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Ursprüngliche Dorfhunde

 

Die Vielfalt der Dorfhunde

In Afrika und Asien haben ursprüngliche Dorfhunde überlebt, die sich seit Urzeiten weitgehend nach eigener Wahl fortpflanzen und mehr oder weniger eigenständig leben. Ihre genetische Vielfalt hat sich als überraschend hoch erwiesen.

      Die Hunde, die wir am Strand auf der Insel Waigeo vor Westpapua sehen, erinnern vom Aussehen her an die australischen Dingos. Sie sind recht klein und zierlich gebaut, haben aber die Kopfform und auch die typischen Stehohren der Dingos, welche in Australien seit Jahrtausenden verwildert sind. Eine stolze weisse Hündin steht in Imponierhaltung am Strand, während sich ein Welpe spielerisch nach Fressbarem umschaut. Die Hündin scheint über den Welpen zu wachen, ist aber ganz offensichtlich nicht die säugende Mutter. Auch auf dem Steg zur Lodge liegt ein rotbrauner Hund und versperrt uns somit den Weg. Er döst gelassen weiter, als wir knapp an ihm vorbeischreiten.
      Nicht nur bei der einheimischen Familie, welche die Touristenlodge führt, lebt eine ansehnliche Hundepopulation mit einigen Welpen. Auch im nahe gelegenen Dorf begegnen uns zahlreiche Hunde. Manche laufen gar zutraulich auf der Strasse ein Stück weit mit uns mit. Ein anderes Mal erleben wir, dass ein Hund, der sich wohl zu weit in das Nachbargelände vorgewagt hat, vom dortigen Rudel zurück zu «unserer» Lodge verjagt wird. Und ein junger weisser Hund begleitet einige Kinder, die im Meer während der Ebbe Verwertbares für die Küche sammeln. Wo Menschen ihr traditionelles Leben führen, sehen wir auf der Insel immer auch einige Hunde.


Fenster in die Vergangenheit

      Auf Reisen in ländlichen Gebieten Asiens, Ozeaniens oder Afrikas begegnen einem fast zwangsläufig solche Dorfhunde. Je nach Situation leben sie mit mehr oder weniger «Familienanschluss», aber meist als eigenständige Resteverwerter, wie es in den frühesten Zeiten des Zusammenlebens von Hund und Mensch zweifellos der Fall war. Sie bewegen sie sich frei, organisieren ihr Sozialleben und vermehren sich auch weitestgehend unbeeinflusst vom Menschen. Mancherorts sind sie als Wachhunde bedeutsam oder als Jagdbegleiter, sofern die Jagd auf Wildtiere erlaubt ist. Die ursprünglichen Hundeschläge können Tausende von Jahre alt sein, sofern keine von auswärts eingebrachten Hunde eingekreuzt wurden. Und sie haben sich als reiches genetisches Reservoir erwiesen, wie man es von den europäischen Rassehunden nicht mehr kennt.
      Vor einigen Jahren hatten sich Forscher um Adam Boyko von der Cornell Universität in Ithaca (USA) der Genetik ursprünglicher Dorfhunde ausführlich gewidmet. Ihre Zusammenstellung von genetischen Daten zeigte eine grosse genetische Vielfalt in den ursprünglichen Dorfhunden der traditionell lebenden, ländlichen Bevölkerung vor allem in Asien und Afrika. Die Forscher hatten Genproben von Hunderten verschiedener Dorfhunde und über tausend Rassehunden gesammelt und verglichen.
      So konnten sie beispielsweise feststellen, dass es unter den Dorfhunden regionale verwandtschaftliche Gruppierungen gibt. Untersuchte Hunde von Ostasien (Vietnam und südostasiatische Inseln), Zentralasien (Mongolei und Nepal), Indien, vom Mittleren Osten und von Afrika südlich der Sahara zeigen merkliche genetische Unterschiede zueinander. Anhand dieser Tiere ist es auch möglich, die Entwicklungsgeschichte der Hunde als frühestes Haustier des Menschen, und ihre Wanderungen um den Erdball, mit zunehmender Genauigkeit zu entschlüsseln.
      Dabei sehen diese Hunde, die recht unabhängig leben und wie Wildtiere auch der natürlichen Selektion ausgesetzt sind, praktisch überall auf der Welt ähnlich aus. Sie haben Stehohren, eine zugespitzte Schnauze wie der Wolf, etwa mittlere Grösse im Vergleich zu Haushunderassen und im typischen Fall einen leicht gebogenen sichelartigen Schwanz. Die Vielgestaltigkeit der modernen europäischen Rassehunde ist demgegenüber enorm. Obwohl die Rassehunde, durch die starke künstliche Selektion geschmälert, nur einen Bruchteil der genetischen Vielfalt aller Haushunde mit sich bringen!


Gefährdete ursprüngliche Vielfalt

      Vielerorts, vor allem in grösseren Städten wie Kairo, Mumbai, Kathmandu oder Port Moresby auf Papua Neuguinea zeigten die Genanalysen der lokalen Hunde indessen einen grösseren Anteil von Genen europäischer Hunde. In Afrika fanden die Forscher einen Flickenteppich von ursprünglich heimischen Dorfhunden und Hunden, deren Vorfahren später aus Europa auf den Kontinent gebracht worden waren. Und während die Dorfhunde auf Borneo ursprünglich geblieben sind, gehen jene auf der Insel Fiji im pazifischen Ozean fast ganz auf europäische Hunde zurück. Auch in Südamerika suchten Forscher nach genetischen Spuren ursprünglicher Hunde, denn die Vierbeiner waren schon vor Kolumbus’ Zeiten auf dem amerikanischen Doppelkontinent präsent. Sie fanden denn auch Spuren, die von Hunden der Ureinwohner stammen könnten, doch in der heutigen freilaufenden Hundepopulation Südamerikas überwiegt offenbar der Einfluss europäischer Hunde.
      «Die meisten Bestände von ursprünglichen Hunden haben sich mit importierten Hunden gemischt, ausser in den abgelegendsten Gebieten», befürchtet Janice Koler-Maznick, eine amerikanische Biologin und Hundezüchterin, welche sich dem Erhalt ursprünglicher Hunde widmet. Während es früher wahrscheinlich Tausende verschiedener lokaler Dorfhundetypen gab, ist heute nur ein Bruchteil davon in reiner Form übrig geblieben, schätzt sie. Denn wo es die wirtschaftliche Entwicklung erlaubt, kaufen die Leute gern Rassehunde, oder sie ziehen arbeitsbedingt an neue Orte und nehmen ihre Hunde mit. Wenn solche «auswärtigen» Hunde dann verwildern oder sich mit freilaufenden kreuzen, gelangen ihre Gene in den lokalen Bestand.
      Sowohl in ihrem Verhalten als auch in ihren Genen kommen die frei herumstreifenden Dorfhunde den frühesten Hunden deutlich näher als die modernen Rassehunde. Sie bieten gewissermassen ein Fenster in die Vergangenheit des Zusammenlebens von Mensch und Hund. Wie lange sie sich mit ihrer Lebensweise in Zukunft halten können, während die Modernisierung voranschreitet, bleibt unklar. Züchter haben sich einzelnen dieser Hunde angenommen, die nun, wie der Basenji aus dem Kongogebiet, als ursprüngliche Rassen auch fern ihrer Heimat nachgezogen werden.
      Dabei ist es für die Züchter nicht einfach, die Hunde eines verhältnismässig kleinen Zuchtbestandes in möglichst grosser genetischer Bandbreite zu erhalten. Koler-Matznick empfiehlt, ein offenes Zuchtbuch zu führen, das den laufenden Einbezug von neuen Individuen aus den Ursprungspopulationen erlaubt. Eine starke Selektion zur Förderung äusserlicher Merkmale ist zu vermeiden, denn dies würde stärkeren Genverlust verursachen. Ein Dilemma aber bleibt: Die ursprünglichen Hunde leben so künftig wie moderne Haushunde. Entsprechend sind andere Eigenschaften gefragt, etwa gute Führigkeit oder verringerte Ängstlichkeit. Ihre Anpassungen an die früheren Lebensumstände und Aufgaben könnten im Lauf der Weiterzucht leicht verloren gehen.

 

Weitere Informationen: Primitive & Aboriginal Dogs Society

 

Publiziert (leicht angepasst) in Tierwelt Nr. 20, 18. Mai 2017

© E. Wullschleger Schättin

 

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