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Symbiosen - wundersame Partnerschaften

Wenn sich zwei Arten zusammentun und beide voneinander profitieren, kommt es manchmal zu erstaunlichen Lebensgemeinschaften. Solche Kooperationen, auch Symbiosen genannt, sind in der Natur weit verbreitet.

      Dass die Kannenpflanze Nepenthes bicalcarata aus Borneo in Lebensgemeinschaft mit einer Ameisenart lebt, war schon länger bekannt. Es wäre an sich nichts Ungewöhnliches, gibt es doch in tropischen Gebieten viele Ameisenpflanzen. Von Akazien bis zu Wolfsmilchgewächsen haben ganz unterschiedliche Pflanzen ein enges Zusammenleben mit Ameisen verwirklicht, das beiden Partnern Vorteile bringt. Im typischen Fall verteidigen die Ameisen „ihre“ Pflanze energisch gegenüber allen möglichen Frassfeinden, was dieser einen Wachstumsvorteil beschert. Und im Gegenzug finden die Ameisen in kammerartigen Gebilden des Gewächses Unterschlupf.
      Aber warum sollte eine fleischfressende Kannenpflanze wie Nepenthes bicalcarata eine freundliche Verbindung mit Ameisen eingehen? Dieses Gewächs verleitet sonst Insekten dazu, sich seinen charakteristischen Köcherfallen zu nähern. Zwei bizarre, dornenartige Auswüchse über einer mit Verdauungssaft gefüllten Kanne sondern süssen Zuckersaft ab, welcher die Insekten anzieht. Anfliegende Insekten finden auf der glitschigen Pflanzenoberfläche keinen Halt und rutschen ab. Unter ihnen liegt genau die verhängnisvolle Kanne, welche der Pflanze als „Magen“ dient. Nur eben die Ameisen der Art Camponotus schmitzi fallen da nicht hinein, denn sie haben spezielle Haftlappen an den Füssen.


Insektenfalle mit kleinen Helfern

      Die Ameisen laufen munter auf der Kanne umher, bedienen sich am Zuckersaft und attackieren Insekten, die sich auf der Pflanze niedersetzen. Mit letzterem sorgen sie wohl auch für vermehrte Abstürze in die Kanne. Sogar der Verdauungssaft der Pflanze macht den kleinen Ameisen nichts aus. Gelegentlich wurden Exemplare darin schwimmend und tauchend gesehen, die darauf aus waren, der Pflanze ein Beutestück für ihren eigenen Bedarf zu stibizen. Das Ameisenvolk findet Unterschlupf in dicken, hohlen Ranken der Kannenpflanze, welche diese für ihre Mitbewohner bildet, und zieht darin auch seine Brut auf.
      Im letzten Frühjahr fanden Forscher, dass die fleischfressende Pflanze, die auf äusserst nährstoffarmem Boden wächst, ihrerseits enorm von den Ameisenpartnern profitiert. Von Ameisen bewohnte Kannenpflanzen erlangten bedeutend mehr Nährstoffe und bildeten mehr Blätter und grössere Kannen als solche ohne Ameisenvolk. Offenbar entsorgen die Ameisen ihre Abfälle in den Kannen und verrichten auch ihr Geschäft da hinein, was der Pflanze zusätzliche Nahrung bringt. Zudem befreien sie „ihre“ Pflanze vor Schimmelpilzen und verteidigen sie gegen Rüsselkäfer, die gern an den Blättern nagen.


Von Tiefseekrabben zu Wächtergrundeln

      Symbiosen, Lebensgemeinschaften zweier verschiedener Arten bei gegenseitigem Nutzen, sind erstaunliche und doch allgegenwärtige Erscheinungen der Natur. Nebst Räuber-Beute-Verhältnissen oder Wirt-Parasit-Verbindungen bringt der „Kampf ums Dasein“ auch immer wieder Kooperationen zwischen den verschiedendsten Organismen hervor. Pilze, Bakterien, Pflanzen oder Tiere können sich mit Partnern zusammentun, um gegenseitig nutzbringend einen Überlebensvorteil zu erlangen. Kein Wunder also, dass Forscher in artenreichen Lebensräumen wie den Tropenwäldern nicht nur ständig neue Arten, sondern auch neue Symbiosen entdecken.
      Schwer zugängliche, noch kaum bekannte Lebensräume wie die Tiefsee sind in dieser Hinsicht ebenfalls wahre Fundgruben. Vor wenigen Jahren wurde die Yeti-Krabbe Kiwa puravida an einer Tiefseequelle vor Costa Rica entdeckt, und damit ihre Symbiose mit Bakterien. Die Krabbe führt mit ihren pelzigen Scheren in der Strömung der Tiefseequelle eigenartige Wedelbewegungen aus. Dabei ist der Pelz ihrer Scheren dicht besiedelt mit Bakterien, die vom Schwefelwasserstoff und Methan der Quelle leben. Ganz offensichtlich dient der „Krabbentanz“ dazu, die bakteriellen Mitbewohner optimal mit Nährstoffen aus der Strömung zu versorgen. Die Krabbe selbst hat spezielle Mundwerkzeuge, um die so kultivierten Bakterien zu verzehren.
      In den Korallenriffen der tropischen Meere, wo der Artenreichtum blüht, bestehen vielfältige Beziehungen zwischen den Organismen. Putzerlippfische befreien grössere Fische von Parasiten, die für sie selbst willkommene Nahrung sind. Verschiedene Anemonenfische wie der bekannte „Nemo“ leben in enger Symbiose mit Seeanemonen. Die wenig schwimmtüchtigen Fische finden zwischen den Tentakeln ihrer Seeanemone Schutz vor Beutegreifern, und verteidigen sie ebenso vor deren Angreifern. Wächtergrundeln leben als Untermieter bei Knallkrebsen, die Gänge im Boden graben. Die Wächtergrundel, ein kleiner Fisch, sitzt am Eingang der Höhle und hält nach möglichen Gefahren Ausschau.
      Dabei orientiert sich der Krebs mit seinen langen, feinen Antennen tastend ständig über ihre Bewegungen. Nähert sich ein Feind, so flieht die Grundel in die Höhle, und auch der Krebs ist alarmiert. Knallkrebse sehen kaum in die Weite, weshalb die „Orientierungshilfe“ willkommen ist. Das Lebensmodell scheint erfolgreich, denn eine Reihe verschiedener Arten von Knallkrebsen haben sich mit jeweils unterschiedlichen Wächtergrundeln zu einer solchen Symbiose zusammengetan.
      

Mensch als tierischer Partner

      Im Prinzip ist auch die Haltung von Haustieren eine Symbiose, sofern die Tiere artgerecht versorgt und nicht ausgebeutet werden. Umgekehrt versuchen manchmal Tiere, den Menschen zu ihren Gunsten einzuspannen. Der Grosse Honiganzeiger lebt wohl seit Hunderttausenden von Jahren davon, dass er Menschen zu Wildbienenstöcken führt. Dabei scheinen diese Vögel sehr genau zu wissen, wo in ihrem Revier Bienenstöcke stehen. Taucht nun ein Mensch auf, so macht der Honiganzeiger mit lauten Rufen auf sich aufmerksam, fliegt dann ein Stück weiter und wartet, ob ihm der Mensch folgt. Wenn dieser das Bienennest aufbricht, um den Honig zu ernten, bleibt auch immer etwas für den Vogel übrig. Selbst den Wachs nimmt der Honiganzeiger auf, den er ohne Probleme verdauen kann.
      Sein Verhalten ist umso erstaunlicher, da Honiganzeiger ihre Eier wie Kuckucke in fremde Nester legen. Junge Honiganzeiger können sich das Anbetteln von Menschen und das Führen zu Bienennestern nicht von ihren Eltern abschauen. Es muss sich um ein genetisch festgelegtes Verhalten handeln. Ob diese einzigartige Symbiose eine Zukunft hat, ist indes fraglich. Wie lange werden es noch Menschen auf sich nehmen, für ein wenig Honig die Nester wilder Bienen aufzubrechen?
      

Publiziert (leicht verändert) in: Tierwelt Nr. 46, 15. Nov. 2012

© E. Wullschleger Schättin

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