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Eine Meisterin der Anpassung

Mäuse waren einst verbreitete «Hausgenossen», die sich gern an den Vorräten bedienten und auch einmal die Bücher eines Gelehrten anknabberten. Heute besiedelt die Hausmaus vor allem Ställe, Scheunen oder andere leichter zugängliche Gebäude.   

    In alten Häusern kennt man sie als heimliche Mitbewohner, die von Zeit zu Zeit in den Zwischenwänden herumkrabbeln und dabei leise kratzende Geräusche entlang ihres Weges verursachen. Wo sich die Tierchen im Wohnbereich zeigen, werden sie meist sofort mit Fallen oder Giften bekämpft, da ihre Schadwirkungen gefürchtet sind. Doch in früheren Zeiten hatten die Menschen kaum eine Wahl, die Maus war einfach da. Sie lugte aus Verstecken aller Art, lebte «unter den Dielen und Steinplatten, hinter Schränken und sonstigen Möbeln, in unterhöhltem Gemäuer, in Löchern der Wände und Erde, in Kisten und Kasten, Schubladen und unter angehäuften Geräthschaften», berichtete ein Naturforscher aus Deutschland im Jahr 1883. Sie zehrte von Speck, Brot und Mehl, Früchten und Körnern, und vielem weiterem, was sie erreichen konnte.
    Die Hausmaus, Mus musculus domesticus, lebt als äusserst anpassungsfähiges Tier seit Jahrtausenden in den Häusern der Menschen. Sie stammt ursprünglich aus dem nördlichen Indien, wo sie sich, angelockt von den kultivierten Getreidefrüchten und Vorräten, wohl schon den frühesten sesshaft gewordenen Bauern angeschlossen hatte. In den Bauten und Lagern der Siedler fand sie idealen Lebensraum und einen reich gedeckten Tisch. Von Natur aus bewegen sich die territorial lebenden kleinen Mäuse kaum über weitere Distanzen hinweg. Doch in den Fortbewegungsmitteln des Menschen, der sich im Lauf der Geschichte über den Globus ausbreitete, gelangte schliesslich auch die Hausmaus als blinder Passagier bis in die entferntesten Winkel der Erde. Dabei erwies sie sich als ausgesprochen anpassungsfähig, was ihr das Überleben unter allen erdenklichen Bedingungen ermöglichte.
      Im Mittelmeergebiet tauchte die Hausmaus vor rund 10'000 Jahren auf, als dort wie im Industal eine frühe Landwirtschaft betrieben wurde und ihr reichlich gehortete Vorräte bescherte. Dann dauerte es ein paar tausend Jahre, bis die Maus (und die Landwirtschaft) ins nördliche Europa gelangt war. Viel später folgten im Zuge der Entdeckungsreisen per Schiff Nord- und Südamerika, Australien, Neuseeland. Selbst abgelegene ozeanische und subantarktische Inseln wurden von den Hausmäusen besiedelt, was Naturschützern grössere Sorgen bereitet.
      Die Mäuse, wenig spezialisiert in ihrer Ernährung, sind dort zu einer Gefahr für wehrlose Inselvögel und andere einheimische Tiere geworden. Traurige Berühmtheit erlangten Hausmäuse auf Gough Island im Südatlantik, wo sie unter anderem die Kücken des grossen Tristan-Albatros angriffen und so dazu beitrugen, dass der Vogel nun vom Aussterben bedroht ist. Diese Mäusevorkommen werden nun zum Schutz der Vögel kontrolliert und bekämpft.


Pirschgänge im Stall

      Heute kommen die Hausmäuse praktisch überall vor, wo der Mensch lebt. Sie siedeln auch im entlegenen Buschland Australiens oder in tropischen Reisfeldern, tauchten in Kohleminen auf und, wie es 1946 beobachtet wurde, in Tiefkühllagern des Londoner Hafens. In der Schweiz leben sie oft in leicht zugänglichen Gebäuden wie Ställen, Scheunen, Lagerhallen oder auch Zoogehegen. Dabei schätzen die Mäuse ruhige und dunkle Stellen mit reichlich Nischen und Verstecken, in die sie sich bei Gefahr rasch zurückziehen können. Besonders während der Dämmerung und nachts verlassen die vorsichtigen Tiere ihre Unterschlupfe, um im Schutz der Dunkelheit durch ihr Territorium zu patrouillieren und nach Nahrung zu suchen.
      Ihre Pfade führen bevorzugt den Wänden und Einrichtungsstrukturen entlang zu den verschiedenen Nahrungsplätzen, denn die Hausmäuse scheuen davor zurück, eine offene Fläche zu überqueren. Sie nutzen stets dieselben Routen und markieren diese über Duftdrüsen an ihren Füssen und mit Urinmarken. Nur langsam und vorsichtig werden neue Bereiche ausgekundschaftet, wobei die vorwitzige Maus möglichst in der Nähe eines bewährten Rückzugsortes bleibt und zuerst nur kurze Ausflüge macht. Immer wieder hält sie inne, um die Umgebung zu sichern, stellt die Ohren oder nimmt mit ihrem feinen Geruchssinn Witterung auf. Wo der Geruch von Beutegreifern oder von verängstigten Artgenossen wahrzunehmen ist, wird sie sich kaum hinwagen.
      Als Nahrungsquelle nutzen die findigen Nager zur Not fast alles. Sie jagen auch Insekten, wo sich die Gelegenheit bietet. Im typischen Fall nehmen sie pro Nacht etwa 200 kleine «Mahlzeiten» auf, wobei sie 20 bis 30 verschiedene Nahrungsplätze im Territorium aufsuchen. Die Jungmäuse lernen schnell von den älteren Rudelmitgliedern, was fressbar ist, denn bei der gegenseitigen Fellpflege nehmen sie den Geruch der Nahrung wahr, welche ihre Gefährten vorher verzehrt hatten.


Mäusemütter helfen einander aus

    Die Mäuse sind ausgesprochen soziale Tiere und wo sie reichlich Nahrung finden, können sie sich sehr rasch vermehren. Schon im Alter von sechs bis acht Wochen pflanzen sich Hausmäuse erstmals fort. Dann bringen es gut genährte Weibchen fertig, jeden Monat etwa fünf oder mehr Junge aufzuziehen. Diese enorme Vermehrungsfähigkeit, die sich auf Ernten und Vorräte des Menschen seit je verheerend auswirkte, hilft den Mäusen ihrerseits unter unwägbaren Umweltbedingungen zu überleben. Sie können Bestandesverluste so rasch wieder ausgleichen, wenn Nahrungsknappheit oder Beutegreifer viele Opfer gefordert haben. Und sie schaffen es dadurch, als anpassungsfähige Pioniere schnell neue Lebensräume zu kolonisieren, auch wenn nur wenige Individuen da hingelangt sind.
    In ihrem Sozialverhalten zeigen die Hausmäuse ebenfalls eine faszinierende Flexibilität. Je nach Lebensraum, Nahrungsangebot und Besiedelungsdichte können sie unterschiedliche Sozialverbände bilden. Wo sie in Menschennähe leben und ein reiches Nahrungsangebot vorfinden, besiedeln die Mäuse typischerweise ein Territorium, das von einem dominanten Männchen verteidigt wird und eines oder mehrere Weibchen mit ihren Jungen einschliesst. Die jungen Männchen wandern früher oder später ab, während junge Weibchen normalerweise in der Gruppe ihrer Geburt bleiben. Ist die Bestandesdichte aber sehr hoch, wandern auch die jungen Weibchen ab. Fremde Eindringlinge werden aus dem Territorium verjagt, und ernsthaft angegriffen, wenn sie nicht rechtzeitig fliehen.
    Äusserst interessant ist, dass oft mehrere Weibchen in einer Mäusegruppe kooperativ miteinander Junge aufziehen. Dazu teilen sich zwei, oder manchmal mehr, Weibchen ein gemeinsames Nest, in welchem sie all ihre Jungen unterbringen und ohne Unterschied säugen. So kann eine der Mütter auf Nahrungssuche gehen, während die andere die Jungen wärmt und säugt. Das Nest wird gegenüber weiteren Artgenossen, die den Jungen gefährlich werden könnten, äusserst aggressiv verteidigt. Doch nicht alle Mütter kooperieren auf diese Weise. Offenbar müssen sie für ein Gemeinschaftsnest verlässliche Partnerinnen finden, und wählen diese genau aus.

 

Publiziert in Zeitlupe Nr. 3, 2017

© E. Wullschleger Schättin

 

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