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Wenn es bei Rennmäusen zünftig "chlöpft"

Mongolische Rennmäuse sind wahre Familientiere. Ihre Nachkommen bleiben lange in der Gemeinschaft und helfen beim Aufziehen der folgenden Würfe. Doch das Zusammenleben der geselligen Nager funktioniert nur, solange die Ranghöchsten ihre Vorrangstellung nicht bedroht sehen.


      Die neue Tierschutzverordnung sieht vor, dass natürlicherweise gesellige Tiere nicht einzeln gehalten werden dürfen. Sie sollen jedoch nur mit sozialverträglichen Artgenossen vergesellschaftet werden, sodass kein Tier in der Gemeinschaft schweren Stress durch ständige Aggressionen anderer Gruppenmitglieder erleiden muss. Bei manchen Nagetieren ist es gar nicht so einfach, eine harmonische Gemeinschaft von Artgenossen für eine Gruppenhaltung aufzubauen, selbst wenn es sich um äusserst gesellige Arten handelt. Gerade die Mongolischen Rennmäuse (Meriones unguiculatus) sind bekannt dafür, dass in bislang harmonischen, als Heimtiere gehaltenen Gemeinschaften plötzlich schwere Konflikte ausbrechen können.
      

Kampf um Rangordnung

    Der Grund solcher Auseinandersetzungen liegt offenbar im sozialen Gefüge. Mongolische Rennmäuse leben natürlicherweise in Familiengruppen mit klarer Rangordnung, die durch ein Elternpaar begründet wurden. Früher oder später kommt es vor, dass ein Nachkomme zur ernsthaften Konkurrenz eines Elternteils wird. Heftige Kämpfe um die Vorrangstellung sind die Folge, wobei das unterlegene Tier in der Natur aus dem Familienverband vertrieben würde und abwandern müsste. In der Heimtierhaltung ist jedoch kein Terrarium gross genug, um dem Vertriebenen überhaupt das Verlassen des Familienterritoriums zu ermöglichen. Entsprechend dauern die Kämpfe an, wobei die gestressten Tiere einander schwere Verletzungen zufügen können.
    Bei ernsten Auseinandersetzungen mit ständigem Jagen ist erhöhte Wachsamkeit seitens der Tierhalter gefragt. Wenn zwei Gegner aufeinander treffen, sieht man sie manchmal mit ihren Vorderpfoten aufeinander eintrommeln, was an einen Boxkampf erinnert. Häufen sich aggressive Verhaltensweisen dieser Art, ist dies kein gutes Zeichen. Bei Bissverletzungen mit Blutspuren im Terrarium und erst recht, wenn sich zwei Rennmäuse in einer „Kampfkugel“ ineinander verbeissen, müssen die Tiere sofort getrennt werden! Dabei trägt man besser Handschuhe, denn die Rennmäuse beissen blindlings auch in die zugreifende Hand. Ist eine Rennmausgruppe drauf und dran, ein Mitglied zu verstossen, so findet man dieses Tier meist etwas abseits vom Rest vor, oder es wird immer wieder von den Futterstellen vertrieben.
    Ernste Rangordnungskämpfe können bei praktisch jeder Rennmausgruppe unvermutet auftreten, manchmal auch bei gleichgeschlechtlichen Geschwistergruppen oder -paaren. Es sind jedoch ein paar Faktoren bekannt, die Auseinandersetzungen um die Rangordnung begünstigen.


Auslöser der Rangkämpfe

    So gehen die Auseinandersetzungen laut einer Forschungsstudie am häufigsten vom ranghöchsten Weibchen aus. Bei Rennmäusen gelten die Weibchen als „schwieriger“, was darauf zurückzuführen ist, dass ihre Rangordnung steiler verläuft als diejenige der Männchen. Nur das rangoberste Weibchen darf sich fortpflanzen. Dagegen kommt es ab und zu vor, dass auch ein rangtieferes Männchen Junge zeugt. Ein rangoberstes Weibchen hat deshalb durch die Konkurrenz mehr zu verlieren als das ranghöchste Männchen, und es wird seine Position entsprechend heftig verteidigen. Die Rangposition wird auch in gleichgeschlechtlichen Gruppen verteidigt, obschon dort keine Fortpflanzungsmöglichkeit besteht.
    Auslöser für Rangordnungsstreitigkeiten kann der Tod des rangobersten Tieres sein, insbesondere wenn es sich um ein Weibchen handelt, oder dessen altersbedingter Kräfteabbau. Kopulationen und die Mutterschaft eines rangtieferen Weibchens lösten laut Forschungsstudie ebenfalls Aggressionen aus. Des weiteren können zu grosse Gruppengrössen zu Rangordnungskämpfen führen, oder auch sehr krasse Veränderungen im Gehege. Laut Tierhaltern hatte das Anhängen eines zweiten Terrariums an das den Tieren bekannte Terrarium Kämpfe begründet.
    Was kann man nun tun, um heftigen Auseinandersetzungen im Rennmausterrarium vorzubeugen? Die Zoologin Dr. Eva Waiblinger rät, zum vornherein unterschiedlich kräftige Tiere zu vergesellschaften, denn die Körpergrösse ist ausschlaggebend für die Rangstellung. Auch eine altersgestaffelte Vergesellschaftung wird empfohlen. Auf jeden Fall sollte man sein Möglichstes tun, ausgestossene Tiere neu zu vergesellschaften. Dabei ist es unsinnig, diese wieder in die gleiche Gruppe einzuführen! Am sichersten klappt es, ein Einzeltier nach mindestens zwei Wochen Erholungszeit mit mehreren Jungen im Alter von fünf bis sieben Wochen zusammenzuführen. Wegen des steilen Ranggefälles sollte dies problemlos sein, bei 8-wöchigen Jungtieren wird es jedoch bereits kritisch. Erst wenn sich eine Rennmaus trotz allen Versuchen als unverträglich erweist, kann man sie zur Not alleine halten. Sie braucht dann besonders viel Beschäftigung.


Familie, Paar, Einzelgänger?

    Wie eine bestimmte Nagerart am besten vergesellschaftet wird, hängt von ihrer Lebensweise in der Natur ab. Im Gegensatz zu den Rennmäusen sind etwa Dsungarische und Campbell-Zwerghamster keine ausgeprägten Familientiere. Ihre Nachkommen wandern in der Natur weg, bevor ein neuer Wurf zur Welt kommt. Diese Zwerghamster leben in einer Paarverbindung, die beim Campbell-Zwerghamster sogar ausgesprochen eng ist. Für Farbmäuse, die von der Hausmaus abstammen, gilt wieder anderes. Auf die Sozialstruktur und die optimale Vergesellschaftung der Zwerghamster und Farbmäuse sollen nachfolgende Artikel eingehen.

 

Publiziert in: Tierwelt Nr. 47, 20. Nov. 2009

© E. Wullschleger Schättin

 

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