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Luchs

 

Heimkehrer auf leisen Pfoten

Seit den 1970er Jahren streifen wieder Luchse durch einige Schweizer Wälder. Die prächtigen Katzen wurden hierzulande zu einer Zeit ausgerottet, als auch das Reh sehr selten geworden war. Und auch jetzt brauchen sie etwas Überlebenshilfe.

Luchse sind ziemlich aussergewöhnliche Vertreter der Katzenfamilie. Während es im Süden eine grosse Vielfalt von Katzenarten gibt, leben die Luchse vor allem in den gemässigten bis kalten Gebieten auf der Nordhalbkugel. Sie haben denn auch einige Anpassungen an das Leben in der Kälte. Ihr schönes Winterfell ist ausgesprochen dicht. Dank der langen Beine und der breiten Pfoten, die ein tiefes Einsinken verhindern, können sie sich gut im Schnee fortbewegen. Bei einem halben Meter Schneedicke sollen Luchse noch erfolgreich jagen können.

Seltsam ist, dass die Luchse einen kurzen Stummelschwanz tragen, der sich kaum wie bei anderen Katzen beim Ausdrucksverhalten als Signal einsetzen lässt. Ebenfalls aussergewöhnlich sind die „Pinselohren“, die durch ein Haarbüschel auf den Ohrenspitzen gebildet werden, und der mehr oder weniger ausgeprägte Backenbart, der dem Kopf ein markantes Aussehen verleiht.

Insgesamt vier Arten dieser mittelgrossen, hochbeinigen Katzen siedeln in der nördlichen Hemisphäre. Eine davon, der Eurasische Luchs, war früher von den Pyrenäen bis nach Sibirien und vom Nordkap bis hinunter zum Balkan in fast ganz Europa verbreitet. Er wurde jedoch im Lauf der letzten 200 Jahre in Mittel- und Westeuropa ausgerottet. Einzig im Norden und im Osten Europas konnte sich die Art stellenweise halten. Aus den osteuropäischen Karpaten stammten schliesslich die Luchse, welche ab 1971 für eine Wiederansiedlung in die Schweiz geholt wurden.

 

Mit den Beutetieren ausgestorben

Der wahrscheinlich letzte Luchs auf Schweizer Gebiet wurde im Jahr 1894 am Weisshornpass im Wallis geschossen. Dabei begann der Rückgang der heimischen Luchse schon wesentlich früher und war nicht ausschliesslich auf die Verfolgung durch den Menschen zurückzuführen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, im beginnenden Industriezeitalter, wurden die Wälder in der Schweiz wegen des hohen Holzbedarfs bedenklich übernutzt. Die Waldfläche ging stark zurück, und damit verlor der Luchs mehr und mehr seinen Lebensraum.

Seine Beutetiere, die Rehe, waren wie auch Steinbock, Hirsch und Gämse intensiv bejagt worden und beinahe ausgerottet, während die verbliebenen Wälder öfters als Viehweiden genutzt wurden. So erstaunt es nicht, dass die letzten Luchse häufiger Nutztiere wie Schafe oder Ziegen rissen und deshalb stark verfolgt wurden. Heute hat sich die ökologische Situation längst zu Gunsten des Luchses verändert. Der Rehbestand ist so hoch wie noch nie in den Jahrhunderten zuvor und die Waldfläche ist zumindest im Berggebiet ebenfalls wieder stark angewachsen. Sie hat sich seither im Berggebiet nahezu verdoppelt.
    

Im Wald auf die Pirsch

Der Luchs ist ein ausgesprochener Waldbewohner und bevorzugt deckungsreiche Landschaften wie naturnahe Wälder mit viel Unterholz. Darin ist die Jagd auf seine Hauptbeute, das Reh, einfacher, denn der Luchs ist ein Pirsch- und Lauerjäger. Wenn er seine Beute nicht aus wenigen Metern Distanz überraschen kann, vermag er dem flüchtenden Tier kaum mehr zu folgen. Ein erfahrener Luchs weiss genau, auf welchen Wildwechseln sich die Rehe in seinem Revier häufig bewegen, und wo seine Jagdaussichten somit am besten sind. Jüngere Luchse müssen solches erst lernen, und ihr Weg in die Selbständigkeit ist hart. Gerade in der Zeit, wenn sie sich von der Mutter lösen, sich selber zu ernähren beginnen und ein eigenes Territorium suchen, kommen viele Jungluchse ums Leben.

Tagsüber ruhen die prächtigen Katzen oft in ihren Verstecken, wobei sie durchaus die Nähe des Menschen tolerieren. Hin und wieder lassen sie sich dazu oberhalb einer belebten Strasse oder nahe einer Siedlung nieder. In der deckungsreichen Umgebung ist ein ruhender Luchs aber für ungeübte Augen nur schwer zu entdecken. Genauso wie der Fuchs und andere Wildtiere gehen Luchse einer direkten Konfrontation mit dem Menschen wenn immer möglich aus dem Weg. Selbst wenn sich Forscher ihren Jungen nähern, halten sich Luchsmütter vorsichtig abseits.

Selbstverständlich hat der Luchs einen gewissen regulierenden Einfluss auf das Ökosystem Wald, aus dem er einst verschwunden war. Die Rehe werden in Gebieten, wo der Luchs wieder vorkommt, merklich vorsichtiger, sichern häufiger und beobachten ihre Umgebung genauer. Örtliche Ansammlungen von Rehen sprengt der Luchs durch seine Anwesenheit auf, was massive Schäden durch Rehverbiss am Jungwuchs verhindert. Auch der Fuchs, der gelegentlich zur Beute eines Luchses wird, weiss den stärkeren Beutegreifer zu fürchten.

Ein Luchs schlägt ungefähr 60 Rehe im Jahr, wobei ihn die Beute für mehrere Tage Nahrung bietet. Im Schutz der Nacht kehrt er jeweils zu seinem Riss zurück, um daran weiter zu fressen. Wenn möglich wird die Beute dann mit Laub oder Ästen belegt und so versteckt. Da die Luchse einzelgängerisch in grossen Territorien leben, die sie gegenüber gleichgeschlechtlichen Artgenossen verteidigen, hält sich der Druck auf die Zahl ihrer Beutetiere in Grenzen. Das grössere Revier eines Luchsmännchens kann sich dabei mit den Revieren von zwei Weibchen überlappen. Während der Paarungszeit finden die Kuder, wie die männlichen Luchse auch genannt werden, durch stark riechende Urinmarkierungen und laute Ranzrufe zu einem deckungsbereiten Weibchen.

    
Warum der Luchs Hilfe von aussen braucht

Die Wiederansiedlung des Luchses in der Westschweiz hat sich soweit als die erfolgreichste in Mitteleuropa erwiesen. Zwei Populationen haben sich zum einen in den westlichen Nord- und Zentralalpen und zum anderen in den Jurabergen etabliert. Praktisch alle geeigneten Reviere im Gebiet waren zur Jahrtausendwende besetzt, der Populationsdruck nahm zu und Jungluchse hatten mehr Mühe, ein Territorium zu finden. Doch warum wandern die Luchse nicht weiter weg, um sich ein freies Revier zu suchen? Zurzeit ist kaum mehr als die Hälfte des geeigneten Lebensraumes in der Schweiz durch Luchse besiedelt und der Bestand in der Westschweiz ist immer noch so klein, dass sein längerfristiges Überleben nicht als gesichert gelten kann.

Der Grund der mangelnden Ausbreitung liegt offenbar darin, dass Luchse keine guten Kolonisatoren sind, die häufig weit weg in neue Gebiete wandern würden. Junge Luchse bevorzugen es, sich in der Nähe von Artgenossen niederzulassen. Sie sind schliesslich auf Paarungspartner angewiesen. Zudem sind die Waldlebensräume in der Schweiz stark verinselt, umgeben von Strassen, Siedlungen, hohen Bergkämmen und anderen Hindernissen. Nur sehr vereinzelt suchen Luchse über solche Barrieren hinweg nach neuen Lebensräumen – wie etwa jener, der vor einiger Zeit in der Umgebung von Aarau gesehen wurde. Mittels sorgfältig geplanter Umsiedlungsprojekte wie der „Luchsumsiedlung Nordostschweiz“ LUNO kann der Luchs bei seiner dringend notwendigen Ausbreitung wesentlich unterstützt werden. So besteht Hoffnung, dass sich die voneinander isolierten Luchsvorkommen in Mitteleuropa längerfristig wieder miteinander vernetzen und die Inzuchtgefahr dadurch gebannt wird.

 

Publiziert in: Zeitlupe, Nr. 1-2, 2010

© E. Wullschleger Schättin

 

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