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Ultraschall bei Nagern

 

Mäuse singen im Ultraschallbereich

Ueber kürzere Distanzen kommunizieren Mäuse, Ratten und andere Nager auch im Ultraschallbereich. Ihren Haltern entgeht damit ein ziemlich grosser Teil der innerartlichen Kommunikation. Mäusemännchen etwa singen bei der Partnerwerbung „Liebeslieder“ in Ultraschall, wie die Forschung gezeigt hat.
    
Bekanntlich kann das menschliche Ohr nur ein bestimmtes Spektrum an Tönen wahrnehmen, das von sehr tiefen bis zu sehr hohen Tönen reicht.* Noch tiefere Tonfrequenzen, die als Infraschall bezeichnet werden, entgehen der Wahrnehmung des Menschen. Diese können aber beispielsweise Elefanten zur Kommunikation über grosse Distanzen dienen, denn der langwellige Infraschall hat eine enorm grosse Reichweite. Auf der anderen Seite des Frequenzspektrums liegen sehr hohe, kurzwellige Töne, die als Ultraschall bezeichnet werden und ebenfalls der menschlichen Wahrnehmung entgehen. Damit bleibt ein ziemlich grosser Teil der akustischen Kommunikation von Mäusen und Ratten für den Menschen im Dunkeln, denn diese Tiere können wie etliche andere auch Ultraschallfrequenzen durchaus hören und zur Kommunikation verwenden.


„Liebeslieder“ in Ultraschall

Für die Wissenschaft ist das keine neue Nachricht, ist die Ultraschallkommunikation bei Nagern doch seit längerem bekannt. Trotzdem kann es immer noch zu erstaunlichen Neuentdeckungen in dieser Hinsicht kommen, denn längst nicht alles wurde den Nagern bis heute von beflissenen Forschern mittels hochentwickelter Technik „abgehört“. Im Jahr 2005 sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass Mäusemännchen ihre Partnerinnen mit eigentlichen Gesängen im Ultraschallbereich zu beeindrucken suchen.

Man wusste zwar, dass Mäusemännchen bei der Partnerwerbung Ultraschalltöne von sich geben. Doch niemand hätte erwartet, von Mäusen eigentliche Gesangssequenzen zu hören, die verschiedene Tonsilben in regelmässig wiederkehrenden Mustern einsetzen und durchaus an die Sangeskunst von Singvögeln erinnern. Die überraschende Entdeckung des Mäusegesangs gelang den Forschern Timothy Holy und Zhongsheng Guo von der Washington University School of Medicine in St. Louis (USA).

Sie hatten Mäusemännchen Wattebäusche vorgesetzt, die mit dem Urin und den darin enthaltenen Sexuallockstoffen von Weibchen versetzt waren. Daraufhin liessen die Männchen eine schnelle Sequenz von zwitschernden Tönen hören, die sich in einem Frequenzspektrum von 30 bis 110 kHz bewegten. Die Forscher wandelten die Ultraschalltöne in für Menschen hörbare Frequenzen um und analysierten sie mittels komplizierter Computertechnik. So konnten sie erstmals die ausgeprägte Komplexität dieser Lautäusserungen zeigen.

Die Mäuse kommen nicht gerade an die Meistersänger der Vogelwelt heran, doch ihr Zirpen und Zwitschern tönt, wenn für menschliche Ohren hörbar gemacht, ganz ähnlich wie der Gesang von Vögeln. Bei Säugetieren sind komplexe Balzgesänge ansonsten nur von Walen und einigen Fledermäusen bekannt. Einige weitere Nagerarten zeigen allerdings komplexe Lautäusserungen, die noch nicht genauer untersucht wurden. Es ist also gut möglich, dass Ultraschallgesänge unter Nagern noch weiter verbreitet sind.


Bei Nagern verbreitet

Einfache Ultraschallrufe sind von etlichen Nagetieren bekannt – insbesondere von Ratten und anderen Echten Mäusen (Murinae), aber auch von Rennmäusen und Hamstern. Meist stehen diese hochfrequenten Rufe in Zusammenhang mit der Paarung oder mit Mutter-Kind-Interaktionen. Ratten zum Beispiel benutzen mindestens drei verschiedene Arten von Ultraschallrufen. Junge Ratten rufen im Bereich von 40 kHz, wenn sie vom Muttertier getrennt oder anderweitig gestresst werden. Diese Rufe bewegen die Mutter dazu, sich um die Jungen zu kümmern. Erwachsene Ratten rufen im niederfrequenten Ultraschallbereich, wenn sie Stress ausgesetzt sind, und um 50 kHz in Spiel- und Paarungssituationen oder in Erwartung eines Leckerbissens.

Experimentierfreudige Nagerhalter mögen versuchen, die Ultraschall-Laute ihrer Schützlinge mit einem Fledermaus-Detektor hörbar zu machen. Einfache Geräte haben aber nur ein beschränktes Frequenzsspektrum und nehmen deshalb unter Umständen nicht alle Töne wahr. Fledermaus-Detektoren können die Ultraschalltöne nur anzeigen, nicht im Detail mit all ihren Feinheiten hörbar machen. Dazu würde es eine weit kompliziertere Ausrüstung brauchen, wie sie die Forscher um Timothy Holy beim Aufnehmen des Mäusegesanges eingesetzt hatten. Diese kostet mehrere tausend US-Dollar.


Warnruf in Ultraschall

Mindestens eine Erdhörnchenart nutzt Ultraschall für Warnrufe, um die Artgenossen vor Beutegreifern zu alarmieren: Das Richardson-Erdhörnchen (Spermophilus richardsonii) braucht nebst „normalen“, für den Menschen hörbaren Warnrufen auch einen sehr leisen Warnruf in einer Ultraschallfrequenz um 50 kHz. Auf diese gewissermassen „geflüsterten“ Warnrufe reagieren ihre Artgenossen mit erhöhter Wachsamkeit. Die für den Menschen hörbaren Warnrufe lösten aber eine stärkere Alarmreaktion bei den Erdhörnchen aus. Deshalb nehmen die Forscher an, dass die Ultraschallrufe den Erdhörnchen eine geringere Dringlichkeit der Gefahrensituation signalisieren könnten – oder deren Reaktion auf die Ultraschallrufe geschieht mit Absicht unauffällig.

Die Ultraschallfrequenzen haben den Vorteil, für viele Beutegreifer nicht hörbar zu sein. Ultraschallrufe sind stärker gerichtet und werden rascher „geschluckt“ und gebrochen als längerwellige Frequenzen, weshalb sie nicht sehr weit tragen. Sie sind eher für die Kommunikation über kürzere Distanzen geeignet.


* bei jungen Menschen etwa von 16 bis 20'000 Hertz (= 20 kHz)

 

Publiziert in: Tierwelt Nr. 4, 26. Jan. 2007

© E. Wullschleger Schättin

 

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