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Spitzmaus

 

Nimmermüde Insektenjäger

Spitzmäuse sind trotz ihres Namens keine Mäuse. Die Winzlinge mit der langen Schnauze fressen allerlei Kleingetier, das sie am Boden oder in Felsritzen aufstöbern. Ihre nächsten Verwandten sind die Maulwürfe und Igel.

    Kaum ein Tier ist mit derart emsiger Geschäftigkeit unterwegs wie eine Spitzmaus auf Nahrungssuche. Die winzigen Beutegreifer, die sich im Vorbeigehen durch ein hohes Zwitschern verraten, sind fast ständig in Bewegung. Da sie so klein sind und ihre tierische Nahrung rasch verdaut haben, müssen sie im Eiltempo für Nachschub sorgen. So stöbern Spitzmäuse während ihrer Streifzüge Unmengen an Insekten, Spinnen, Schnecken oder Würmern auf. Pro Tag vertilgen sie etwa eine Menge, die ihrem eigenen Körpergewicht entspricht, und manche Arten gar das Doppelte davon.
      Bei näherem Besehen wird klar, dass Spitzmäuse keine Mäuse sind. Sie zählen nicht zu den Nagetieren und haben keine Nagezähne. Ihr Gebiss weist vielmehr eine Reihe spitzer Zähnchen auf, mit welchen sich die Beute gut festhalten lässt. Ihr Fell ist dicht und samtartig und erinnert an den wahren Verwandten, den Maulwurf. Die Augen und Ohren sind sehr klein, dafür ist die rüsselartig verlängerte Schnauze mit langen Tasthaaren versehen. An den Flanken tragen Spitzmäuse beidseits eine Drüse, die für einen starken Körpergeruch sorgt. Deswegen werden sie von vielen grösseren Raubtieren nicht gerne gefressen.
      

Keine Angst vor grosser Beute

    Spitzmäuse gehören zu den Insektenfressern, einer Verwandtschaftsgruppe von Säugetieren, die etliche rätselhafte und teils wenig bekannte Kleintiere hervorgebracht hat. Dabei sind die Spitzmäuse mit weltweit rund 320 Arten zahlreich vertreten, wobei allein in der Schweiz elf verschiedene Arten leben. Die dunkelbraune bis schwarze Waldspitzmaus etwa hält sich bevorzugt in deckungsreichem Gelände auf und sucht auch unterirdisch nach Regenwürmern. Sie überwältigt aber ebenso grössere Beutetiere wie nestjunge Mäuse, Eidechsen oder kleine Frösche. Waldspitzmäuse leben in der Schweiz vor allem in höheren Lagen, während die ähnliche, etwas kleinere Schabrackenspitzmaus das Flachland besiedelt. Beide haben winzig kleine Ohren, die fast im Fell versteckt liegen.
    Werden Spitzmäuse im Siedlungsgebiet beobachtet, so handelt es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um Haus- oder Gartenspitzmäuse. Auch diese beiden „Zwillingsarten“ ähneln einander stark. Die Gartenspitzmaus besiedelt die Ostschweiz, das Tessin und die Bündner Südtäler, während die Hausspitzmaus tiefere Lagen mit Ausnahme von Tessin, Graubünden und Walliser Rhonetal bewohnt. Beide der unauffällig graubraunen Spitzmäuse haben deutlich aus dem Fell hervorstehende Ohren.
      Die kleinste Spitzmaus der Welt ist die in Südeuropa beheimatete Etruskerspitzmaus, mit einer Körpergrösse von dreieinhalb bis fünf Zentimetern fast das kleinste Säugetier überhaupt. Nur die Hummelfledermaus aus Asien könnte sie unterbieten, ein fliegender Winzling, der kaum über drei Zentimeter gross wird und etwa zwei Gramm wiegt. Die Fledertiere sind aber so selten und gefährdet, dass nur wenige Individuen überhaupt vermessen wurden. Die Hummelfledermaus wurde erst im Jahr 1973 entdeckt und vom Erstbeobachter zunächst für ein fliegendes Insekt gehalten.

 

1500 Herzschläge pro Minute

      Die Etruskerspitzmaus hat eine extrem hohe Stoffwechselrate. Mehr noch als andere Spitzmäuse muss sie deswegen fast ständig Nahrung aufnehmen. Sie atmet schätzungsweise 900 Mal in der Minute, während ihr grosses Herz bis zu 1500 Schläge pro Minute schafft. Wenn Etruskerspitzmäuse zittern, um sich aufzuwärmen, kontraktieren ihre Muskeln besonders schnell. Bis zu 3500 Mal pro Minute wurden da schon gemessen. Auch diese Winzlinge sind in der Natur sehr schwer zu beobachten. In der Schweiz galt die Etruskerspitzmaus als ausgestorben, bis der emeritierte Biologieprofessor Peter Vogel nach jahrzehntelanger Suche einige Exemplare im Tessin aufspürte.
    So rasant wie die Nahrungssuche und der Stoffwechsel, so beschleunigt verläuft der gesamte Lebenszyklus der Spitzmäuse. Zwischen März und September können Waldspitzmäuse etwa zwei bis fünf Würfe von Jungen aufziehen, die je rund drei Wochen gesäugt werden. Dann werden sie von der Mutter schon bald aus dem Nestbereich verjagt und müssen sich ein eigenes Territorium suchen. Die quirligen Spitzmäuse werden kaum älter als eineinhalb Jahre und überstehen selten mehr als einen Winter.
    Eine lange Ruhezeit durch einen Winterschlaf können sich Spitzmäuse nicht „leisten“, denn dazu wäre ihr Nahrungsbedarf zu hoch. Während der kalten Jahreszeit finden sie jedoch wesentlich weniger Beute. Sie drosseln deshalb ihren Energiebedarf, indem sie buchstäblich ein wenig schrumpfen. Einige innere Organe verlieren an Gewicht und Volumen und die Schädelkapsel wird durch Knochenabbau etwas kleiner. Wird es trotzdem eng mit der Nahrungsknappheit und tiefen Temperaturen, so können Spitzmäuse vorübergehend in eine Ruhestarre fallen. Durch Muskelzittern vermögen sie sich relativ rasch wieder aufzuwärmen, um erneut aktiv zu werden.


Jagen unter Wasser

    Manche Spitzmäuse leben am Wasser und jagen auch unter dem Wasserspiegel. Dabei ist die einheimische Wasserspitzmaus besonders gut ans Wasserleben angepasst. Sie trägt einen Saum harter Schwimmborsten entlang der Schwanzunterseite und seitlich an den Zehen, die wie Ruder wirken und das Fortkommen unter Wasser erleichtern. So taucht das kräftige Tier manchmal mehr als einen halben Meter tief, um Insektenlarven, kleine Krebschen oder Wasserschnecken zu erbeuten. Zudem hat es einen giftigen Speichel und schreckt damit auch vor grösseren Beutetieren wie Fischen nicht zurück. Wasserspitzmäuse sind mit rund neun Zentimetern Länge die grössten Spitzmäuse Europas. Ihre Ohren verschwinden fast gänzlich im Fell und ihr weisser Bauch hebt sich deutlich von der schwarzen Oberseite ab.
      Wie schaffen es so kleine, energiehungrige Tiere, beim Tauchen nicht auszukühlen? Spitzmäuse sind wohl die kleinsten Säugetiere, die im Wasser tauchen, und das tun sie auch im Winter. Sie bewegen sich damit zweifellos an der Grenze des Möglichen. Forscher beobachteten die etwa daumengrosse Amerikanische Wasserspitzmaus über zehn Jahre lang, um deren Tauchfähigkeiten zu ergründen. Sie fanden, dass sich diese Spitzmaus am Ufer sitzend durch Muskelzittern um bis zu eineinhalb Grad aufwärmt, bevor sie in winterlich kaltes Wasser taucht. Zudem findet sie ihre Nahrung jeweils sehr schnell und beschränkt sich auf kurze Tauchgänge.
    Wie einige andere Tiere nahmen Spitzmäuse in der Religion der alten Ägypter einen wichtigen Platz ein. In zeremoniellen Tiergräbern bei Thebes, die aus einer Zeit um 2400 Jahre vor Christus stammen, fand man mumifizierte Spitzmäuse von sechs verschiedenen Arten. Die kleine Mumie einer Spitzmaus, die im Jahr 1948 in Tuna al-Gabal ausgegraben wurde, war auf verschlungenen Wegen nach Europa gelangt und lag zuletzt im Ägyptischen Museum von Leipzig. Sie wurde laut Zeitungsberichten diesen Sommer in ihrem Mini-Sarkophag an den ägyptischen Staat zurückgegeben und darf nun ihre letzte Ruhe im Ägyptischen Museum von Kairo am Tahrir-Platz finden.

 

 

Publiziert in: Zeitlupe Nr. 5, 2013

© E. Wullschleger Schättin

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