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Biber

 

Der Biber und andere „Wasserratten“

Verschiedene Nagetiere leben als ausgezeichnete Schwimmer im und am Wasser. Neben dem Biber, der sich mehr und mehr seiner angestammten Lebensräume zurückerobert, tummeln sich mancherorts exotische Nutrias und Bisamratten in Gewässern.

    Die Rückkehr des Bibers in Mitteleuropa ist eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte des Naturschutzes. In den Berichten der St. Gallischen naturforschenden Gesellschaft des Jahres 1885 bedauerte der Naturforscher Dr. Albert Girtanner noch seine geringe Hoffnung, dieses aussergewöhnliche Nagetier genauer studieren zu können, „ehe auch die letzten Reste des früher in ganz Europa gemein gewesenen Thieres dahin gegangen sein würden.“ Der Europäische Biber stand am Rand der Ausrottung und war in der Schweiz vollkommen verschwunden. Selbst in Nordamerika, wo der Kanadische Biber lebt, seien die Biberbestände „bedeutend gelichtet“ gewesen. Der Pelzhandel hatte sich auf den nordamerikanischen Kontinent ausgedehnt, um die ungeheure Nachfrage nach dem feinen Pelz der Tiere weiter zu erfüllen.
      Heute kann man Biber mit etwas Glück sogar in der Stadt Solothurn oder in der Reuss vor Luzern beobachten. Sie besiedeln unter anderem das Rhonetal und die Umgebung des westlichen Genfer Sees sowie weite Bereiche des Mittellandes, vor allem entlang der Aare und in der Nordostschweiz entlang der Thur. Seit etwa den 2000er Jahren haben sich die Biber in ihrem einstigen Vorkommensgebiet deutlich ausgebreitet, die Bestandesgrösse des Landes ist auf rund 2000 Tiere angewachsen. Auch europaweit sind die grossen Nager dank wirksamer Schutzmassnahmen vielerorts wieder auf dem Vormarsch. In Zentralasien, wo der Biber ebenfalls verbreitet war, sind die Populationen jedoch klein und gefährdet. Die chinesisch-mongolische Unterart des Europäischen Bibers gilt als eines der seltensten, am wenigsten bekannten wasserlebenden Säugetiere in China.
    Vor allem zu Dämmerungszeiten sind die Chancen gut, die mehrheitlich nachtaktiven Biber in ihrem Wohngewässer zu entdecken. An Land wirken die kräftig gebauten Tiere relativ plump, doch im Wasser schwimmen und tauchen sie äusserst geschickt. Schwimmend halten sie meist nur den Kopf deutlich über Wasser, wobei es ihnen die hoch am Kopf gelegenen Augen und Ohren erlauben, die Umgebung im Überblick zu behalten. Stellen sie Beunruhigendes fest, so tauchen Biber schnell ab, oft mit einem lauten Klatsch ihrer breiten Schwanzkelle auf das Wasser, der als Alarmsignal die Artgenossen der Umgebung warnt.
      Biber leben paarweise oder im kleinen Familienverband und verteidigen ihr Revier gegenüber Eindringlingen. Tagsüber ruhen sie meist in ihren Bauen, deren Eingang zum Schutz vor Beutegreifern unter Wasser liegt. Die Anwesenheit der Biber ist im Winter am augenfälligsten, denn erst dann, wenn sie kaum mehr krautige Nahrung finden, weichen sie auf den Verzehr von Baumrinde aus. Ihre frischen Nagespuren an Gehölzen sind unverkennbar. Selbst grosse Bäume bringen sie über mehrere Nächte hinweg zu Fall, um an deren Rinde und Zweige zu gelangen. Dazu nagen sie eine sanduhrförmige Einbuchtung in den Stamm, bis der Baum zu Boden fällt. Weichhölzer wie Weiden werden bevorzugt, und diese schiessen bei Verbiss auch schnell wieder aus.
      Seit Urzeiten üben Biber einen starken Einfluss auf die Landschaft der mittelländischen Feuchtgebiete aus. Damit sind sie eine ökologische Schlüsselart, deren Wirken vielen Tieren dieser Lebensräume zu Gute kommt. Es zeigte sich, dass die Artenvielfalt in Bibergebieten deutlich zunimmt. Doch wo der emsige Nager die Landschaftsgestaltung zum Nachteil des Menschen vorantreibt, gibt es im Umfeld der Gewässer Konfliktpotenzial. Mit ihren Dämmen setzen Biber gelegentlich Kulturflächen unter Wasser, oder sie unterhöhlen Uferböschungen und Feldwege durch ihre Erdbaue. In intensiv genutzten Landschaften müssen daher Lösungsmassnahmen abgeklärt werden, um Konfliktsituationen zu entschärfen.


Tierische Neubürger aus Amerika

    Neben dem Biber haben sich gebietsweise zwei exotische Nagerarten angesiedelt, die ebenfalls stark ans Wasser gebunden sind. Beide tragen wie der Biber ein besonders dichtes, feines Fell, das sie im Wasser gut isoliert und warm hält. Ihres Felles wegen wurden beide einst nach Europa verfrachtet. Sie wurden häufig in Pelzfarmen gezüchtet oder zu Jagdzwecken ausgesetzt.
      Die aus Südamerika stammende Nutria, auch als Sumpfbiber oder Biberratte bekannt, ist etwas kleiner als der Biber und kann aus einiger Distanz mit diesem verwechselt werden. Ihr Kopf wirkt ein wenig zierlicher, wobei die langen, weissen Schnurrhaare auffallen. An Land ist die Unterscheidung klarer, denn Nutrias tragen einen rattenartigen unbehaarten Schwanz, der nicht abgeplattet ist wie die typische Kelle des Bibers. Ähnlich wie der Biber tragen sie auffallend orange gefärbte Nagezähne. Die Farbe kommt durch Eiseneinlagerungen zustande, welche die stark beanspruchten Nagezähne vor Abnutzung schützen. Die Fellfarbe der in Europa verwilderten Nutrias kann individuell variieren, was ihrer Herkunft aus Pelztierzuchten geschuldet ist.
      Nutrias sind relativ kälteempfindlich und kommen in der Schweiz nur vereinzelt in klimamilden Gebieten vor, etwa im Tessin bei Locarno oder vom Elsass her eingewandert in der Nordwestschweiz. Viel häufiger tritt die kleinere Bisamratte auf, welche die nördliche Schweiz schon weitherum besiedelt hat und äusserst vermehrungsfreudig ist. Diese erreicht eine Körperlänge von gut 35 Zentimetern und kann höchstens mit einem jungen Biber verwechselt werden. Bei schwimmenden Bisamratten ist zu erkennen, wie sie mit dem kräftigen Schwanz schlängelnd hin und her schlagen, um den Vortrieb zu unterstützen. Die Art stammt aus Nordamerika und gehört in die Verwandtschaft der Wühlmäuse, während die südamerikanische Nutria zu den meerschweinchenartigen Nagern zählt und somit näher mit dem Meerschweinchen verwandt ist als mit Biber oder Bisamratte. Die Anpassungen an ein Leben im Wasser erfolgten bei all diesen Nagern unabhängig voneinander.
      Wo die beiden Fremdlinge in der Schweiz auftreten wird meist versucht, sie zu bekämpfen. Da sie nicht an die europäischen Ökosysteme angepasst sind, können sich nachteilige Einflüsse auf die heimische Natur zeigen. In einem frühen Stadium lassen sich Nutria-Ansiedlungen wohl noch verhindern, doch bei der Bisamratte erscheint dies aussichtslos.
      Bei massenhaftem Vorkommen richten Bisamratten mitunter erhebliche und kostspielige Schäden an. Zudem dezimieren sie einheimische Muscheln, die sie gern verzehren. Auf den Biber haben Bisamratten und Nutrias, soweit bekannt, keine negativen Auswirkungen. Im Winter ist dieser gar im Vorteil, da nur er Bäume fällen und die Rinde als Nahrungsquelle nutzen kann. In ihrer nordamerikanischen Heimat bewohnen Bisamratten gelegentlich die äusseren Schichten einer Biberburg.
      Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Biber ihrerseits durch den Menschen im tiefen Süden Südamerikas eingeführt wurden, mit fataler Wirkung auf die dortige Natur. Der Kanadische Biber wurde einst als Pelztier nach Feuerland gebracht. In rasantem Tempo schaffte es dieser tierische Neuankömmling, die einzigartigen Südbuchenwälder Feuerlands flächenweise in morastiges Sumpfland zu verwandeln. Die langsam wachsenden Bäume ertragen weder Überflutungen noch die Nagewut der Biber.

 

Publiziert in: Zeitlupe, Nr. 3/2015

Als Leseprobe mit Bildern einsehbar hier oder hier

© E. Wullschleger Schättin

 

Weitere Informationen: Biberfachstelle

 

 

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