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Farbmäuse pflegen ihr Familienleben


Als Nutzniesser der menschlichen Vorratshaltung konnte sich die Hausmaus rund um den Erdball verbreiten. Die lebhaften Nager beeindruckten aber auch Tierfreunde und sind als Farbmäuse zu geschätzten Heimtieren geworden. Sie sind ausgesprochen gesellig.

Weisse Mäuse waren zu Professor Bernhard Grzimeks Zeiten offenbar der Schrecken aller Eltern von tierliebenden Kindern. Das tönt er jedenfalls in einem seiner Bücher an. Schon vor 50 Jahren gab es die weissen Mäuse in Zoofachgeschäften zu kaufen, als viele andere Kleinnager noch gar nicht als Heimtiere bekannt waren. Heute gibt es nebst der Albinoform eine Reihe verschiedener Fellfarben und –zeichnungen bei den gezüchteten Abkömmlingen der Hausmaus, die deswegen auch als Farbmäuse bezeichnet werden. Ihre artgerechte Haltung, sei es als Futtermäuse für andere Pfleglinge oder als Heimtiere, ist aber durchaus anspruchsvoll. Das natürliche Verhalten der Mäuse sollte dabei bestmöglich berücksichtigt werden, was hinsichtlich ihres Soziallebens nicht ganz einfach ist.

Über die Lebensweise ihrer Ahnen, der Hausmäuse, ist schon vieles erforscht worden. Ähnlich wie die nahe verwandten Wanderratten, deren domestizierte Abkömmlinge als Farbratten bezeichnet werden, leben Hausmäuse gesellig, haben aber ein recht flexibles Sozialsystem. Bei gutem Nahrungsangebot können sie in grosser Dichte vorkommen.

 

Verwandte Mäuse kooperieren bei der Nachwuchsbetreuung

Bei Hausmäusen, die sich in Menschennähe bei reichlich Nahrung niedergelassen haben, besetzen die Männchen Territorien und paaren sich mit den Weibchen, die darin leben. Ihre Territorien verteidigen sie dabei energisch gegenüber anderen Männchen. Hausmäuse in kargen Naturräumen wie der australischen Wildnis leben ausserhalb der Fortpflanzungszeit eher nomadisch und bewegen sich durch sehr grosse Streifgebiete, die sich mit jenen anderer Mäuse überlappen können.     

Sowohl Männchen als auch Weibchen der Hausmäuse zeigen Partnerpräferenzen. Wenn sie sich mit einem bevorzugten Partner paaren können, überleben die Nachkommen besser und sind zahlreicher, wie Forschungsstudien zeigten. Interessant ist zudem, dass freilebende Mäusemütter bei der Betreuung des Nachwuchses oft kooperieren und diesen in Gemeinschaftsnestern aufziehen. Auch dabei tun sie sich bevorzugt mit bestimmten Weibchen zusammen, die sie möglichst schon gut kennen. Häufig sind es Verwandte wie etwa eine Schwester, Mutter oder Tochter, denen die Mäuseweibchen so ihre Jungen im Gemeinschaftsnest anvertrauen.

Unter Mäusehaltern ist bekannt, dass Farbmausmännchen in einer Gemeinschaftshaltung mit Geschlechtsgenossen „schwierig“ werden können. Der Grund ist eigentlich klar: Sie wollen ein eigenes Territorium sichern und gegen die Rivalen abgrenzen. Auf Weibchengesellschaft müssen sie aber aus Gründen der Geburtenkontrolle verzichten, die wegen der rasanten Vermehrungsrate der Mäuse zwingend nötig ist. Deshalb ist es ratsam, Mäusemännchen früh durch einen erfahrenen Tierarzt kastrieren zu lassen. Kastrierte Männchen können rudelweise zusammen oder in einer Gruppe mit Weibchen gehalten werden.

Eine Gemeinschaftshaltung von unkastrierten Männchen ist je nach „Charakter“ der Tiere aber möglich. Dabei wird zu einer Gruppengrösse von etwa drei bis vier Tieren geraten, denn bei grösseren Gruppen ist die Rangordnung meist unstabiler. Bei einem Duo aus zwei Männchen würde der Schwächere durch den stärkeren Gefährten womöglich ständig gestresst. Sehen sich in einer Dreiergruppe zwei schwächere Tiere einem dominanten gegenüber, so richten sich dessen Aggressionen nicht ständig gegen dasselbe Tier.

 

Aggressionen können anders als in der Natur eskalieren - mit furchtbaren Folgen

Wird trotzdem eines der schwächeren Gruppenmitglieder heftig gejagt und überall im Gehege vertrieben, so muss es aus der Gruppe entfernt werden. Wenn eine dominante Maus eine andere ernsthaft aus dem Territorium vertreiben will und diese sich scheinbar allen Aufforderungen dazu „widersetzt“, weil sie gar nicht aus dem Gehege gelangen kann, so können die Aggressionen gegen sie buchstäblich eskalieren – mit brutalen Folgen. In der Natur käme so etwas nicht vor, da unterlegene Mäuse rechtzeitig fliehen.

Eine Einzelhaltung ist für das Wohlbefinden von Mäusemännchen offenbar ebenso schädlich wie exzessive Aggressivität in der Gruppe. Durch die Einzelhaltung werden die Mäuse gestresst und auf Dauer krankheitsanfällig. Interessanterweise hatten Mäusemännchen in einem Wahlversuch die gemeinschaftliche Unterbringung mit Artgenossen einer Einzelunterbringung gegenüber bevorzugt – und das unabhängig davon, ob sie einen höheren oder tieferen gesellschaftlichen Rang hatten.

 

Grundlegendes zur Mäusehaltung
Geruchsmarkierungen sind für Mäuse wichtig: nie zu stark reinigen und nie ganze Einrichtung auf einmal erneuern; etwas gebrauchtes Nestmaterial beibehalten
Gruppengrösse: drei Tiere ideal (bei Weibchen auch mehr), nach Geschlechtern getrennt oder Weibchen mit kastrierten Männchen
Vergesellschaftung von einander fremden Mäusen sorgsam durchführen, erfordert Sachkenntnis (siehe z.B. diebrain Farbmaus Info)
Gruppen unkastrierter Männchen sollten sich von klein auf kennen; nicht in Sicht- und Hördistanz zu Weibchen!
Einzelunterbringung nur zur Not, wenn sich ein aggressives Tier nicht mehr vergesellschaften lässt
Vorübergehende Trennung eines Tieres von seiner Gruppe: nicht länger als ca. 24 Stunden, sonst könnte es von der Gruppe verstossen werden

 

Publiziert in: Tierwelt Nr. 42, 22.10.2010

© E. Wullschleger Schättin

 

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