhn in der Schweiz als nicht gefährdet, obschon seine Bestände seit etwa 1990 deutlich abgenommen haben. Wenn sein alpiner Lebensraum wegen des Klimawandels zunehmend schwindet, könnte das Alpenschneehuhn jedoch massiv in seinem Bestand gefährdet werden.

Publiziert in: Zeitlupe Nr. 12, 2010

© E. Wullschleger Schättin

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