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Hangul (Kaschmirhirsch)

Ein Hirsch kämpft ums Überleben     

Früher galt der Hangul als eine Unterart des weit verbreiteten Rothirsches, und blieb deshalb vielen Artenschützern unbekannt. Indische Wildbiologen bemühen sich darum, dass ihr vom Aussterben bedrohter Hirsch mehr Aufmerksamkeit und Hilfe erhält. 

      Die letzten Hanguls leben in der Dachigam-Landschaft nahe der Stadt Srinagar, im indisch kontrollierten Teil Kaschmirs. Es sind zierlich erscheinende Hirsche, die durch die Wälder des Dachigam-Nationalparks streifen und sich sommers auf den höher gelegenen alpinen Wiesen ernähren. Das ausladende Geweih eines Bockes, der dem Fotografen mit dunklen Augen entgegen blickt, zeigt die für ursprüngliche asiatische Rothirsche typische Aufwärtsbeugung nach der dritten Sprosse. Selbst die Sommertemperaturen bleiben im Dachigam kühl. Der Park mit seiner fast europäisch anmutenden Berglandschaft liegt in einiger Höhe im Himalaya, er erstreckt sich von rund 1700 Metern in den bewaldeten Tallagen bis auf 4300 Meter über Meer ins Gebirge.
      Rund 150 bis 200 Individuen des akut gefährdeten Hanguls oder Kaschmirhirsches leben laut den jüngsten Bestandesschätzungen noch, erklärt die Wildbiologin Dr. Samina Amin Charoo, Forschungsleiterin in der Abteilung Wildtierschutz im Bundesstaat Jammu und Kaschmir. Die Hirsche bleiben weitgehend auf den 141 Quadratkilometer kleinen Dachigam-Nationalpark beschränkt, und ein paar wenige Vorkommen einzelner Hirsche existieren in benachbarten Gebieten.

 

Wilderei und Problemleoparden

      Längst fressen sich die umliegenden Siedlungen der Grossstadt Srinagar in das zentrale Tal des Nationalparks hinein. Auch die ausserhalb des Parks liegenden Lebensräume der Hirsche sind durch Überbauungen und andere menschbedingte Störungen bedroht. Infrastrukturen wie einige Zementfabriken haben sich an der Parkgrenze angesiedelt. So bleiben den Tieren nur wenige Wanderkorridore, um in andere Gebiete zu gelangen. «Der Verlust und die Zerstückelung der Lebensräume sind offenbar eine wesentliche Gefährdungsursache», meint Samina Charoo.
      Einst war der Hangul über ein weit grösseres Gebiet beheimatet und der ausgedehnte Lebensraum erlaubte es den Tieren, sich frei zwischen verschiedenen Tälern zu bewegen. Der heutige Bestand im Dachigam-Nationalpark ist durch Inzucht genetisch verarmt. Die Fortpflanzungsraten sind allgemein gering, die Überlebensraten der Kitze ebenfalls. Zudem zeigte sich ein Ungleichgewicht im Geschlechterverhältnis, sodass verhältnismässig weniger Böcke und Kitze gezählt wurden, als in einer natürlichen Hirschpopulation zu erwarten wären.
      Nomadische Schafhirten mit Tausenden von Tieren nutzen den Sommerlebensraum der Hanguls, wo die Hirschkühe auch ihre Kitze gebären, und üben massiven Druck auf ihre dortigen Weidegründe aus. Kitze wurden durch die Hütehunde der Schäfer gerissen. «Problembären» und «Problemleoparden», die in besiedeltem Gebiet gefangen werden mussten, wurden im Nationalpark freigelassen (eine Praxis, die laut Dr. Charoo gestoppt wurde) und liessen die Zahl der Beutegreifer ansteigen. Vor allem aber Wilderer stellen eine zusätzliche Belastung für den kleinen Bestand dar.


Asiatischer Verwandter des Rothirsches

      Früher wurde der Hangul als eine Unterart des weit verbreiteten Rothirsches eingestuft, weshalb sein kritischer Gefährdungsstatus ausserhalb Indiens kaum zur Kenntnis genommen wurde. Nicht einmal auf der international viel beachteten Roten Liste der gefährdeten Arten der Weltnaturschutzunion IUCN war er besonders vermerkt. Dort stand einfach «ungefährdet» für den insgesamt sehr häufigen Rothirsch. Indische Biologen um den Genetiker Dr. Mukesh Thakur drängten schliesslich darauf, diese Darstellung zu überarbeiten.
      Neuere genetische Analysen unterstützen nämlich die Annahme, dass der Hangul nicht direkt zum Rothirsch zu zählen ist. Vielmehr bildet er mit zwei weiteren asiatischen Unterarten, dem Bucharahirsch und dem Jarkandhirsch, eine gesonderte Abstammungslinie. Die beiden letzteren sind zentralasiatische Tieflandbewohner und leben vorwiegend in sogenannten Tugaiwäldern entlang von Gewässern in trockenen Halbwüsten- oder Wüstengebieten, einer heute gefährdeten Vegetationsform aus Auenwald, Gebüsch und Röhrichten.
      Tatsächlich erreichten die besorgten Artenschützer letztes Jahr, dass die neue Klassifikation in der IUCN-Liste berücksichtigt wurde, obwohl die Situation im Detail noch weiter analysiert werden müsste. Und der indische Hangul hat als Unterart eine separate Einstufung auf der Liste erhalten: Sein Status ist nun ausführlich dokumentiert und er ist klar ersichtlich «vom Aussterben bedroht».
      Mukesh Thakur hofft, dass die Berücksichtigung des Hanguls auf der Roten Liste «hilft, internationale Aufmerksamkeit für den Schutz dieser Unterart zu erreichen.» Wenn der Hangul «nur» als Unterart des weit verbreiteten Rothirsches gelten und auf der Roten Liste weiterhin ignoriert würde, wäre dies weit schwieriger. Im Kaschmir selbst, und auch in anderen indischen Medien, wird auf das Bemühen der indischen Biologen hin öfters über den vom Untergang bedrohten Hirsch berichtet. Nicht zuletzt ist er als Symboltier des Bundesstaates Jammu und Kaschmir bekannt. Der kürzliche Bau einer Zuchtstation lässt ebenfalls Hoffnung für den Hangul aufkommen, der in einer schwierigen, von Unruhen betroffenen Weltgegend lebt.

Publiziert in Tierwelt Nr. 8, 22. Feb. 2018

© Text E. Wullschleger Schättin

© Bilder Dr. Lalit Sharma

 

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