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Gambia-Riesenhamsterratte

 

Helden aus der Nagerwelt

In Afrika haben sich Gambia-Riesenhamsterratten als Spürnasen bei der Minensuche bewährt, in Europa werden sie vereinzelt als exotische Heimtiere verkauft. Die Haltung dieser anspruchsvollen Wildtiere ist jedoch keineswegs einfach.

Gambia-Riesenhamsterratten (Cricetomys gambianus) sind in Europa seit einiger Zeit im Heimtiermarkt zu finden. Sie werden beispielsweise auf spezialisierten Zoofachmessen gehandelt und rufen offenbar das Interesse vieler Nagerfreunde hervor, die sich eine „besonders grosse Ratte“ wünschen. Dabei scheinen manche Tierhalter zu vergessen, dass es sich bei diesen Wildtieren nicht einfach um grössere Ausgaben der domestizierten Ratte handelt. Während die verbreitet gezüchteten Farbratten relativ leicht zähmbar sind, können Gambia-Riesenhamsterratten bei Erreichen der Geschlechtsreife ihre Zutraulichkeit verlieren und bissig werden, was den Umgang mit ihnen beträchtlich erschwert. Die grossen, kräftigen Riesenhamsterratten sind nicht einmal näher verwandt mit der bekannten Farbratte und führen im Gegensatz zu dieser von Natur aus ein einzelgängerisches Leben.


Nachtaktiver Hausgenosse

Dass bereits einige Halter mit der Gambia-Riesenhamsterratte überfordert sind, zeigen erste Abgabetiere, die an Tierheime oder andere Plätze weitergereicht werden. Auch in der Schweiz gelangte ein solches „Notfalltier“ vor einiger Zeit zu einer mitfühlenden Familie, die es bei sich aufnehmen wollte. Doch diese Tierhalter hatten offenbar keine Ahnung, worauf sie sich da einliessen, und sahen sich mit dem Tier bald überfordert. „Aus einem Käfig, in dem er bei diesen Leuten zuerst untergebracht war, hat er sich schon am zweiten oder dritten Tag herausgebissen“, erzählt Claudia Schenk vom Tierschutzverein „Club der Rattenfreunde Schweiz“, welche die Riesenratte namens Beesty von der Pflegefamilie übernommen hat. Wollte man ihm einen Leckerbissen aus der Hand geben, so hat er mit bemerkenswerter Flinkheit danach geschnappt, „sodass die Leute Angst vor ihm bekamen.“

Bei Claudia Schenk erwies sich Beesty seinerseits als ausgesprochen scheu. Er verschwindet am liebsten in seinem Häuschen, wenn sich Leute im Zimmer aufhalten. Gegenüber menschlichen Kontaktversuchen zeigt er sich kaum interessiert, anfassen lässt er sich nur ungern. Meistens hört Claudia Schenk mehr von ihm, als sie sieht, denn wie es für die dämmerungs- und nachtaktiven Riesenhamsterratten typisch ist, zieht sich Beesty tagsüber am liebsten zum Schlafen in sein Nest zurück. Dabei verschliesst er den Eingang sorgfältig mit Polstermaterial, wie auch wilde Gambia-Riesenhamsterratten die Eingänge zu ihren Bauen verschliessen und tarnen. „Sobald es in der Umgebung ruhig wird, fängt er an zu leben“, erzählt Claudia Schenk. Auf seinen nächtlichen Streifzügen macht er dann ziemlichen Radau.


Minensuchratten in Afrika

Einige Erfahrungen im Umgang mit Gambia-Riesenhamsterratten konnten Forscher in Afrika gewinnen, die sich intensiv mit diesen Nagern auseinandergesetzt haben. In ihrer afrikanischen Heimat sind die Riesenhamsterratten nämlich durch ein ganz besonderes Projekt berühmt geworden: Auf Initiative des Belgiers Bart Weetjens begründet, bildet die Organisation Apopo in Tansania Gambia-Riesenhamsterratten zur Suche nach Landminen aus. Viele Hoffnungen ruhen auf diesen Tieren, denn in Afrika sind noch immer Millionen von Antipersonenminen verstreut, die möglichst rasch aufgespürt und entschärft werden sollten. Die Minensuchratten benötigen für ihre anspruchsvolle Aufgabe ein intensives Training, welches bereits mit der Angewöhnung der Babies an den Menschen beginnt.

Vor Erreichen ihrer sechsten Alterswoche müssen die jungen Riesenratten durch regelmässiges Handling an den Menschen gewöhnt werden, sonst würden sie später nie richtig zahm, meint Bart Weetjens. Zum Glück pflanzen sich einige der Tiere in den Gehegen von Apopo fort, was keineswegs selbstverständlich ist. Obwohl Gambia-Riesenhamsterratten in der Natur recht vermehrungsfreudig sind, klappt die Zucht selbst in Afrika nicht immer. Manche der zusammengestellten Paare vertragen sich nicht und bekämpfen sich ums Territorium. Auch sind die genauen Umweltbedingungen, welche die Fortpflanzung begünstigen, nicht bekannt.

Die für das Training auserkorenen Jungratten lernen mittels Clickertraining, den Geruch von Sprengstoffspuren anzuzeigen. Jedes Mal wenn eine Ratte im Testlabor an einer Stelle schnüffelt, wo der Trainer ein paar Tropfen Sprengstofflösung versteckt hat, klickt dieser mit dem Clicker und gibt der Ratte einen Leckerbissen zur Belohnung. So lernen die Jungratten mit der Zeit, jede korrekte Anzeige mit einem Leckerbissen in Verbindung zu bringen. Im Gelände wird die Ausbildung verfeinert, bis die Riesenratten zur Suche nach echten Landminen eingesetzt werden können. Für diese Aufgabe werden sie zu einem weiteren Arbeitsteam nach Mocambique reisen. Dabei ist es für das Projekt vorteilhaft, dass sich die einzelgängerischen Riesenhamsterratten nicht an einen bestimmten Trainer binden, wie dies etwa Hunde tun würden. Sie können von jeder Person, die entsprechend ausgebildet ist, bei der Arbeit geführt werden.


Haltebewilligung erforderlich

Wer sich für die Haltung von Gambia-Riesenhamsterratten interessiert, muss sich um eine Haltebewilligung bemühen. Es ist auch zwingend erforderlich, sich über die Lebensansprüche dieser selten gepflegten Nager aus verlässlichen Quellen zu informieren. Wie bei anderen Exoten ist es nicht ganz einfach, solche Informationen zu finden. Ein weiterer Artikel über die Lebensweise dieser faszinierenden, aber doch schwierig zu haltenden Nager folgt.

 

Publiziert in Tierwelt Nr. 15, 10. April 2009

© E. Wullschleger Schättin

 

Gambia-Riesenhamsterratten richtig pflegen

Der Club der Rattenfreunde Schweiz hat 2015 eine informative Broschüre zur Haltung von Riesenhamsterratten herausgegeben: in deutsch NEU_gambia_riesenhamsterratte_de.pdf und in französisch NEU_gambia_riesenhamsterratte_fr.pdf

 

Minensuchratten adoptieren

Das Projekt Apopo mit den HeroRats kann man hier unterstützen.

 

 

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