Direkt zum Inhalt springen

Accesskeys

Pakarana

 

Nager mit gewichtiger Verwandtschaft

Wahrscheinlich haben erst wenige Schweizer je eine Pakarana zu Gesicht bekommen. Dieses scheue und seltene Nagetier wird auch in Zoos kaum gehalten und ist vermutlich stark bedroht. Dabei handelt es sich um ein ganz besonderes Tier: Es ist der letzte lebende Verwandte des kürzlich beschriebenen grössten Nagers der Welt.

Chinchillas, Agutis, Degus, Capybaras und natürlich die Meerschweinchen zählen zu den bekannteren Vertretern der meerschweinchenartigen Nagetiere. In Südamerika leben aber noch etliche weitere, teils gefährdete und wenig bekannte Verteter dieses vielgestaltigen Verwandtschaftszweigs von Nagern. Zu den geheimnisvollsten dieser Arten gehört die Pakarana, ein erst 1873 wissenschaftlich beschriebenes Tier. Es wurde spät entdeckt und seither nur selten gesehen, sodass über sein Leben in der Natur lange kaum etwas bekannt war.

Dabei sind Pakaranas stattliche Tiere: Sie bringen zehn bis fünfzehn Kilogramm Gewicht auf die Waage und erreichen eine Körperlänge von fast 80 Zentimetern. Nach dem Capybara und nach dem Biber zählen sie somit zu den grössten Nagern der Welt. Ihr Kopf ist verhältnismässig gross und trägt auffallend lange Schnurrhaare, die als Tastsinnesorgane auf eine nächtliche Lebensweise hindeuten. Die Füsse sind breit und mit starken Krallen versehen. Ihr Fell ist auf der Körperoberseite bräunlich-schwarz und weist längliche Reihen von hellen Flecken auf, wobei das Fleckenmuster individuell unterschiedlich ist. Es verleiht den Tieren eine gute Tarnung bei schwachem Licht im Gebüsch. Pakaranas werden oft mit den recht ähnlich aussehenden Pakas verwechselt, die ebenfalls zu den meerschweinchenartigen Nagern zählen.

Als Waldbewohner leben die Pakaranas in tropischen bis subtropischen Wäldern der hügeligen Andenausläufer im nördlichen Südamerika. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich zwischen 1800 und 3200 Metern Höhe von Bolivien über Kolumbien bis nach Venezuela. Weil die scheuen Tiere nur sehr selten in der Natur beobachtet werden, ist ihre Gefährdungslage schwierig abzuschätzen. Die fortschreitende Zerstörung ihrer Waldlebensräume lässt jedoch Schlimmes erahnen. Die IUCN stuft die Art vor allem wegen des Lebensraumverlustes als gefährdet ein und setzt bezüglich „Populationsentwicklung“ ein Fragezeichen. Auch die illegale Jagd wird als Bedrohungsfaktor genannt.


Schutzprojekt in Kolumbien

An der Universität von Bogotà in Kolumbien laufen seit längerem Forschungsprojekte zu meerschweinchenartigen Nagern und zu den bedrohten Ökosystemen der Andenausläufer. Im Rahmen einer Projektreihe zum Artenschutz gefährdeter Tiere wird auch die Pakarana intensiv studiert. Eine Gruppe von acht Pakaranas, die von illegalen Tierhändlern beschlagnahmt und der Universität überantwortet wurden, ermöglichte es den Forschern, ein Nachzuchtprogramm zu begründen. Die kleine Nagergruppe wurde in einem Freigehege auf dem Universitätsgelände untergebracht, und die Forscher um die deutschstämmige Biologin Karin Osbahr bemühten sich, so viel wie nur möglich über die Lebensweise des kaum bekannten Nagers in Erfahrung zu bringen. In der Fachliteratur gab es bis dahin nur sehr spärliche Angaben über Pakaranas.

Selbst in zoologischen Gärten sind nur noch sehr wenige Pakaranas anzutreffen, sodass ihr Überleben zurzeit nicht einmal in menschlicher Obhut gesichert ist. Wie es scheint, ist ein anfänglich recht guter Zoobestand über die Jahrzehnte stark geschrumpft. In Kolumbien bestand im Zoo von Cali eine der grössten Zuchtkolonien, die aber nach ständigen Todesfällen und Fehlgeburten auf vier Pakaranas geschrumpft war.

Bei den Pakaranas der Universität von Bogotà kam es nach anfänglichem Zuchterfolg, der die kleine Gruppe auf erfreuliche 17 Tiere anwachsen liess, ebenfalls zu einer Reihe von plötzlichen Todesfällen. Diese wurden eingehend untersucht und hatten sofortige Verbesserungen bei der Unterbringung der Tiere zur Folge. Im Lauf der Jahre konnten die Forscher nun einige Zoos und Artenschutzorganisationen als Kooperationspartner für das Pakarana-Schutzprojekt gewinnen. Diese erweitern die finanziellen Möglichkeiten des kleinen, lokalen Projekts und erhöhen die Chancen, dass die Pakarana vor dem Aussterben gerettet werden kann.*


Fossile Riesennager
    
Pakaranas sind die einzigen überlebenden Vertreter einer einst sehr artenreichen Gruppe meerschweinchenartiger Nager, der Dinomyidae. Diese aussergewöhnlichen Nagetiere, übersetzt in etwa „Schreckensmäuse“, wuchsen in der Vergangenheit teils zu erstaunlicher Körpergrösse heran. Ihr mutmasslich grösster Vertreter wurde vor kurzem entdeckt, als man seinen versteinerten Schädel in einem vergessenen Museumsbestand fand und genauer analysierte. Der Nagerschädel hatte eine Länge von 53 Zentimetern, was auf ein schätzungsweise mehrere hundert Kilogramm schweres Tier schliessen liess! Sein gigantischer Träger wurde mit dem Namen Josephoartigasia monesi versehen und gilt – bis man allenfalls grössere findet – als grösstes Nagetier der Welt.  

Auf dem Gebiet des heutigen Uruguay in Südamerika teilten unter anderem weitere gigantische Nager, Säbelzahnkatzen, fleischfressende Beuteltiere und drei Meter hohe Terrorvögel den Lebensraum des tonnenschweren Josephoartigasia. Dieser lebte vermutlich in den Wäldern entlang von Flussmündungen, wo er sich von weichem Pflanzenmaterial wie vielleicht Wasserpflanzen und Früchten ernährte. Mit seinen furchterregenden Schneidezähnen könnte er sich gegen Konkurrenten oder gegen Angreifer wie die Säbelzahnkatzen und Terrorvögel zur Wehr gesetzt haben.


Weitere Informationen: ZGAP


Publiziert in: Tierwelt Nr. 18, 2. Mai 2008

© E. Wullschleger Schättin

 

webdesign & cms by backslash