Leopard
Gejagte Jäger
Ihr schönes Fell wurde den Leoparden beinahe zum Verhängnis und lockt bis heute Trophäenjäger. Wo sie vom Menschen unbehelligt bleiben, erweisen sich die scheuen Grosskatzen als sehr anpassungsfähig. Sie kommen in verschiedendsten Lebensräumen zurecht.
Leoparden führen ein recht heimliches Leben im Schatten ihrer grösseren Verwandten. In Afrika müssen sie sich seit jeher vor den Löwen in Acht nehmen, im asiatischen Raum erbeutet der Tiger hin und wieder einen Leoparden, der sich nicht rechtzeitig auf einen Baum retten kann. So kennt man die gefleckten Grosskatzen als äusserst vorsichtige, mehrheitlich nachtaktive Tiere, die sich tagsüber am ehesten in einer Baumkrone, bequem ausgestreckt auf einem starken Ast ruhend, zeigen. Grössere Beutetiere schleppen sie zum Schutz vor der stärkeren Konkurrenz in ein dorniges Gebüsch, oder sie tragen sie mit erstaunlicher Kraft in die Bäume hoch, um sie dort in Ruhe zu verzehren. Einzig auf Sri Lanka sollen die Leoparden seit Urzeiten ohne die mächtigeren Beutegreifer gelebt haben. Dort verhalten sie sich Beobachtern zufolge denn auch aussergewöhnlich unbesorgt, leben zu einem guten Teil tagaktiv und ziehen sich weniger auf die Bäume zurück. Leider hat die Sri Lankische Unterart des Leoparden nur noch geringe Überlebenschancen, denn ihr Bestand ist stark geschrumpft.Zusammen mit Löwe, Tiger und Jaguar gehört der Leopard als kleinster Vertreter zu den Eigentlichen Grosskatzen, die als Gattung Panthera von den übrigen Katzen abgegrenzt werden. Diese können im Gegensatz zu den anderen Katzen laut brüllen und haben runde Pupillen. Leoparden sehen bei Dunkelheit ausserordentlich gut, denn sie können ihre Pupillen sehr weit öffnen und weisen wie alle Katzen eine lichtreflektierende Schicht (Tapetum lucidum) hinter der Netzhaut auf, die das einfallende Licht zurückwirft und so die Lichtwahrnehmung verstärkt. Ihr Gehörsinn ist ebenfalls sehr ausgeprägt. Nachts und in der Dämmerung, wenn sie sich vornehmlich auf die Jagd begeben, können sich die Leoparden dadurch bestens orientieren.
Hervorragende Schleichjäger
Wie alle Katzen sind die Leoparden hervorragende Jäger. Sie können noch Beutetiere überwältigen, welche um einiges grösser sind als sie selbst. Ihr nach Katzenart verkürzter Kiefer ermöglicht es ihnen, beim Zubeissen einen enormen Druck zu entwickeln und so das Opfer schnell zu töten. Leoparden sind die vollkommenen Schleichjäger und vermögen sich ahnungslosen Beutetieren erstaunlich gut zu nähern. Sie stürzen sich aus dem Versteck auf das anvisierte Tier, bevor dieses überhaupt reagieren und einen Fluchtversuch unternehmen kann. Der Angriff erfolgt mit äusserst schnellen und weiten Sprüngen, doch flüchtenden Tieren vermögen Leoparden nicht lange zu folgen. Deshalb ist der Überraschungseffekt für den erfolgreichen Ausgang ihrer Beutejagd sehr wichtig. Auch sehr kleine Tiere wie Insekten, Vögel und kleine Nager werden von diesen anpassungsfähigen Katzen nicht verschmäht.
Leoparden sind ausgesprochene Einzelgänger, die ortstreu in Territorien leben. Das grössere Territorium eines Männchens überlappt sich dabei meist mit denjenigen mehrerer Weibchen. Die Geschlechter treffen sich nur zur Paarung, bleiben dann aber während einiger Tage zusammen und teilen gelegentlich einen Riss miteinander. Leopardinnen sind fürsorgliche Mütter, doch brauchen sie einiges an Erfahrung, um ihre Jungen aufzuziehen. Junge Leoparden gehen oft vorübergehend eigene Wege, wenn sie allmählich selbständig werden. Die Mutter teilt dann ihre Risse erneut mit dem Heranwachsenden, bis dieses vollkommen selbständig jagen kann. Ausgewachsene Töchter wandern weniger weit weg als männliche Jungleoparden und nehmen gelegentlich ein Streifgebiet in unmittelbarer Nähe ein, das sich mit demjenigen der Mutter teilweise überlappt.
Von Afrika bis zum Amur
Von allen Grosskatzen haben die Leoparden das grösste Verbreitungsgebiet. Ihre Vorkommen erstreckten sich natürlicherweise vom südlichen und westlichen Afrika über Arabien, Kleinasien, Indien und Asien bis zum Kaukasus und zum Amur. Dabei gibt es mindestens neun klar voneinander unterscheidbare Unterarten, wovon fünf auf der Roten Liste der gefährdeten Tiere stehen. Leoparden finden sich in erstaunlich verschiedenartigen Lebensräumen zurecht, seien dies nun Regenwälder im Kongo oder die ostafrikanische Savanne, trockene Gebirgszüge in Afghanistan und Pakistan, Halbwüste, Dornbusch, Sumpf- oder Mangrovenland in Indien, oder die im Winter verschneiten Nadelwälder am Amur. Sie sind extrem anpassungsfähig und unspezialisiert, auch was das Beutespektrum betrifft. Intensive Verfolgung durch den Menschen und der Lebensraumverlust setzen der gefleckten Grosskatze jedoch vielerorts zu. In etlichen Gebieten ihres ursprünglichen Vorkommens sind die Leoparden heute ausgestorben. Unter anderem auf der arabischen Halbinsel, in Nordafrika, in der südlichen und östlichen Türkei und im Kaukasus sind sie sehr selten geworden.
Manchmal lassen sich Leoparden in unmittelbarer Nähe von menschlichen Siedlungen oder sogar mitten darin nieder. Dies wird den kraftvollen Räubern nicht selten zum Verhängnis, denn Zwischenfälle mit Haustieren oder gar Angriffe auf Menschen kommen unter solchen Umständen immer wieder vor. Schwer zu erklären ist eine offenkundige Vorliebe mancher Leoparden für Hunde als Beute. Es wird verschiedentlich berichtet, dass Leoparden Hunde gegenüber anderen Haustieren wie Ziegen bevorzugen und öfters nachts ahnungslose Vierbeiner erbeuten, die im Freien schlafen. Von „Menschenfressern“, die gelernt haben, Menschen als Beute zu erachten, wird vor allem aus Indien und auch aus Pakistan gelegentlich berichtet. Oft sind illegale Siedlungen betroffen, die wegen des Landdrucks bis in Nationalparks hinein angelegt werden und die Lebensräume der Tiere zunehmend einschnüren. Die angegriffenen Personen waren meist abends oder nachts im Freien unterwegs.
Schwarze Panther mit Rosetten
Die verschiedenen Unterarten des Leoparden unterscheiden sich deutlich in ihrer Fellzeichnung, aber auch innerhalb eines Gebietes kann es zu grossen individuellen Unterschieden im Erscheinungsbild kommen. Normalerweise sind die Flecken der Leoparden, die ihnen Tarnung im Pflanzengewirr verleihen, auf dem Rücken zu Rosetten angeordnet. Einzelne Tiere haben aber Rosetten mit Tupfen in der Mitte, ähnlich wie der Jaguar. Andere wiederum haben Tupfen, die mehr an den Geparden erinnern. Im allgemeinen sind in Wäldern lebende Leoparden dunkler und haben eine engere Rosettenzeichnung als solche aus offenen Landschaften.
Immer wieder kommt es auch zu Schwärzlingen, die dann als „Schwarze Panther“ bezeichnet werden. Sie verdanken ihre dunkle Farbe einem rezessiv vererbten Gen. Selbst innerhalb eines Wurfes können einzelne Jungtiere Schwärzlinge sein. Obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, sind diese Panther nicht reinschwarz. Unter schräg einfallendem Licht zeigt sich in ihrem dunklen Pelz das für den Leoparden charakteristische Rosettenmuster. Schwarze Panther kommen am häufigsten in feuchten Wäldern vor.
Fellmode und Trophäenjagd
Das schöne Fell des Leoparden hat die Menschen wohl seit jeher begeistert. Afrikanische Stämme nutzten Leopardenfelle als Zeichen von Würde und Kraft für die Ausstattung ihrer Häuptlinge. Diese Vorliebe hält sich zum Teil bis heute. Traditionsbewusste Zulu und Angehörige der Shembe-Kirche in Südafrika haben einem Zeitungsbericht zufolge mit ihrer enormen Nachfrage nach Leopardenfellkleidung die Bestände der Grosskatze in der Provinz KwaZulu-Natal schmelzen lassen. Der illegale Fellhandel blüht offenbar in Südafrika, während andere Teile der erlegten Tiere für die traditionelle Medizin verwendet werden. Im Jahr 2008 wurden bei einem Händler in Südafrika 92 Leopardenfelle beschlagnahmt. Zusammen mit früher beschlagnahmten Fellen machten diese rund 30 Prozent der verbleibenden Leopardenpopulation in der Provinz aus.
Diese Zahlen sind erschreckend, doch sie erreichen nie das Ausmass der Schlachterei, welche ihren Lauf nahm, als in den 60er Jahren Mäntel aus Leopardenfell in den Industrieländern des Nordens in Mode kamen. Innert kurzer Zeit wurden damals ganze Bestände des Leoparden weggeschossen. Dank grosser Aufklärungskampagnen von Tier- und Naturschutzorganisationen und dank des 1973 begründeten Internationalen Übereinkommens über den Handel mit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (CITES) wurde diesem unsäglichen Frevel schliesslich ein Ende bereitet.
In einigen afrikanischen Ländern südlich der Sahara, wo der Leopardenbestand heute nicht gefährdet scheint, hält sich jedoch hartnäckig die Trophäenjagd auf Leoparden und zieht zahlungskräftige Jagdtouristen an. Bestimmte Quoten von Leoparden werden jährlich gegen gutes Geld zum Abschuss und zum Export freigegeben, wobei mindestens einige dieser Quoten auf ungenügenden Informationen zu den aktuellen Bestandeszahlen beruhen. In einzelnen Ländern wie Zimbabwe und Namibia ist immer noch das Jagen von Leoparden mit Hunden erlaubt. Für ein Verbot dieser tierquälerischen Jagdpraxis setzen sich in Namibia selbst professionelle Jäger ein, die um den Ruf ihres Landes (und um die Zukunft der lukrativen Trophäenjagd) besorgt sind.
Inzwischen illegal in Namibia ist Canned Hunting, eine besonders brutale Jagdpraxis, bei welcher gezüchtete Wildtiere wie Löwen, Antilopen oder eben Leoparden in einem Gehege eingeschlossen sind, um den Schuss zu erleichtern. Oft handelt es sich bei diesen absolut chancenlosen Opfern um Tiere, die mit dem Menschen vertraut sind und deshalb keine Furcht zeigen. Manche werden sogar mit Drogen betäubt, angebunden oder durch Futter angelockt erschossen. Beim Schiessen wird kaum je auf schonende Tötung geachtet, obschon entsprechendes Zielen ja unter den gegebenen Umständen sehr einfach wäre, denn man will die kostbare Trophäe, den Kopf, nicht zerstören. Aufgekommen war dieser brutale und absolut sinnlose „Jagdsport“, der die Chancengleichheit aufs Gröbste verletzt, während der letzten Jahrzehnte in den USA.
Publiziert in Tierreport, Nr. 1, 2010
© E. Wullschleger Schättin