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Dingos

 

Die letzten Urhunde

Dingos sind ursprüngliche Hunde, die vereinzelt auch ausserhalb Australiens bis in die heutige Zeit überlebt haben. Sie weisen einige besondere Eigenschaften auf, und könnten ein Licht auf die Frühzeit der Domestikation unserer Vierbeiner werfen.

    Dingos leben im Hinterland des fünften Kontinents als scheue Wildhunde und müssten jedem Australienreisenden ein Begriff sein. Man sieht diese recht grossen, meist rötlichbraunen oder sandfarbenen Hunde zwar selten, doch gehören sie seit langer Zeit in die australische Fauna und üben als Grossraubtiere sogar eine wichtige ökologische Funktion aus. Kleinere Beutegreifer wie verwilderte Katzen oder Füchse, die viele australische Kleintiere bis zur Ausrottung bedrängen, werden durch sie in Schach gehalten. Nach heutigem Wissen waren die Vorfahren der australischen Dingos vor etwa 4000 bis 5000 Jahren mit menschlichen Einwanderern auf den Inselkontinent gelangt.
      Doch was ist eigentlich ein Dingo und was macht diese verwilderten Hunde so einzigartig, dass sie auch die Sorge von Naturschützern auf sich ziehen? Die internationale Naturschutzorganisation IUCN stuft den Dingo (Canis lupus dingo) als gefährdet ein und warnt, dass nebst der Verfolgung dieser Tiere als „Schafkiller“ vor allem die Auskreuzung mit modernen Haushunden ihren Weiterbestand bedrohe. Je nach Ort wurden in Australiens Dingobeständen verbreitet Mischlinge nachgewiesen.
      Dingos sind indes keineswegs auf Australien beschränkt. Als ursprüngliche Hunde waren sie einst weltweit verbreitet, begleiteten Jäger und Nomaden oder lebten in frühen Siedlungszentren der Menschen. Heute findet man vor allem in Südostasien gebietsweise noch Dingos, oder Hunde, die nach ihrem Erscheinungsbild besehen Dingos sein müssten. Wo sie genauer untersucht wurden zeigten Dingos klare Unterschiede zu domestizierten Haushunden (Canis lupus familiaris), sowohl genetisch als auch in einigen Eigenschaften. Ihr Schädel ist allgemein grösser, die Reisszähne sind länger und die Weibchen haben einen Östruszyklus, der an Wildhunde erinnert. Sie werden nur einmal im Jahr läufig. Auch bellen Dingos normalerweise nicht, sondern kommunizieren durch heulen.


Die singenden Hunde Neuguineas

    Dass auf der Insel Neuguinea, nördlich von Australien, neben Baumkängurus, Paradiesvögeln und Kasuaren auch Hunde in der Natur leben, ist eher wenigen Besuchern bekannt. So war der Expeditionsleiter Tom Hewitt (Adventure Alternative Borneo) sehr überrascht, als ihm seine einheimischen Begleiter während einer Tour zum entlegenen Mandala Mountain in Westpapua plötzlich einen Hund zeigten. Fernab von jeglicher Zivilisation blickte der Expeditionsgruppe ein neugieriger, nicht sehr scheuer Hund entgegen, der das typische Gesicht eines Dingos und ein dichtes Fell aufwies. Hewitt nahm mit seiner Fotokamera ein Bild auf, bevor sich das Tier dann doch verzog. Wie einmalig diese Beobachtung und sein Bild waren, sollte er erst später erfahren, als er Fachleute kontaktierte.
    Hewitts Bild aus dem Jahr 2012 ist höchstwahrscheinlich das zweite Foto eines freilebenden Neuguinea-Dingos, nachdem dem australischen Biologen Tim Flannery 23 Jahre zuvor eine Aufnahme gelungen war. Die geheimnisvollen Hunde, die offenbar im Hochland der Insel Neuguinea überlebt haben, sind durch kaum mehr als ihre Spuren und ihr eigenartig melodisches Heulen bekannt. Über ihre heutigen Vorkommen weiss man kaum etwas. Wo Menschen mit ihren Hunden siedeln oder jagen, sind auch diese einst verwilderten Dingos durch Auskreuzung mit den Haushunden gefährdet.
    Fast alles, was man über die „singenden Hunde“ Neuguineas weiss, kommt von einer in Menschenobhut gehaltenen Population, die leider starker Inzucht ausgesetzt ist (eines der raren Tiere lebt im norddeutschen Tierpark Neumünster). Diese stammt von wenigen Gründertieren ab, weitere Tiere zur Erhaltungszucht konnten soweit nicht erlangt werden. Ein erstes Pärchen war 1956 aus dem südlichen Hochland Papua-Neuguineas zum Naturforscher Sir Edward Hallstrom und später in den Taronga-Zoo im australischen Sydney gebracht worden.
      Die Neuguinea-Dingos ähneln frappant dem verwandten australischen Dingo, sind aber relativ klein und kurzbeinig. Halter beschrieben sie als agile Kletterer, die sich mit beinahe katzenartiger Beweglichkeit über Hindernisse wie Zäune fortbewegen. Einige Tonaufnahmen dokumentieren ihr einzigartig melodisches Heulen. Die amerikanische Hundeforscherin Janice Koler-Matznick beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Neuguinea-Dingos und züchtet diese Hunde auch. Sie glaubt, dass uns Neuguinea-Dingos „den reinsten Blick zurück zum ursprünglichen Hund“ bieten können. „Meine Hoffnung ist, dass Hundeliebhaber ein Interesse daran finden, sie zu erhalten.“


Wie waren die frühesten Hunde?

    Forscher gehen davon aus, dass Dingos die letzte überlebende Form ursprünglicher Hunde seien, wie sie vor der Domestikation unserer modernen Haushunde existierten. Sie könnten uns also einen Eindruck davon vermitteln, wie die frühesten Hunde gewesen sein könnten. Hunde waren die ersten tierischen Gefährten des Menschen und zudem die einzigen Haustiere, die aus einem kräftigen Grossraubtier entstanden waren. Ob als Abfallverwerter oder als Jagdgehilfen, sie begleiteten bereits die nomadisch lebenden Jäger und Sammler der Frühzeit.
      Ihre Domestikation begann vor etwa 15‘000 Jahren, bevor der Mensch erstmals dazu übergegangen war, seine Nahrung zu kultivieren und sesshaft zu werden. Bis anhin lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wo die ersten Hunde entstanden waren und von welcher Wolfspopulation dies ausgegangen war. Die genetische Vielfalt der Wölfe war zu der Zeit deutlich grösser als heute, sodass es möglich wäre, dass eine heute ausgestorbene Wolfspopulation am Anfang der Hundewerdung gestanden war. Die grösste genetische Vielfalt an Haushunden scheint jedenfalls in Südostasien zu bestehen.
      Ob sie nun zu den Dingos gehören oder nicht, verschiedene Dorfhunde in traditionell verbliebenen Siedlungen Asiens oder Afrikas sind auffallend ursprünglich geblieben. Wie die freilebenden Dingos sind sie gefährdet, wo immer Kreuzungen mit „moderneren“ Hunden vorfallen. Selbst Nordamerika hat „seinen“ Dingo wiedergefunden. Dr. I. Lehr Brisbin entdeckte in der Wildnis der südöstlichen USA in den 1970er Jahren wildlebende Hunde, die dem australischen Dingo auffallend ähnlich sahen. Genanalysen zeigten, dass diese Carolina-Hunde asiatischen Ursprungs sind. Sie müssten also mit den Ureinwohnern Nordamerikas lange vor dem ersten Auftreten der Europäer eingewandert sein.

Publiziert in Tierwelt Nr. 47, 19. Nov. 2015

© E. Wullschleger Schättin

 

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