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Chinchilla

 

Lebensraum für die Letzten ihrer Art

Durch die masslose Pelzjagd wären Chinchillas in der Natur beinahe ausgestorben. In den Bergen nordöstlich von Illapel, Chile, haben Langschwanz-Chinchillas dank eines Reservates mit benachbartem Schutzprojekt gute Überlebenschancen.

    Die mächtigen Anden Südamerikas sind die Heimat verschiedener Nagetiere aus der Verwandtschaft der Meerschweinchen. Auch Chinchillas waren in den Zentralanden und in den tiefer gelegenen Küstenbergzügen des westlichen Südamerikas einst weit verbreitet. Heute kann man von Glück reden, dass überhaupt noch welche in der Natur vorkommen. Ihr feines, seidenweiches Fell, das in Europa und Nordamerika schon bald nach der Entdeckung dieser Tiere äusserst begehrt war, wäre ihnen beinahe zum Verhängnis geworden. Um 1828 begann die kommerzielle, deutlich intensiver betriebene Jagd nach den flauschigen Nagern, und um die Jahrhundertwende wurden bereits über eine halbe Million Pelze pro Jahr exportiert.
    Mit dem Rückgang der Chinchillas kam das Geschäft erst recht in Fahrt, denn die Marktpreise explodierten und liessen so die Suche nach den Tieren auch in entlegenen Gebieten lohnenswert erscheinen. Chinchilleros, spezialisierte Fänger, konnten weiterhin gut von der Jagd leben, selbst wenn sie nur noch wenige Tiere im Monat fanden. Gesetze zum Schutz der Chinchillas wurden zwar früh erlassen, aber nicht strikte genug durchgesetzt. Beide Arten, das Kurzschwanz- und das Langschwanz-Chinchilla, schienen bald gänzlich verschwunden und galten als ausgestorben in der Natur.
    1975 entdeckte der einheimische frühere Jäger Baldomero Peña bei Aucó eine Kolonie von Langschwanz-Chinchillas, und sorgte dafür, dass dies den richtigen Leuten zu Ohren kam. So kamen wirksamere Schutzbemühungen wie die Gründung eines Reservates und Forschungsarbeiten zu den wilden Chinchillas in Gange. Das über 42 Quadratkilometer grosse Reserva Nacional Las Chinchillas wurde 1983 gegründet und liegt in der Nähe der Provinzhauptstadt Illapel im nördlichen Zentralchile. Heute ist es eines von nur zwei bekannten Rückzugsgebieten der wilden Langschwanz-Chinchillas. Eine zweite Population wurde weit weg davon im Norden Chiles gefunden, etwa 90 Kilometer von der Stadt La Serena entfernt.
      Wir wollen das Reserva Nacional Las Chinchillas besuchen, um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie der ursprüngliche Lebensraum der Langschwanz-Chinchillas ausgesehen hatte. Das Reservat ist ökologisch äusserst wertvoll, denn es bietet durch den Erhalt der natürlichen Pflanzengemeinschaft in diesem kargen Landstrich zahlreichen weiteren Tieren und seltenen Pflanzen Lebensraum. Weil die Pflanzen des trockenen, von mediterranem Klima geprägten Berglandes durch Übernutzung und Überweidung weitherum dezimiert wurden, ist die umgebende Landschaft durch Wüstenbildung beeinträchtigt. Damit fehlt es nicht zuletzt den Chinchillas an wichtigen Nahrungspflanzen. Beobachten kann man die seltenen Nager selber nicht in freier Natur, denn sie sind nachtaktiv und empfindlich gegenüber Störungen.


Karges, trockenes Land

      Die Anfahrt zum Reservat führt auf einer Bergstrasse durch eine karge Hügellandschaft, die mit ihrem spärlichen Bewuchs und den grossen, kandelaberartigen Kakteen an eine Halbwüste erinnert. Es erweckt den Eindruck, dass hier ausser Kakteen und einigen Büschen kaum etwas wächst. Wie fast überall in Chile sieht man öfters Zäune aus Stacheldraht. Bald mahnen gelbe Strassentafeln mit dem Bild eines Chinchillas dazu, die Fahrgeschwindigkeit aus Rücksicht auf die Kleintiere zu reduzieren. Das Reservat, an der dichteren Vegetation zu erkennen, ist ebenfalls eingezäunt, mit Maschendraht und einer obersten Linie Stacheldraht. Der Zaun ist offenbar wichtig, denn er sperrt freilaufende Haustiere wie Ziegen, Rinder, Esel oder wildernde Hunde aus. Vor dem Eingangstor zum Reservat wirkt alles verlassen, der Parkplatz ist leer. Einzig ein grosser Fuchs mit dunklem Rücken zeigt sich in einiger Distanz - wahrscheinlich ein Patagonischer Fuchs oder Andenschakal.
      Den kühlen Morgen nutzen wir, um die Heimat der Chinchillas auf den beiden Rundwegen im Reservat genauer kennen zu lernen. Die karge Landschaft zeigt sich sehr belebt und erstaunlich vielfältig. Schon bald begegnen wir den ersten Degus, die offenbar zahlreich vertreten sind. Die kleinen Nager wirken nicht sehr scheu, halten sich aber bevorzugt im deckungsreichen Gebüsch auf. Ein Buntfalke, der kleinste Falke in Chile, sitzt auf einem abgestorbenen Kaktus. Aus der Ferne rot aufblitzende Vögel, die sich als Loicas erweisen, fliegen schwarmweise umher.
      Der zweite Rundweg führt auch in steileres Gelände. Dort gelangen wir in felsigere und dichter mit Büschen bestandene Gebiete, die wahrscheinlich weniger von Ziegen heimgesucht wurden. Am ehesten würde man Chinchillas in solchen Lebensräumen vermuten. Die sprunggewandten Chinchillas leben gesellig in Kolonien. Sie schätzen offenbar steile Abhänge, wo sie zwischen Felsgestein, unter  Rumpiato-Sträuchern oder in Nischen, welche die Puya-Pflanze bildet, ihre Baue anlegen. Die im Gebiet heimische Puya berteroniana ist eine riesige Bromelie, welche im Boden wurzelt und dabei unterirdische Ausläufer bildet. Sie zählt nebst verschiedenen Sträuchern und Gräsern zu den beliebtesten Nahrungspflanzen der Chinchillas.


Wiederaufbau der natürlichen Vegetation

      Einige Chinchilla-Kolonien sind ausserhalb der Reservatsgrenzen gefunden worden. Angesichts der tiefen Bestandeszahlen wäre es wichtig, dass möglichst viele von ihnen in genetischem Austausch zueinander stehen könnten, auch die weiter abgelegenen Kolonien, welche irgendwo auf mehr oder weniger verlassenem Privatland in der Umgebung überlebt haben. „Durch die Bildung von Korridoren aus geeignetem Habitat können die Chinchilla-Kolonien miteinander verbunden werden“, erklärt uns Amy Deane. Die US-Amerikanerin hat sich mit ihrer Organisation „Save the Wild Chinchillas“ zum Ziel gesetzt, den Lebensraum der Chinchillas ausserhalb des Reservates zu renaturieren und zu schützen, wo dies geht. Sie kennt das Gebiet bestens, denn sie war bereits Mitte der 1990er Jahre zusammen mit anderen Forschern für Studien der Chinchillas zum Reservat gekommen.
      „Vorher war da nichts, barer Boden“, erzählt Amy Deane in ihrer Pflanzenanzuchtstation, die sie auf einem Stück verlassenen Landes unter Zustimmung der indigenen Bevölkerung einrichten konnte. Das Renaturierungsprojekt begann vor vielen Jahren, und doch sieht es in der Station und deren Umgebung immer noch recht kahlwüchsig aus. Langlebige, langsam wachsende Pflanzen wie Carbonillo, die vor Jahren gesetzt wurden, sind erst kleine Büsche. Auch hier ist alles eingezäunt – mit gutem Grund. Als einmal ein Volontär das Tor versehentlich offen liess, räumten freilaufende Ziegen kräftig auf. Eine bescheidene Hütte steht etwas höher oben am Abhang. Sie dient als zeitweilige Unterkunft vor Ort für Amy Deanes Familie, und für die Volontäre, die für einige Zeit unter sehr einfachen Lebensbedingungen am Wiederaufbau des Chinchilla-Lebensraumes mithelfen.
      Diese Arbeit ist sehr wichtig, denn die letzten Populationen der Chinchillas werden durch die Ausdehnung des geeigneten Lebensraumes entscheidend gestärkt. Doch ob die wilden Chinchillas, die sich nur langsam fortpflanzen, längerfristig überleben, ist noch keineswegs sicher. Ihre Bestandesgrösse ist sehr gering, sodass zufällige Ereignisse fatale Folgen haben könnten. Inzucht? Klimatische Extreme? Amy Deane und die chilenischen Naturschützer werden einiges an Glück brauchen, um die einzigartigen Tiere zu retten.

 

Publiziert (leicht verändert) in: Tierwelt Nr. 23, 7. Juni 2012

© E. Wullschleger Schättin

 

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